Rudi Carrells Vermächtnis: Der Maßstab im deutschen Fernsehen
Es gibt Fernsehstars, die erfolgreich sind. Und es gibt jene, an denen sich Generationen von Moderatoren messen – wie Rudi Carrell. Auch 20 Jahre nach seinem Tod am 7. Juli 2006 gilt der gebürtige Niederländer als einer der größten Entertainer der deutschen Fernsehgeschichte. Für zahlreiche TV-Stars war er großes Vorbild, Fürsprecher und Förderer.
Dabei begann seine Karriere alles andere als triumphal. Beim Eurovision Song Contest landete Carrell 1960 mit seinem Lied auf dem vorletzten Platz. Ausgerechnet aus dieser Niederlage machte er Kapital: Mit viel Selbstironie nahm er das schlechte Abschneiden auf die Schippe – und erhielt prompt zwei Angebote des niederländischen Fernsehens. Es war der Beginn einer fast fünf Jahrzehnte währenden Karriere. Mit der zunächst in den Niederlanden produzierten "Rudi Carrell Show" und später mit Formaten wie "Am laufenden Band", "Herzblatt", "Rudis Tagesshow" oder "7 Tage, 7 Köpfe" prägte er das deutsche Unterhaltungsfernsehen wie kaum ein Zweiter. Und das nicht nur zu seinen Lebzeiten, bis heute schauen viele TV-Stars bewundernd zu ihm auf.
Der Ritterschlag für Thomas Gottschalk
Wie prägend Carrells Urteil war, weiß niemand besser als Thomas Gottschalk. 1977 moderierte er als blutjunger Newcomer die "Telespiele" im Südwestfunk, eine Sendung, in der Zuschauer per Mikrofon und Telefon das Videospiel "Pong" gegeneinander spielten. Prominente wie Bud Spencer, Manfred Krug oder Tony Marschall traten auf, die Show wurde zum Straßenfeger mit Einschaltquoten von mehr als 40 Prozent. Gottschalk avancierte zum TV-Shootingstar.
Eines Tages klingelte das Telefon in der Redaktion: Rudi Carrell, damals der König der Samstagabendshow, war dran. "Was ihr da macht, ist großartig", soll er gesagt und den jungen Moderator prompt in seine eigene Sendung eingeladen haben. Redakteur Holm Dressler erinnerte sich im "Spiegel": "Das war unser Ritterschlag. Ich weiß noch, wie Thomas völlig von den Socken war. 'Woher kennt der mich?', hat er immer wieder gefragt."
Karriereschub für Florian Silbereisen
Auch Harald Schmidt machte nie einen Hehl daraus, wie sehr er Carrell verehrte. "Das kann man sagen", antwortete er 2006 auf die Frage der "Zeit", ob der Niederländer ein Vorbild gewesen sei. Vier Monate vor dessen Tod besuchte Schmidt ihn in seiner Kölner Hotelsuite. Carrell hatte den Videorecorder bereits exakt auf die Stelle vorgespult, die er ihm zeigen wollte – "bei anderen Fernsehleuten geht es meistens damit los, dass sie umständlich suchen müssen", erzählte Schmidt. Sein Fazit über die letzte Begegnung: "Rudi Carrell hatte Las-Vegas-Format, er war der Einzige. Mit ihm ging für mich eine Epoche zu Ende. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen, er erschien mir ehrlich unsentimental." Nach einer Viertelstunde sei Schluss gewesen: Carrell wollte Fußball schauen. "Das war für mich das Zeichen zu gehen."
Florian Silbereisen wiederum verdankt Carrell einen entscheidenden Karriereschub. Den 7. Februar 2004 werde er nie vergessen, sagte er einst der Agentur prisma: den Tag seiner ersten "Feste"-Show. "Nur ganz wenige hatten damals an mich geglaubt." Noch am selben Abend rief Carrell Silbereisens Manager an und erklärte, er habe geglaubt, der Beruf des Showmasters sei ausgestorben – "aber jetzt wisse er, dass der Beruf weiterleben werde". Silbereisen: "Das von einem Mann zu hören, der weiß Gott nicht zimperlich mit seinen Kollegen umgegangen ist, war etwas ganz Besonderes." Carrell erkannte im Niederbayern früh das Talent und erklärte ihn gar zu einer Art Nachfolger im Showgeschäft – Silbereisen würdigte ihn 2017 mit seiner ARD-Hommage "Silbereisen feiert Rudi Carrell".
Ingolf Lück wollte immer sein wie er
"Wochenshow"-Star Ingolf Lück wiederum verehrte Carrell schon als Kind so sehr, dass er sich abends im Wohnzimmerschrank versteckte, um dessen Show durchs Schlüsselloch zu sehen: "Ich wollte immer sein wie er", sagte er einst im teleschau-Interview. Das erste Telefonat zwischen Lück und Carrell endete kurios: "Mich rief ein Mann mit holländischem Akzent an und faselte etwas von einer 'dollen Show'. Mit ein paar derben, nicht druckfähigen Flüchen knallte ich den Hörer auf die Gabel. Ich hielt das für ziemlich clever, weil ich mich auf keinen Fall von einem Stimmenimitator fürs Radio veralbern lassen wollte. Später traf ich Rudi Carrell tatsächlich hinter den Kulissen einer Show und er fragte als Erstes: "Wieso legst du auf, wenn ich dich anrufe?" Da verging mir mal das Lachen."
Auch Ulla Kock am Brink ("Die 100.000 Mark Show") gab Carrell zunächst einen Korb – allerdings mit voller Absicht: Nachdem sie als RTL-Redakteurin bereits einige Male vor der Kamera gestanden hatte, bot ihr die TV-Legende den Job der Assistentin in seiner Postleitzahlenshow "Die Post geht ab!" an. Sie lehnte ab – wenn auch mit mulmigem Gefühl: "Du kannst doch einem Rudi Carrell nicht eine derartige Abfuhr vor den Latz knallen!", erinnerte sie sich im teleschau-Interview. Carrell nahm es gelassen: "Ach so, du willst Chef sein – sag das doch gleich!" In ihm fand sie später einen Fürsprecher, der sie mit Produzent John de Mol in Kontakt brachte – der Beginn ihrer eigenen Moderationskarriere.
Wirklich enge Beziehungen zu Kollegen pflegte Carrell nicht: "Wer keine Freunde hat, wird nicht enttäuscht", lautete eines seiner berühmten Bonmots. Fans aber hatte er unzählige. Fast alle Größen der deutschen TV-Unterhaltung – von Gottschalk über Schmidt und Lück bis Silbereisen – sahen in ihm ihr Vorbild. Eines, das die heutige Fernsehlandschaft nicht mehr hervorbringen wird.
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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH