Blut, Drama und schwarzer Humor

"Interview mit einem Vampir": Kult-Film als tiefgründige Serie

02.01.2023, 13.15 Uhr
von Eric Leimann

Die Buchverfilmung "Interview mit einem Vampir" mit Tom Cruise und Brad Pitt löste 1994 einen Hype um das dunkle Leben der Untoten aus. Nun geht die Geschichte um die Vampire Lestat und Louis weiter. Sky zeigt ab dem 6. Januar die Horror-Reihe, in der nicht an Blut, Drama und düsteren Begebenheiten gespart wird. 

Als die amerikanische Schriftstellerin Anne Rice 1976 ihren Roman "Interview mit einem Vampir" veröffentlichte, war sie Mitte 30 und verarbeitete eine fürchterliche, traumatische Erfahrung. Ihre kleine Tochter Michele war im sechsten Lebensjahr an Leukämie verstorben, und die später zur Romanreihe ausgebaute Vampir-Saga wurde stets in jene Richtung interpretiert, dass Rice die Vampir-Werdung auch als Neuanfang des eigenen Lebens begriff – mit einem unendlichen Schmerz im Dauergepäck. Schließlich gibt es im Roman, dem starbesetzten Kinofilm von 1994 und nun auch in der siebenteiligen Serie (ab Freitag, 6. Januar, in Doppelfolgen bei Sky) die Figur des Kindervampirs Claudia: Im Buch ist sie fünf, im Film (gespielt von Kirsten Dunst) zehn oder elf und in der Serienversion nun 14 Jahre alt.

Homoerotische Anziehungskraft zwischen Lestat und Louis 

Das von der Kritik hochgelobte Reboot – eine zweite Staffel ist bereits bestellt – macht nun so manche Dinge anders, als es der trotz des Kultfaktors sicher nicht wirklich gute Kino-Blockbuster mit den jungen und gut geföhnten 90er-Schönlingen Brad Pitt, Tom Cruise und Christian Slater 1994 tat. Unter anderem darf man feststellen: Was schwul ist, darf hier auch schwul bleiben – die homoerotische Anziehungskraft zwischen Lestat und Louis war im Roman nur schwer zu überlesen, wurde im prüden Hollywood-Kino der 90-er aber nicht ausgelebt.

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Doch neben seiner nur im Geheimen lebbaren Sexualität hat Hauptfigur Louis de Pointe du Lac (Jacob Anderson, "Grauer Wurm" aus "Game of Thrones") noch ein weiteres Problem: Im – auch in Sachen Ausstattung – wunderbar flamboyant gezeichneten New Orleans der vorletzten Jahrhundertwende ist er als wohlhabender schwarzer Bordell-Unternehmer vielen Weißen ein Dorn im Auge. Als der französische Dandy Lestat de Lioncourt (Sam Reid) die bessere Gesellschaft von New Orleans aufmischt, fühlt sich der schwarze Außenseiter vom blonden Lebemann auf einmal gesehen, verstanden und geliebt. Er lässt sich von ihm – wie einst Brad Pitt durch Tom Cruise – zum Vampir machen. Inklusive aller Vor- und Nachteile: Die ewige Jugend und wunderbare Kräfte wie blitzschnelles Bewegen, Schweben oder Gedankenlesen bezahlt man leider mit Einsamkeit, ewiger Nacht und – zumindest im Falle von Louis – mit dem ewigen Schuldgefühl des Jägers seinen unschuldigen Opfern gegenüber. Denn ein Vampir braucht frisches, lebendiges Blut – und das eigentlich jede Nacht.

Darum geht es in der Horror-Serie

Im 28 Jahre alten Kinofilm (Regie: Neil Jordan) wird diese Geschichte als Rückblick auf ein damals etwa 200 Jahre währendes Vampir-Leben erzählt. Brad Pitt sucht im San Francisco der 90-er den jungen Journalisten Daniel Molloy auf, um ihm seine Geschichte – quasi als Warnung vor dem Vampirleben – zu erzählen. Molloy wurde 1994 von Christian Slater gespielt, weil der eigentlich vorgesehene Jungstar River Phoenix kurz zuvor unerwartet verstorben war. In der Serie gelang Showrunner und Autor Rolin Jones nun ein ziemlicher Coup: Der hochcharismatische Eric Bogosian, ältere Kinofans kennen ihn als furchtlos exzentrischen Radiomoderator aus Oliver Stones "Talk Radio" (1988), verkörpert einen gealterten Daniel Molloy, den Vampir Louis viele Jahrzehnte später (die Serie bezieht sich auf die Buchbegegnung in den 70-ern) wieder in sein Leben holt. Mittlerweile lebt Louis als vermögender Mann in einem Wolkenkratzer Dubais, wohin er den bekannten Journalisten einlädt.

Während der an Parkinson erkrankte Molloy die Biografie des Vampirs kritisch hinterfragt, versucht dieser, ein gerechtes Leben zu leben. Mithilfe von lebendiger "Tiernahrung" oder wechselnden "Toy Boys" und Vertrauten, die Louis im abendlichen Wechsel den Hals anbieten, während Molloy traditionelle Köstlichkeiten an der Dinner-Tafel serviert bekommt.

Vampire in Dubai

"Interview mit einem Vampir", die Serie, behandelt in Staffel eins übrigens nur die Zeit vor dem "Umzug" von Louis und seiner Adoptivtochter Claudia (Bailey Bass aus "Avatar – The Way of Water"). In Staffel zwei darf also weitererzählt werden, was der Film bereits tat: im Wesentlichen wohl die Trennung der Vampire Louis und Lestat sowie Claudias und Louis' Reise nach Europa. Dass man während des Interviews immer wieder in die Jetztzeit und damit in Louis' wunderbar ausgestattetes Designer-Paradies nach Dubai springt, ist eine prima Idee, denn so kann der großartige Eric Bogosian als scharfsinniger, vom Leben gezeichneter Zyniker glänzen. Überhaupt: Besetzung, die klugen Dialoge, das großartig eingefangene Flair von New Orleans in den Jahren von etwa 1900 bis in die "Golden Twenties": Alles an dieser Serie ist wunderbar geglückt.

Nicht umsonst beurteilten 99 Prozent der Kritiker auf der US-Metabörse "Rotten Tomatoes" die von AMC ("The Walking Dead", "Better Call Saul") produzierte Serie als positiv. Und das nicht nur aus Diversity-Gründen (schwule und schwarze Vampire). "Interview mit einem Vampir", das Hauptwerk der vor einem Jahr 80-jährig verstorbenen Anne Rice, dürfte die Autorin, die noch an der Entwicklung der Serie beteiligt war, posthum glücklich machen.

Komplex und tiefgründig

Der komplexe, wenn auch melodramatische Stoff zeigt in seiner seriellen Neuauflage endlich die Komplexität, die der Story innewohnt: die Traurigkeit des Vampirs, das Hadern mit der eigenen brutalen Natur und die Einsamkeit, die der Tatsache nachfolgt, dass man ewig da ist, während geliebte Menschen – sofern es sie gibt – altern und sterben. Dazu ergründet die Serie auch Eifersucht und die Brutalität von Liebesbeziehungen. Ein Thema, das über die sieben Episoden drastisch, sehr blutig, aber eben auch mit grimmigem Humor unterfüttert wird. Endlich mal eine Serie zu einem Kultfilm, über die man sagen kann: Die neue Fassung ist sehr viel besser als der aus heutiger Sicht doch reichlich kostümiert wirkende und gehetzt erzählte Kinoschinken von einst.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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