29.03.2021 ARD-Serie

Warum die "Lindenstraße" ein Jahr nach dem Ende fehlt

von Frank Rauscher

Am 29. März 2020  ging die "Lindenstraße" zum letzten Mal auf Sendung. Ein Jahr später fehlt die ARD-Serie, deren Abschied wegen der Corona-Pandemie ziemlich unterging.

Die allerletzten Bilder nach 35 Jahren gehörten Mutter Beimer und ihrem Home Turf: Im zartrosa-farbenen Wollkostüm, Perlenketten-behangen und hübsch geschminkt trat Helga (Marie-Luise Marjan) aus dem Haus Nr. 3 und schritt mit andächtigem Blick ein letztes Mal über den Asphalt der "Lindenstraße".

Vor dem "Akropolis" hielt sie kurz inne, um die goldene "80" zu bewundern, die man ihr zu Ehren über der Eingangstür angebracht hatte. Dann hörte man nur noch das "Happy Birthday to you ..." durch das Gemäuer dröhnen, es folgte ein letzter Kameraschwenk in den Himmel über München (obwohl die Serie bekanntlich in Köln gedreht wurde), und dann war es soweit: Schluss. Aus. Vorbei. "Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, Team und Ensemble bedanken sich von Herzen für die vielen Jahre ihrer Treue!" – Zeit für die Taschentücher. Mit der Ausstrahlung der Folge "Auf Wiedersehen", es war die 1.758., endete vor einem Jahr, am 29. März 2020, das größte deutsche Serienepos, das über all die Jahre wie das etwas naive Experiment wirkte, Fiktion und Realität in einer alltagsnahen Story zu vereinen. Ein Experiment, das darf man auch mit einem Jahr Abstand attestieren, das über weite Strecken erstaunlich gut gelang und die Maßstäbe für serielles Erzählen hierzulande neu definierte.

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Hort der Verlässlichkeit

"Ein kritisches, ausgleichendes und kommentierendes TV-Format, das es so sonst nicht gibt!" – So hatte der Schauspieler Moritz A. Sachs Anfang 2020 eigentlich auf die Frage antworten wollen, was die Gesellschaft seiner Ansicht nach mit der "Lindenstraße" verliert. Doch dann kam Corona, und Sachs, der bereits als kleiner Bub in der allerersten Folge der von Hans W. Geißendörfer erfundenen Serie mitmischte, änderte sein Statement vor der finalen Folge noch einmal: Es sei "der Verlust einer Serie" zu beklagen, "die vielen Zuschauern ein emotionales Zuhause geboten" habe.

Besser kann man es nicht formulieren, und nach zwölf Monaten ohne "Lindenstraße" und mehr als einem Jahr mit der Pandemie kann man darüber noch einmal ganz anders nachdenken. Es wird überdeutlich, dass die Einstellung der Dramaserie im Grunde eine Tragödie ist. Die "Lindenstraße", die am 8. Dezember 1985 erstmals auf Sendung ging, fehlt. Denn zumindest ein Teil der Menschen in diesem Land vermisst nun im Programm einen solchen Hort der Verlässlichkeit – all dem absurden "Mainstreammedien"-Geschrei gegen die öffentlich-rechtlichen Sender in ihrer Gesamtheit zum Trotz. Solche Refugien, in denen man sich aufgehoben fühlt und ein Stück weit den eigenen Alltag und Werdegang gespiegelt sieht, sind womöglich gerade in Krisenzeiten von gesellschaftlicher Bedeutung.

"Wir sind für viele ja fast Familie", befand Moritz A. Sachs damals. Dieser Verlust sei "zurzeit, da wir alle wegen der Corona-Ereignisse beunruhigt zu Hause sitzen, besonders bitter". Denn: "Vertrautes und Struktur können uns momentan sehr helfen."

Was seither passiert ist, welche gesellschaftlichen Verwerfungen die Pandemie mit sich bringen würde, das war seinerzeit natürlich noch nicht absehbar. Man darf aber davon ausgehen, dass in der "Lindenstraße" alle Seiten der Debatte in der typischen Alltagsnähe reflektiert worden wären. Gewiss hätten sich am fiktiven Münchner Kiez veritable Dramen mit Infizierten und Erkrankten abgespielt, fraglos hätten in der Serie auch die sogenannten "Querdenker", vom Verschwörungstheoretiker bis zum ganz normalen Kritiker der Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung, stattgefunden. Hier wäre von Menschen erzählt worden, die ihren Job, vielleicht ihre Existenz verloren haben. Ganz sicher hätten die Autoren auch den Zoff um die Hygienemaßnahmen an Schulen oder die vermeintliche Impfpflicht in ihren Plot eingebaut. Und wäre Helga Beimer mit ihren 80 Jahren jetzt eigentlich schon geimpft? – Wo sonst im fiktionalen Programm findet man so etwas heute?

Das Ende war unwürdig

Doch als Ende März 2020 die letzte Folge ausgestrahlt wurde, war das Echo in Medien und Gesellschaft eher unwürdig. Fakt ist, dass Deutschland in jenen Tagen normalerweise intensiv über das Ende der "Lindenstraße" debattiert hätte und nicht, wie es dann leider gekommen ist, über mangelndes Klopapier und noch viel, viel Schlimmeres. So ein eher geräuschloses Ende hatten sie nicht verdient, die Beimers und Zenkers dieser Welt. Aber immerhin war der von höheren Mächten erzwungene Perspektivenwechsel hilfreich, um die Dinge etwas klarer zu sehen und zu realisieren, welcher Wert uns mit der Serie abhandenkommt. Nie war sie so wertvoll wie heute, die "Lindenstraße", könnte man jetzt in Anlehnung an die Worte von Moritz A. Sachs tönen. Aber das wäre geheuchelt und auch bei Weitem nicht korrekt. Denn die "Lindenstraße" war immer wertvoll – das haben nur nicht mehr so viele Menschen mitbekommen wie einst.

Es war das große Problem der Serie, dass sie irgendwann, schon vor 15, eher 20 Jahren aus dem Fokus der Medien geriet. Noch bis weit in die 90-er hinein hatte die Geißendörfer-Produktion regelmäßig für Schlagzeilen und praktisch permanent für Gesprächsstoff gesorgt. Die gesellschaftliche Relevanz, sie wurde in der "Bild" verhandelt, in der "Tagesschau", bei "Wetten, dass ..?" – und in der "Lindenstraße".

Aber dann wurde vieles anders. Auf einmal war alles digital, alles musste eingeteilt werden in wahlweise cool – oder altbacken und uncool. Auch der Journalismus, gerade der Medienjournalismus, hat sich rasend schnell verändert. Da ist kein Platz mehr für die Iffis, Klausis und Vasilys dieser Welt. Geschrieben wird über das, was angesagt ist – eine politisch engagierte TV-Serie gehörte irgendwann nicht mehr dazu.

Die Wahrheit ist aber auch: Die "Lindenstraße" verlor massiv Zuschauer, und während im Privatfernsehen tägliche Formate wie "GZSZ" oder "Unter uns" erfolgreich an der jungen Zielgruppe herumbaggerten, wusch auch die ARD selbst das Profil ihres schillernden Premiumserienformats grau, in dem sie es der Konkurrenz ähnlich gelagerter Dailys wie "Marienhof" aussetzte. Wer sollte so viel Alltagsnähe auf Dauer aushalten? Aber selbst im Überangebot an Realismus-Fiction hat sich die "Lindenstraße" lange tapfer behauptet und manches Format kommen und gehen sehen. Und dann war es irgendwann eben so: Die "Lindenstraße" hatte ihre treuen Fans, und vom Rest wurde sie links liegen gelassen. Vergessen.

"Wir hatten bei den ersten Folgen auf Anhieb 13 Millionen Zuschauer", erinnerte sich Marie-Luise Marjan (80) vor einem Jahr. Wenn es um die "Lindenstraße" geht, weiß niemand besser Bescheid als sie, einst von allen liebevoll als "Mutter der Nation" bezeichnet: Sich die Serie anzuschauen, befand die mit ihrer Rolle in all den Jahren fest verwachsene Marie-Luise Marjan, sei "wie eine große Zeitung lesen – oder mehr als das: Wie ein Blick aufs eigene Leben". Die Serie, sagt sie, "ist nicht seicht, sie liefert Diskussionsstoff, Sichtweisen und manchmal auch unbequeme Auseinandersetzung". Es gab für sie "immer eine Art Symbiose zwischen den Figuren und den treuen Fans".

Es ging immer um Haltung

Die erste Seifenoper im deutschen TV bildete von der ersten Folge im Advent 1985 an nicht nur auf mithin erschreckend banale, realitätsnahe Art den Familienalltag ab, sie legte auch sofort eine klare Haltung an den Tag, mischte sich ein, war streitbar – und erzielte damit enorme Reichweite. Mit der Distanz von einem Jahr zum großen Finale darf man sich ruhig daran erinnern, dass dieses ARD-Format einst richtungsweisend war. Was im Programm von heute fast trotzig anachronistisch und für manchen Kritiker wie das biedere Relikt aus analogen Zeiten wirkte, war einst ein Ereignis: Regelmäßig mehr als zehn Millionen Zuschauer fieberten in den 80er-Jahren mit. Über die Familien Beimer, Flöter, Sarikakis oder Zenker sprachen die Leute so, als würden sie von Nachbarn, Freunden und Verwandten erzählen. Die Alltagsgeschichten aus der "Lindenstraße", sie wurden selbst zum Bestandteil westdeutschen Alltags. Und genau das war auch der Plan des Erfinders Hans W. Geißendörfer (79).

"Es gab mehrere Motive", antwortete der Produzent, der die Leitung längst an seine Tochter Hana weitergereicht hatte, einst auf die Frage, warum er damals gegen gar nicht so wenige Widerstände die Seifenoper des deutschen Nullachtfuffzehn-Alltags bei der ARD durchboxte: "Ich wollte viele, viele Menschen erreichen, weil ich mir einbildete, dass ich etwas zu sagen hätte, das etwas radikal Humanistisches und Politisches in sich trägt. So kam es, dass die 'Lindenstraße' vom ersten Moment an eine Haltung hatte." In der Tat hat die deutsche Kultserie des legendären Filmemachers, der am 6. April sein 80. Lebensjahr vollendet, viele heiße Eisen angepackt: Drogenmissbrauch, Integration oder Rechtsradikalismus wurden verhandelt, später geisterten Themen wie Flüchtlingskrise oder Terrorgefahr durch die Plots.

Pionierarbeit leistete der Dauerbrenner beim Thema Homosexualität. "Der politische Kommentar war von der allerersten Minute an unsere volle Absicht", erklärt der Produzent, der gleich in der allerersten Folge schlägernde Neonazis auf den Plan treten ließ und 1990 den ersten schwulen Fernsehserien-Kuss und 1997 die erste Hochzeit eines schwulen Paares im deutschen TV inszenierte. "Wir haben klargemacht, dass Schwule auch liebenswerte Menschen sind und dass sie nicht ausgegrenzt gehören. Wir bauten eine Brücke, mit der wir hartgesottene Konservative dazu brachten, ihre Haltung zu überdenken", erinnert sich der Filmemacher, der sich nicht nur einmal mit der Politik anlegte.

Mitte der 80er-Jahre regierte Helmut Kohl ein Volk, das sich noch über die lustigen Anfänge des Privatfernsehens wunderte, von einem Medienoverkill nichts ahnte und von der Wiedervereinigung nur träumen konnte. Die Menschen in der BRD richteten ihren Fokus auf den Arbeitsplatz-Erhalt und die Familie, und sie waren politisch interessiert – auf Demos zu gehen, war, so wie heute ja auch wieder, nichts Exotisches. Es war der perfekte gesellschaftliche Nährboden, um ein Soapformat mit realen Bezügen gedeihen zu lassen. Die "Lindenstraße" war die Lieblingsserie einer Nation, die noch mit einer gewissen Ehrfurcht aufs TV-Gerät blickte und "Wetten, dass ..?" zur größten Show aller Zeiten machte. Damals passte das alles zusammen.

Doch das Rad der Zeit dreht sich immer schneller. Hierzulande war zuletzt eher kein Streben nach gemeinsamer Identität zu verzeichnen. Man hätte vermuten oder auch hoffen können, dass sich das im Zuge der aktuellen Krise wieder neu justiert. Dass alle wieder etwas mehr nach dem suchen, was verbindet, anstatt auf jene zu hören, die trennen wollen. Doch davon kann angesichts der gesellschaftlichen Spannungen derzeit kaum die Rede sein. Vielleicht hat auch Schauspielerin Cosima Viola recht, die als "Jack" die Serie aufmischte, und in ihrem Statement zum Aus der Serie befand, "dass die 'Lindenstraße' mehr als Bildungsauftrag hätte gesehen werden müssen und weniger als reines Unterhaltungsprogramm".

Doch der Zug ist abgefahren. Die Faktenlage war zuletzt auch eindeutig: Die Serie hatte einen Zuschauerschnitt von unter drei Millionen und erreichte kaum mehr zweistellige Marktanteile. Die TV-Landschaft hat sich massiv verändert, "Wetten, dass ..?", ein anderes Relikt aus glorreichen TV-Lagerfeuerzeiten, wurde nicht umsonst auch längst eingestellt.

Aber wer weiß, vielleicht mag jemand darauf wetten, ob wir in zwei oder drei Jahren über große TV-Comebacks reden werden. Das Comeback des TV-Lagerfeuers wäre im Sinne eines etwas gedeihlicheren Miteinanders gewiss nicht das Schlechteste. Es zeugt jedenfalls nach wie vor nicht gerade von Weitblick, dass ein Fernsehformat wie dieses beendet wurde. Einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wie dem WDR, der die Serie in Köln fürs Erste produzieren ließ, hätte man den Mut und das nötige Feingefühl für die gesellschaftlichen Gegebenheiten gewünscht, mit dieser Institution trotz mauer Quoten anders umzugehen. Dieses Stück identitätsstiftendes Fernsehen hätte man womöglich neu ansetzen und größer machen müssen: andere Sende-Frequenz, andere Sendezeit, nur noch für die Dritten Programme oder für die Mediathek, neue Formatlänge bis hin zur Spielfilmreihe mit vielleicht zwei, drei 90-Minütern im Jahr – alles denkbar und besser, als auf dieses kleine aber feine Stück gesellschaftliche Relevanz im Programm zu verzichten.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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