Neuer Taunuskrimi

Nele Neuhaus im Interview: "Wir müssen es der KI schwermachen"

01.01.2026, 20.03 Uhr
Zwei Jahre nach "Muttertag – Ein Taunuskrimi" geht die Verfilmung von Nele Neuhaus" Bestseller-Krimis im ZDF weiter. In "In ewiger Freundschaft' ermittelt Pia Sander in einem Mordfall innerhalb der Buchbranche. Nele Neuhaus spricht über Inspiration, die Buchbranche und den Einsatz von KI.

Sie ist eine der gefragtesten Krimiautorinnen Deutschlands: Mit ihren Kriminalgeschichten aus dem Taunus begeistert Nele Neuhaus seit 20 Jahren ihre Leserschaft. Unter dem Reihenuntertitel "Ein Taunuskrimi" werden ihre Bücher seit 2013 im Auftrag des ZDF verfilmt. Den zehnten Film "In ewiger Freundschaft – Ein Taunuskrimi" zeigt das Zweite als Zweiteiler am Montag, 5. Januar, und Dienstag, 6. Januar, jeweils ab 20.15 Uhr. Kathrin von Steinburg schlüpft zum ersten Mal in die Rolle von Kriminalkommissarin Pia Sander, geschiedene Kirchhoff. Sie löst damit Annika Kuhl ab, die die Rolle erst im vorherigen Zweiteiler "Muttertag – Ein Taunuskrimi" von Felicitas Woll übernommen hatte. Mit ihrem Kollegen Oliver von Bodenstein (Tim Bergmann) ermittelt Sander diesmal in der Buchbranche: Eine Lektorin wurde brutal ermordet, gleichzeitig werden mehrere Personen aus dem Umfeld eines Literaturverlags bedroht. Woher Nele Neuhaus die Inspiration für ihre düsteren Geschichten nimmt, verrät sie im Interview. Außerdem spricht die 58-Jährige über die Gefahren und den Nutzen von KI beim Schreiben.

prisma: Frau Neuhaus, ist die Buchbranche wirklich so eiskalt, wie sie in "In ewiger Freundschaft" erscheint?

Nele Neuhaus: (lacht) Nein, das denke ich nicht. Es ist natürlich die Aufgabe von uns Autorinnen und Autoren, alles etwas überspitzt darzustellen. Die Verlagsbranche bietet den Eitelkeiten von Autoren und Verlegern eine große Palette an Möglichkeiten, was man beschreiben kann. Sie ist ein Haifischbecken, wenn auch nicht ganz so schlimm wie zum Beispiel die Finanzwelt.

prisma: Es sind also keine Personen aus Ihrem persönlichen Umfeld, die Sie in dem Film porträtieren?



Neuhaus: Doch – eine! Die Figur eines Literaturagenten ist von einem befreundeten Agenten inspiriert. Ich habe ihm damals die Stellen aus meinem Manuskript zum Lesen gegeben, er hat geschmunzelt und gesagt: "Ja, das kannst du gerne so machen." Er ist allerdings der einzige reale Mensch, den es als Vorlage gab. Alle anderen Figuren habe ich mir ausgedacht.

prisma: Wie oft kommt es vor, dass Freunde oder Bekannte von Ihnen meinen, sich selbst in Ihren Büchern entdeckt zu haben?

Neuhaus: (lacht) Das ist oft der Fall. Das liegt oftmals aber weniger an der Beschreibung der Figuren als vielmehr an ihren Namen. Irgendwo heißt schließlich immer irgendwer wie die Figuren in meinen Büchern. Diese Menschen fühlen sich dann angesprochen und wollen von mir wissen: "Haben Sie mich gemeint?" Manche von ihnen sind dann stolz, andere sagen: "Was? Mich in die Nähe eines Mörders zu bringen, ist schon ganz schön skurril!"

Nele Neuhaus ist "Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber"

prisma: Der Film erzählt unter anderem von einem Autor, der ein falsches Mordgeständnis ablegt, weil ihn der Haftaufenthalt inspiriert. Wie kommen Sie auf solche Ideen?

Neuhaus: Ehrlich gesagt, frage ich mich das auch manchmal. Oft wird mir das auch erst so richtig bewusst, wenn ich die Verfilmung meines Buches sehe. Die Figur von Severin Velten ist eine meiner Lieblingsfiguren, auch deshalb, weil sie komplett überzeichnet ist.

prisma: "In ewiger Freundschaft" zeigt, wie mühsam die Ermittlungsarbeit am Schreibtisch sein kann. Ein Aspekt, der bei vielen anderen TV-Krimis oft vermisst wird. Stehen Sie bei den Recherchen für Ihre Romane auch mit der Polizei in Kontakt?

Neuhaus: Ja, in der Vergangenheit habe ich oft und gerne mit der Polizei zusammengearbeitet. Neben mir an der Wand hängt sogar eine Urkunde vom Polizeipräsidenten Westhessen, der mich zur "Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber" ernannt hat, weil ich so sorgfältig recherchiere und die Polizeiarbeit sehr authentisch wiedergebe und darstelle. Denn in der Realität ist es natürlich nicht so, wie es häufig in Filmen gezeigt wird, dass die Polizistinnen und Polizisten zack, zack, zack etwas in den Computer eingeben und sofort ein Ergebnis ausgespuckt bekommen, sondern es ist akribische Kleinarbeit nötig, der ich in meinen Büchern auch Raum gebe. Und ich freue mich, dass es im Film auch so gezeigt wird.

"Ich bin nach wie vor unglaublich stolz darauf, dass meine Bücher verfilmt werden"

prisma: Oliver von Bodenstein wird im Gegensatz zu seiner Kollegin Pia Sander seit der ersten Folge von Tim Bergmann gespielt. Haben Sie, wenn Sie über Oliver von Bodenstein schreiben, teilweise schon ihn oder seine Stimme im Kopf?

Neuhaus: (lacht) Tim und ich sind mittlerweile wirklich gut befreundet. Wir machen zusammen Lesungen und telefonieren regelmäßig miteinander. Und tatsächlich, wenn ich anfange, einen neuen Roman zu schreiben, was aktuell der Fall ist, habe ich ihn am Anfang noch vor Augen, aber irgendwann übernimmt wieder mein "eigener" Bodenstein. In meinem Roman gibt es eine ganz witzige Stelle: Eine Zeugin schaut Oliver von Bodenstein an und sagt: "Mein Gott, Sie sehen aus wie Tim Bergmann!"

prisma: Inwiefern beeinflusst die Tatsache, dass der Taunus-Krimi verfilmt wird, Ihren Schreibprozess?

Neuhaus: Gar nicht. Beim Schreiben denke ich nicht an die Verfilmung.

prisma: Wie gefallen Ihnen die Verfilmungen Ihrer Bücher?

Neuhaus: Wie wohl die meisten Autorinnen und Autoren, deren Bücher verfilmt werde, sehe ich die Verfilmungen mit gemischten Gefühlen. Man gibt sein Baby in fremde Hände. Der Film ist ein ganz anderes Metier als das Buch, deshalb wird vieles verändert. Umso schöner ist es dann, wenn man den fertigen Film sieht und feststellt: "Ist ja doch ganz gut geworden!"

prisma: Haben Sie ein Mitspracherecht bei den Dreharbeiten?

Neuhaus: Theoretisch habe ich ein Mitspracherecht. Den meisten Regisseuren ist das aber egal. Die machen ihr Ding. Und eigentlich ist das ja auch richtig so. Denn wenn sie immer noch auf die Autorin der Romanvorlage Rücksicht nehmen würden, dann würden sie ja nie fertig werden. Bei der aktuellen Verfilmung gibt es allerdings einen neuen Regisseur, mit dem ich mich sehr eng austausche. Ich bin gespannt, inwiefern das letztlich auch Einfluss auf die Verfilmung haben wird.

prisma: Gab es schon einmal eine Szene, bei der Sie dachten: "Das hätte ich jetzt aber ganz anders gemacht!"?

Neuhaus: Ja, leider oft. (lacht) Aber das ist eben so! Das ist ein anderes Genre, und ich muss sagen: Ich bin nach wie vor unglaublich stolz darauf, dass meine Bücher verfilmt werden, weil das eben auch nicht so alltäglich ist. Insofern kann ich über ganz viel hinwegsehen und denke mir: Es wird fürs Publikum gemacht, und dem muss es gefallen! Das versöhnt mich immer wieder.

Wie erklären Sie sich diese weltweite Faszination?

prisma: Obwohl Ihre Krimis streng genommen Regionalkrimis sind, sind Ihre Romane weit über die hessischen Landesgrenzen hinaus beliebt. "Schneewittchen muss sterben" diente sogar als Vorlage für eine sogenannte K-Drama-Serie in Südkorea. Wie erklären Sie sich diese weltweite Faszination?

Neuhaus: Es ist die Geschichte, die ich erzähle. In meinen Krimis geht es um Menschliches: Rache, Neid, alte Wunden. Das ist international, weil jeder Mensch, egal, ob er in Südkorea, in Argentinien oder in Südafrika lebt, diese Emotionen kennt. Insofern spielt es keine Rolle, wo ein Buch letztlich spielt. Wichtig sind die Figuren, und die zeichne ich so lebendig, dass sie auch Menschen aus ganz anderen Kulturen berührt.

prisma: Haben Sie denn schon einmal darüber nachgedacht, in Südkorea auf Lesereise zu gehen?

Neuhaus: Tatsächlich waren meine Bücher über Jahre hinweg sehr erfolgreich in Südkorea. Ich war oft ganz vorne in den südkoreanischen Bestsellerlisten und wurde mehrfach eingeladen, habe aber die lange Reise gescheut. Irgendwann hat mein koreanischer Verlag dann einen Journalisten geschickt, der einen Tag lang mit mir unterwegs war. Daraus hat er dann einen großen Zeitungsartikel gemacht. Ich habe in Südkorea viele Fans, bin mit ihnen via Instagram verbunden, mittlerweile sogar mit dem Hauptdarsteller der TV-Serie, die auf meinem Roman "Schneewittchen muss sterben" beruht und "Black Out" heißt.

Über den Einsatz von ChatGPT: "Es ist ein Quantensprung!"

prisma: Die Buchbranche befindet sich allgemein in einer schwierigen Lage. Immer wieder gibt es erschreckende Berichte über das Sterben des Buchhandels und den zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Wie blicken Sie auf die Entwicklungen?

Neuhaus: Ich bin ein Mensch, der allen modernen Entwicklungen erstmal positiv gegenübersteht. Würden wir uns dem verschließen, würden wir jetzt noch mit Tinte auf Pergamentpapier schreiben. Bei den Recherchen zu meinem aktuellen Roman hatte ich zum ersten Mal ChatGPT an meiner Seite, und ich muss sagen: Es ist ein Quantensprung! Denn wenn ich früher Sachen recherchiert habe, war das oft sehr zeitaufwendig. Jetzt frage ich meinen Freund Chat, und er gibt mir innerhalb von drei Sekunden eine Antwort und zeigt mir so, wo ich weiter recherchieren kann. Was ich mir nicht vorstellen kann, ist, dass KI in nächster Zeit Bücher schreibt, die wirklich lesenswert sind. Von belletristischer Literatur sind Chat GPT und Co. noch sehr weit entfernt.

prisma: Doch das könnte sich in Zukunft ja ändern ...

Neuhaus: Wenn die KI eines Tages gute Belletristik schreiben kann, könnte das auch Vorteile für Leser und Leserinnen haben. Falls ich eines Tages keine Taunus-Krimis mehr schreibe, Leser aber trotzdem weiter von Bodenstein und Sander lesen wollen, können sie in Zukunft vielleicht ChatGPT fragen: "Schreib mir eine Fortsetzung der Taunus-Krimis von Nele Neuhaus." Und dann können sie sich daran erfreuen.

prisma: Sie machen sich also überhaupt keine Sorgen?

Neuhaus: Durchaus. KI kann zu einer großen Gefahr für uns Autorinnen und Autoren werden. Man muss wachsam bleiben und für das Urheberrecht kämpfen. Und wir müssen es der KI schwermachen, indem wir komplexe und besondere Geschichten erzählen. Um das Kulturgut Buch zu erhalten habe ich vor vielen Jahren eine Stiftung gegründet, die Projekte zur Lese-, Schreib- und Sprachförderung von jungen Menschen unterstützt. Denn nur wer wirklich gut mit seiner Sprache umgehen kann, hat ein Interesse daran, ein komplexes Buch zu lesen.

"Es gibt immer mehr Kinder, deren Eltern ihnen das Lesen gar nicht mehr vorleben"

prisma: Es heißt immer wieder, die Lesekompetenz sinke bei jungen Menschen rapide ...

Neuhaus: Ja! Absolut! Das sehe ich auch an meiner eigenen Tochter: Sie ist jetzt 18 und liest eigentlich gerne, aber am Ende ist die Konkurrenz durch TikTok und Instagram einfach immer größer. Es gibt immer mehr Kinder, deren Eltern ihnen das Lesen gar nicht mehr vorleben, und die haben später im Wettbewerb um Ausbildungs- und Arbeitsplätze das Nachsehen.

prisma: Eines der wenigen Genres, das gerade boomt, heißt "Young Adult". Bücher für junge Erwachsene also, die allerdings oft als minderwertig kritisiert werden. Was ist Ihre Meinung dazu?

Neuhaus: Mir ist es vollkommen egal, was die jungen Menschen lesen, so lange sie überhaupt lesen. Es ist wunderbar zu sehen, wie junge Leute auf der Frankfurter Buchmesse die Hallen stürmen. Es ist auch schön, dass sich nach Jahren der Krimi-Dominanz nun auch ein neues Genre etabliert hat.

prisma: Letzte Frage: Sie sagten, Sie schreiben derzeit am zwölften Taunus-Krimi. Gibt es schon eine Tendenz, wann der Roman erscheinen wird?

Neuhaus: Ja, Ende April habe ich den Abgabetermin. Das heißt im August oder September 2026 soll das Buch erscheinen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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