Georges Franju

Georges Franju
Geboren: 12.04.1912 in Fougères, Frankreich
Gestorben: 05.11.1987

Er ist nach Luis Buñuel, Jean Vigo und Josef von Sternberg einer der Großen des Kinos, auch wenn viele seinen Namen nicht kennen. Georges Franju fühlt sich den Surrealisten verbunden und war mit seinem Werk stets der Zeit voraus - mit den poetisch-zynischen Dokumentar- und Kurzfilmen, ebenso wie mit den Horror- und Fabelfilmen, die Schrecken und Magie in einer aufregenden Mischung aus Bildimpressionen von Eugen Schüfftan und Marcel Fradetal und Musiken von Maurice Jarre verbreiten.

Nach der Schulausbildung arbeitet Georges Franju kurz bei einer Versicherungsgesellschaft, später als Packer in einer Nudelfabrik. Nach dem Militärdienst in Algerien (1932) studiert er Theaterdekoration und arbeitet an den Folies-Bergère und am Casino de Paris.

Er dreht seinen ersten Kurzfilm "Le Metro" 1934 gemeinsam mit Henri Langlois. Franjus Freundschaft mit Langlois führt zu den verschiedensten Aktivitäten. Gemeinsam geben sie eine Filmzeitschrift heraus, die aber nach zwei Ausgaben eingestellt wird, organisieren 1936 einen Filmclub und gründen 1937 die Cinémathéque Français. Im gleichen Jahr wird Franju zum Generalsekretär der FIAF, dem internationalen Archivverband gewählt.

Dort bleibt er bis 1945, und danach ist er bis 1953 Sekretär des Institute de Cinématografique Scientifiqueue. Vor allem aber wird er durch seine Kurzfilme international bekannt. Erst spät, im Alter von 46 Jahren, in der Zeit der Nouvelle Vague, dreht er seinen ersten Spielfilm "Mit dem Kopf gegen die Wände" (1958). In seinen Spielfilmen verbinden sich Elemente des traditionellen französischen Kinos seit Louis Feuillade, dem Regisseur von "Fantomas" (1913) und "Die Vampire" (1915/16), und der neuen Welle, dem Autorenfilm.

In den Kurzfilmen beschreibt Franju exakt und detailliert Gegenstände und Tätigkeiten, hinter denen nicht selten das Grauen lauert. Einer seiner berühmtesten Kurzfilme ist "Das Blut der Tiere" (1949), ein Film über den Pariser Schlachthof. Wie Franju und sein Kameramann Marcel Fradetal die Kamera führen, die Art der Beleuchtung und das Herangehen an die Tätigkeiten, der rasche Wechsel zwischen Makabrem und Banalem, das versetzt den Film in eine Schwebe zwischen Realem und Irrealem. Mit großer Skepsis begegnet der Zuschauer dem vorgeführten Bild.

Einer seiner einprägsamsten Dokumentarfilme ist "Hôtel des Invalides" (1951) über das Pariser Kriegsmuseum, das Nationaldenkmal Frankreichs. Die glamourösen Zeugnisse der Kriegsführung, die Waffen und Rüstungen werden ganz plötzlich zu Hilfsmitteln der Zerstörung des Menschen. Die verkrüppelten Gestalten der Kriegsveteranen und die Parade der ehrenvollen Gegenstände, das ist Hohn.

Franju arbeitet nicht hektisch, aber auch nicht distanziert. Er ist immer beteiligt, steigt voll und ganz in die Geschichte ein, und die verweilende Betrachtung hat auch etwas mit Fasznation zu tun, einer Faszination des Grauens und des Schönen zugleich. Er porträtiert den großen Magier des frühen Kinos "Le Grand Méliès" (1952) und das Entdeckerpaar "Monsieur et Madame Curie" (1953), das "Théâtre National Populaire" (1956) und "Notre Dames, Cathédrale de Paris" (1957).

Georges Franju liebt die Fabelwelt, das Gute und das Böse stehen sich gegenüber, mehr hinterfragen will er nicht. Und so sind manche Filme mehr dem Abstrakten, Symbolhaften verhaftet, den Fabeltieren und Fabelwesen wie in dem Horrorfilm "Augen ohne Gesicht" (1959), der in deutschen Kinos "Das Schreckenshaus des Dr. Rasonoff" hieß, oder in seinen beiden Louis-Feuillade-Adaptionen "Judex" (1963) und "Nuits Rouges" (1973).

Es sind unheimliche Gestalten wie "Fantomas", die Franju eigentlich inszenieren wollte. Typisch dafür ist die "Judex"-Verfilmung von 1963. Eine phantastisch konstruierte Geschichte von Böse und Gut, von Vorsehung, Wunder und Märchen, von Grausamkeit und Schönheit. Am Schluss widmet Franju den Film der "Erinnerung an Louis Feuillade und an ein Jahr, das nicht glücklich war, 1914". "Fantomas" ist ein Supermann des Bösen, "Judex" der Gerechtigkeitsapostel. Doch Franju nimmt ihm die Aura des Überdimensionalen und macht aus ihm einen schönen, edlen Rächer. Nur sparsam sikzziert er den Rahmen, das Gesellschaftsmodell, in dem er agieren läßt. Die Umrisse des Geschehens entsprechen dem romantischen Abenteuerroman, doch das "Wie" ist bei Franju entscheidend, nicht das "Was". Farben oder Schwarzweiß spielen eine wichtige Rolle: Am Ende von "Judex" eilt in leuchtend weißem Kleid die Trapezkünstlerin dem Edlen zu Hilfe! Franjus Gruselkulisse bevorzugt den dunklen Wald, die unheimlichen Gemäuer, den Käuzchenschrei und die großen, wilden Hunde.

Daneben stehen aber auch Filme wie das Debüt "Mit dem Kopf gegen die Wände" und "Die Tat der Therese Desqueyroux" (1962): Menschliche Formen des Zusammenlebens werden zu Schreckensvisionen. Die Irrenanstalt als Ersatz für das Bemühen um einen Menschen, der Hilfe braucht: Der Vater lässt den unliebsamen Sohn hinter den Sanatoriumsmauern verschwinden. Auch "Therese Desqueyroux" ist die Geschichte eines grausamen Zwangs. Thereses kurzer und vergeblicher Versuch, sich durch Mord von dem Unterdrücker zu befreien, führt in eine Zeit der qualvollen Duldung und Isolierung, die sie schließlich formt, sie nie mehr zu einem selbstständigen Menschen werden lässt.

Das Drehbuch für "Thomas, der Schwindler" (1964) hat Jean Cocteau nach einem eigenen Roman geschrieben und Franju wollte den Film schon 1952 drehen: eine Kriegsgeschichte aus dem ersten Weltkrieg, in der ein französischer Soldat bei der Organisation von Krankentransporten hilft. Poesie, surrealistische Traumvisionen und Satire auf Kriegseuphorie und militaristischen Schwachsinn durchziehen den Film.

Bei dieser Art von Sujets hat Franju Gelegenheit, den Horror ganz subtil, ganz ruhig einzubringen, den Horror, der nichts mit blutigen Köpfen zu tun hat, wie bei den Genrefilmen. Hier werden Gesten und Handlungen so vorgeführt, dass ihr physischer und psychischer Terror unentrinnbar scheint.


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