Kranke Geschäfte
25.09.2020 • 20:15 - 22:00 Uhr
Fernsehfilm, Thriller
Lesermeinung
Armin Glaser (Florian Stetter) nutzt seine Stellung bei der Staatssicherheit, um eigene Nachforschungen zu betreiben.
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Dr. Sigurd (Corinna Harfouch, li.) zeigt sich ihrer Patientin Kati Glaser (Lena Urzendowsky, re.) gegenüber einfühlsam.
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Dr. Sigurd (Corinna Harfouch, re.) klärt Marie Glaser (Felicitas Woll, li.) über die Nebenwirkungen der Medikamente ihrer Tochter auf.
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Armin Glaser (Florian Stetter) fährt seine kranke Tochter Kati (Lena Urzendowsky).
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Originaltitel
Kranke Geschäfte
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2019
Fernsehfilm, Thriller

Wie testeten westliche Pharma-Firmen in der DDR?

Von Eric Leimann

Medizinische Hilfe, Auftragstestungen für Devisen, Vertuschung? Ein fiktives Drama rund um den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung thematisiert die Medikamententests westlicher Firmen in der DDR. Dabei erzählt "Kranke Geschäfte" auch von Vatergefühlen und Glaubensverlusten ins System.

"Waffen, Menschen, Kunst. Als Alexander Schalck-Golodkowski für die bankrotte DDR Devisen besorgte, ließ er keine Geldquelle aus", schrieb der Berliner "Tagesspiegel" 2016. Damals hatte das vom Bund geförderte Forschungsprojekt "Klinische Arzneimittelforschung in der DDR" gerade seinen Abschlussbericht zu den jahrzehntelangen Medikamententests westlicher Pharmafirmen in der DDR vorgelegt. Auch – so die Wissenschaftler – wenn die heute höheren Standards in Sachen Patientenschutz dabei nicht immer erreicht wurden, um klassische "Menschenversuche" handelte es sich dabei nicht. Es war eher ein Dreieckshandel zwischen westlicher Pharmaindustrie, dem finanziell maroden – aber immer noch gut organisierten – Staate DDR und Patienten, die darauf hofften, mit West-Pharma-Hightech von ihren Leiden kuriert zu werden.

Dennoch bietet der Stoff natürlich viel Raum für Ost-West-Phantasien. Eine davon läuft im Jubiläumsumfeld des 30. Jahrestags deutscher Wiedervereinigung im ZDF. "Kranke Geschäfte" erzählt aus dem Jahr 1988 und der Kleinfamilie des linientreuen Stasi-Offiziers Armin Glaser (Florian Stetter). Mit Frau Marie (Felicitas Woll) und Tochter Kati (Lena Urzendowsky) lebt er in Karl-Marx-Stadt. Als bei Kati Multiple Sklerose diagnostiziert wird, hofft man auf eine neuartige, vielversprechende Behandlung im Bezirkskrankenhaus, die von der Ärztin Dr. Sigurd (Corinna Harfouch) geleitet wird. Ungereimtheiten bei der Behandlung lassen Schnüffel-Profi Armin jedoch misstrauisch werden. Warum reagiert Katis Leidensgenossin und Bettnachbarin (Amber Bongard), Punkerin und alles andere als eine Vorzeige-Sozialistin, so viel besser auf die Medikamente als seine Tochter?

Placebo-Medikamente und bröckelnde Ideologie

Armin nutzt seinen Rang in der Stasi, um an Informationen zu kommen. Kann es sein, dass westdeutsche Pharmakonzerne ihre noch nicht zugelassenen Medikamente an ostdeutschen Bürgern – und gerade an seiner Tochter – testen? Bekommt sie das – hoffentlich – wirkungsvolle Medikament oder nur ein Placebo? Und ist die Studie am Ende doch eine gute Sache, weil dieser Weg der einzige ist, der Heilung oder zumindest Linderung des tückischen Leidens verspricht?

Parallel erzählt der Film auch aus westlicher Sicht. Eine deutsche Pharmafirma und ihre Manager (unter anderem Matthias Matschke) sind unter Druck, weil sie vor der feindlichen Übernahme eines Schweizer Konzerns stehen. Das neue Medikament muss unbedingt Erfolg haben, um die Verhandlungsposition zu verbessern. Der Druck wird an einen jungen Pharmavertreter (Johannes Allmayer) weitergegeben, der – protegiert von den DDR-Behörden – ungehindert durch das sozialistische Land reisen darf.

"Kranke Geschäfte" ist der letzte Film des viel beschäftigten und renommierten Schweizer Regisseurs Urs Egger ("Gotthard", "München Mord"). Kurz nach Fertigstellung seines Medikamenten-Thrillers im Januar 2020 erlag er mit 66 Jahren einem Krebsleiden. Das Drehbuch zu "Kranke Geschäfte" erdachte Johannes Betz, der bereits mit einigen, auf Tatsachen beruhenden Film-Plots wie "Die Spiegel-Affäre" oder "Big Manni" Erfahrungen sammelte. In seiner Geschichte des linientreuen Stasi-Offiziers und Vaters tritt der spannendste Teil des charakterlichen Dilemmas erst in der zweiten Hälfte des Films zutage. Armin geht es dann längst nicht mehr nur um seine Tochter, sondern auch um die eigene bröckelnde Ideologie und um zwei Staaten, die scheinbar den Handel mit kranken Menschen billigen.

Wurden alle DDR-Patienten über die Studien augeklärt?

Wie verwerflich die "Kranken Geschäfte" nun waren – in der Amazon-Serie "Deutschland 86" wurden die DDR-Medikamenten-Testungen übrigens noch weitaus reißerischer in Szene gesetzt – spielt für diesen Film nicht die allergrößte Rolle. Dafür orientiert sich das manchmal etwas formelhaft angelegte, aber ordentlich gespielte Drama zu sehr an persönlichen Geschichten.

Produzentin Franziska An der Gassen, die sich über Jahre mit dem realen Test-Geschehen beschäftigte, sieht die Sache wie folgt: "Wie viele Patienten eher nachteilige Wirkungen aus den Medikamententests hatten, lässt sich heute nicht mehr bestimmen. Nicht klar ist somit, wie viele Patienten vollumfänglich über die Tests im Vorneherein aufgeklärt wurden und davon wussten, dass sie Teil einer Studie sind. Es war teilweise auch so, dass die verabreichten Medikamente eine Verbesserung für den Patienten bewirkten, weil die Pharmaindustrie im Westen der ostdeutschen überlegen war. Für diese Fälle profitierten die DDR-Bürger von den Medikamenten aus dem Westen."

Nach seiner Premiere bei ARTE läuft der 105 Minuten lange Film am Montag, 28. September, 20.15 Uhr, im ZDF. In den Mediatheken der beiden Sender stehen die Filme jeweils sogar vorab bereit: bei ARTE bereits ab Freitag, 18. September, und in der ZDF-Mediathek ab Montag, 21. September.

Kranke Geschäfte – Fr. 25.09. – ARTE: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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