Ulrich Tukur

Ulrich Tukur
Geboren: 29.07.1957 in Viernheim, Hessen, Deutschland

In dem Bergfilm "Nordwand" (2008) kann man sich gleich von mehreren Talenten Ulrich Tukurs überzeugen: Hier erweist er sich ebenso als exzellenter Schauspieler wie als Sänger, der sich selbst am Klavier begleitet. Tatsächlich musiziert Tukur auch im wahren Leben, hat schon mehrere CDs aufgenommen und gibt auch Konzerte. Und für seinen John Rabe in Florian Gallenbergers hoch gelobten, John Rabe wurde er 2009 mit dem Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet.

Seit Anfang der 1980er schauspielerisch aktiv hat er einen unvergesslichen Auftritt als Hans Albers, einem der großen deutschen Volksschauspieler, in Hans Christoph Blumenbergs Porträt "In meinem Herzen Schatz" (1989). In dem Film ertönt die Stimme des "blonden Hans" nur gelegentlich vom Band und es gibt kein Filmzitat: für Tukur eine ganz große Herausforderung. Drei Glücksfälle verhelfen zu einem unterhaltsamen, sensiblen und schönen Kinoerlebnis: die wunderbare Ilse Werner, der brillante Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein und Ulrich Tukur, einer der vielseitigsten und begabtesten Schauspieler und Show-Talente. Er gibt ein lebendiges und modernes Gegenbild zu Albers und trägt mit einer sehr eigenwilligen, beschwingt frechen Tonart Hans-Albers-Lieder vor.

Bei Blumenberg spielt er auch 1994 in "Rotwang muss weg!" und 1996 den Conrad Veidt in dem Reinhold-Schünzel-Porträt "Beim ersten Kuss knall' ich ihn nieder". Er spielt in Frank Beyers "Nikolaikirche" (1995) und in Matti Geschonnecks "Der Mörder und sein Kind" (1995) mimt er neben der hochbegabten Bühnenschauspielerin Bibiana Beglau den mysteriösen Kindermörder.

Tukur erweist sich vielseitiges Talent. Sein Abitur machte er in Hannover, den High School Abschluss in Boston, studierte Germanistik, Angelistik und Geschichte in Tübingen, spielte als Job Akkordeon und sang. Schließlich machte er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart von 1980 - 1983 seine Schauspielausbildung. Dann ging er ans Theater in Heidelberg. Tukur spielte und spielte. Parallel besetzte ihn Michael Verhoeven für die Rolle des Hans Scholl in "Die Weiße Rose". Er spielte den Friedrich Engels in Dieter Berners Mehrteiler "Lenz oder die Freiheit" (1986), er ist der Wehner in Heinrich Breloers "Wehner - die unerzählte Geschichte" (1992), aber er ist auch der Karrierist in Peter Keglevics Mehrteiler "Das Milliardenspiel" (1988).

Ulrich Tukur fiel auf, erhielt bei Peter Zadek ein Bühnenangebot, das ihn künstlerisch ein ganzes Stück weiterbrachte: er spielte an der Freien Volksbühne in dem Erfolgsstück "Ghetto" einen SS-Offizier. Am Schauspielhaus Hamburg war er als "Julius Caesar" zu sehen. 1985 spielte er weitere Titelrollen in "Hamlet" und der "Löwenjäger" und wurde 1986 in "Theater Heute" zum Schauspieler des Jahres gekürt. In Reinhardt Hauffs Theater- und Kinoversion "Stammheim" (1985) ist er Andreas Baader. 1987 ist er der feministische Retortenmann in "Felix" (von Helma Sanders-Brahms, Helke Sander, Margarethe von Trotta, Christel Buschmann). Und wieder unter Verhoeven wirkte Tukur in "Mutters Courage" (1995) mit. Ein Paradebeispiel seiner überragenden Schauspielkunst gab Tukur übrigens als gewissenloser Stasi-Offizier in dem mit dem Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film ausgezeichnetem Drama "Das Leben der Anderen" (2005) und auch sein Debüt als Wiesbadener LKA-Ermittler Felix Murot in "Tatort - Wie einst Lilly" wird sicher nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Weitere "Murot"-Episoden mit Tukur: "Tatort - Das Dorf" (2011), "Tatort - Schwindelfrei" (2013).

Weitere Filme mit Ulrich Tukur: "Liebe Melanie" (1982), Die Schaukel", "Die Story", "Kaltes Fieber" (alle 1983), "Ballhaus Bambeck" (1988), "Werner - Beinhart!" (Stimme, 1990), "Lulu", "Die Kaltenbach-Papiere" (beide 1990), "Die Spur des Bernsteinzimmers" (1991), "Der demokratische Terrorist", "Das letzte U-Boot", "Wenn ich sonntags in mein Kino geh'" (alle 1992), "Felidae" (Stimme), "Der König" (TV-Serie, eine Folge), "Geschäfte", "Blaubarts Orchester", "Draußen vor der Tür", "Maus und Katz" (alle 1994), "Tränen aus Stein", "Charms Zwischenfälle", "Das Alibi" (alle 1995), "Ein Vater sieht rot", "Einmal Casanova sein", "Freier Fall", "Tatort: Perfect Mind - Im Labyrinth" (alle 1996), "Blutige Scheidung - Mein Mann läuft Amok", "Kommissar Rex: Mosers Tod" (beide 1997), "Pünktchen und Anton" (ungenannt), "Das Böse" (beide 1998), "Die beste Party - Heimatabend 1999", "Warten ist der Tod", "Apokalypse 99 - Anatomie eines Amokläufers" (alle 1999), "Jedermann", "Bonhoeffer - Die letzte Stunde", "Heimkehr der Jäger", "Probieren Sie's mit einem Jüngeren", "Die Verbrechen des Professor Capellari - Zerbrechliche Beweise" (alle 2000), "Taking Sides - Der Fall Furtwängler", "Tatort - Filmriss" (beide 2001), "Solaris", "Der Stellvertreter" (beide 2002), "Tatort - Das Böse", "Die fremde Frau" (beide 2003), "Die Dreigroschenoper", "Stauffenberg", "Die Axt", "Mein Vater, meine Frau und meine Geliebte", Tatort - Der Teufel vom Berg" (alle 2004), "Der Lord vom Bambeck", "Die Luftbrücke - Nur der Himmel war frei", "Die Nacht der großen Flut", "Heute heiratet mein Mann", "Die beste aller Familien" (alle 2005), "Dornröschen erwacht", "Mein alter Freund Fritz", "Das Schneckenhaus" (alle 2006), "Rosa Roth - Der Tag wird kommen", "Ein fliehendes Pferd", "42plus" (alle 2007), "Die Frau aus dem Meer" (alle 2007), "Der Mann, dem die Frauen vertrauten - Der Serienmörder Horst David", "Séraphine", "Das Vaterspiel" (alle 2008), "Der große Kater", "Whitin The Whirlwind", "Eden Is West", "Mitten im Sturm", "Das weiße Band" (alle 2009), "Gier", "Eichmanns Ende" (beide 2010), "Unter Verdacht - Rückkehr", "Das Schwein von Gaza" (beide 2011), "Zettl", "Rommel", "Der Tote im Eis", "Houston" (alle 2012), "Exit Marrakech" (2013).



Foto: HR/Johannes Krieg Ulrich Tukur über Film und Theater (1988)

Wo liegt für Sie die Annäherung an Hans Albers, dem Sie ja in der Hans-Albers-Hommage "In meinem Herzen, Schatz"? huldigen

Ich war eigentlich ganz persönlich an die Figur oder besser den Sänger Albers geraten. Ich kannte anfangs nur den Sänger Albers, dessen Lieder mich ansprachen. Es ist schwer zu erklären, was es war, es rührt irgendetwas in einem, es schwingt eine Saite mit, es ist die Art und Weise, wie er singt. Das hat mich ergriffen und ich mochte auch die Musik. Erst als ich die Kinofilme sah, merkte ich, dass er etwa in "Große Freiheit Nr. 7" oder ganz später in der Gerhard Hauptmann Verfilmung "Vor Sonnenuntergang" als Schauspieler überragend gut ist. Und das gibt es ja ganz selten bei uns, eine Figur, die so stimmt und eine solche Größe hat. Natürlich interessiert Albers mich in keiner Weise als schauspielerisches Vorbild, er war ein ganz anderer Typ, stammte aus einem anderen Umfeld, ist was völlig anderes. Es ist natürlich auch die Faszination, die ein Mensch ausstrahlt, von dem man weiß und spürt, dass er zwischen dem Leben auf Bühne und Leinwand und dem Privatleben überhaupt keinen Trennungsstrich zieht. Diese Figur hat in ihrer ganzen Selbstsicherheit und Unverschämtheit schon etwas faszinierendes, und das Tolle ist, dass er das immer wieder mit so einem Schuss Selbstironie durchbricht.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Blumenberg? Wie kamen Sie an das Projekt?

Wir hatten uns mal vor langer Zeit auf einer Partie kennengelernt und dann irgendwann hat er mir von dem Projekt erzählt und fragte mich. Und da sagte ich, um Gotteswillen Hans Albers, das geht ja nicht und ich dachte - was viele Leute jetzt denken, wenn sie das Filmplakat sehen - dass ich Hans Albers spiele. Aber das ist ja ein Unding, das kann man gar nicht. Und dann hat sich das so verdichtet auf so eine Art dokumentarischen Musikfilm, und da hatte ich dann einfach Lust mal die unbekannten Lieder zu singen und zwar möglichst im Stil der damaligen Zeit, mit wenig Zugeständnis an den neuzeitigen Musikgeschmack. Und dann habe ich mir die Musiken zusammengesucht und es hat sich immer mehr in diese Richtung hin entwickelt, wie es jetzt endete.

Man sieht sie noch wenig im Kino, machen Sie viel Fernsehen neben dem Theater?

Kaum, ich habe jetzt mal im "Das Milliardenspiel" mitgemacht, aber eigentlich ist das schon selten. Meist sagen mir die Sujets nicht zu und ich mache dann lieber ein gutes Theaterstück als einen schlechten Fernsehfilm. Ich spiele Theater und mache jetzt auch verstärkt Musik, aber dann auch moderne Musik.

Sie sind auch nicht mehr fest im Ensemble des Deutschen Schauspielhauses und man hört in letzter Zeit immer mehr von Schauspielern, die frei arbeiten wollen. Ist das ein solcher Horror?

Ich habe nichts gegen das Ensemble wegen der Leute, die da spielen. Die sind ja alle ganz toll und reizend. Es ist auch für ein paar Jahre ganz wichtig, in der Sicherheit eines Ensembles zu arbeiten. Aber dann kommt man irgendwann an einen Punkt, wo einem so übel aufstösst, dass man sich da sozusagen wirklich verkauft. Die können mit einem machen, was sie wollen, das heißt, wenn du dich nur 50 km vor die Tore der Stadt bewegst, musst du einen Urlaubsschein einreichen. Du bist dann völlig aufgeschmissen und auf die Freundlichkeit deines Intendanten angewiesen. Nun kommt dazu, dass das Theater für mich nicht mehr die Welt ist, ich finde das deutsche Theater ziemlich schlimm, das pennt total und es ist überhaupt nichts los.

Was meinen Sie genau?

Nun es herrscht ein Winterschlaf. Es gibt überhaupt keine jungen Autoren, die dramatisch darauf antworten, was passiert. Es wird zwar gesagt, die gäbe es, aber wenn es wirklich gute Stücke gäbe, würden die schon aufgeführt. Es liegt natürlich auch daran, dass wir uns heute in einer völlig leblosen Zeit befinden, keine Aufbruchstimmung. Wir verwalten nur den Lebensstandard aus Angst, daß er uns weggenommen wird. Und gute Regisseure gibt es unter den Jungen auch kaum.

Was ist für Sie ein schlechter Regisseur?

Einer der nichts wagt, der nicht verrückt ist, einer der kein Feuer hat. Was man so an Arbeit sieht, ist alles so harmlos, wie leider viele, viele Schauspieler. Ein Beispiel: Da steht auf dem Tisch eine Torte, die von einem Schauspieler bespielt wird. Eigentlich müsste sie ins Publikum fliegen, aber sie tut es nicht. Beim Zadeck ist man da nie ganz sicher, da könnte sie vielleicht doch fliegen. Das verstehe ich unter harmlos.

Das Interview führte Heiko R. Blum.

Zur Filmografie von Ulrich Tukur
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