Die 23-jährigen Kaiya begibt sich in "Ab 18! – Me and Europe" auf eine Interrail-Reise von Glasgow bis nach Istanbul. Auf der Reise setzt sie sich nicht nur mit sich selber auseinander, sondern lernt auch viel von anderen jungen Europäern. 

Wer wissen will, wie junge Menschen von heute ticken, erfährt es auch im Fernsehen. Jedenfalls versucht sich eine honorige TV-Reihe schon seit Jahren an nachhaltiger Aufklärung über die Lebenswirklichkeit der Generation Y. "Ab 18!" lautet der Titel der alljährlichen 3sat-Sonderprogrammierung. Hier bekommen außergewöhnliche Filmemacher die Chance, die Geschichten faszinierender junger Menschen zu erzählen. Am 4. und 5. November werden sechs neue Beiträge ausgestrahlt, darunter wunderbare Perlen wie die launige Reise-Doku "Me and Europe" (Montag, 4. November, 23.45 Uhr), in der die 23-jährige Kaiya Bartholomew auf einem ganz besonderen Selbstfindungstrip durch Europa begleitet wird.

Die junge Schottin macht sich mit dem Interrailticket alleine auf den Weg quer durch Europa. Von Glasgow aus verschlägt es sie mit dem Zug bis nach Istanbul. Ein XXL-Abenteuer, das durch den Brexit bald nicht mehr ganz so einfach möglich sein wird. Dabei macht der Film deutlich, wie essenziell diese Form der Begegnung für diese Generation ist. Auf der Suche nach der eigenen Identität, einer europäischen Verbundenheit und dem eigenen Wunsch nach Bedeutung begegnet Kaiya vielen jungen Europäern, die selber versuchen, ihrer Generation Ausdruck zu verleihen.

Kaiyas Erlebnisse haben die Filmemacher Lea Semen und Marvin Hesse mit der Kamera begleitet. Kurz vor ihrem Aufbruch zeigt die Dokumentation Kaiya in einem kleinen dunklen Zimmer, es wirkt karg und traurig. Nur ihre Konturen sind auszumachen, als sie zu reden beginnt: "Ich spüre momentan eine gewisse Trauer in mir, weil ich nicht weiß, was der Brexit bringen wird. Deshalb weiß ich nicht, wie es für mich werden wird, durch Europa zu reisen. Oder auch viele anderen Menschen in meinem Alter, die mit dieser Entscheidung leben müssen, und das viel länger als die meisten, die das entschieden haben".

Generation der offenen Grenzen

Kaiya befindet sich im Übergang zum Erwachsenenleben, doch ihr Verhalten ist immer noch durch eine gewisse jugendliche Unbeschwertheit geprägt: einerseits diskutiert sie über die Monarchie in England mit Mauro in einem Café in Budapest. Die Monarchie sei für sie überflüssig stellt sie klar, doch gleich im nächsten Moment fängt sie an, ein Spiel zu spielen, um von den ernsten Themen abzulenken.

Auch in Wien bei ihrer Freundin Esa verfolgt sie dieses Verhalten. Als Esa sie nach ihrer Zukunft fragt, antwortet die junge Schottin ganz ernst, sie würde ihre Kinder Saskia Pudding und Almando Phillipepe Bartholomew nennen. Ein bisschen nachdenklich hängt sie noch an: "Das stand lange Zeit fest, bis ich entschieden habe, lieber einen exzentrische Tante zu sein".

Am Anfang lassen Lea Semen und Marvin Hesse diese Unbeschwertheit in ihrem Beitrag noch zu, doch spitzt sich die Ernsthaftigkeit zum Ende der Dokumentation immer mehr zu. Kaiya wird beim Gespräch mit Rebecca im Zug nach Sobotica schmerzlich bewusst, wie schwer es in Zukunft für die Bürger aus dem Vereinigten Königreich werden kann, nach Belieben quer durch Europa zu reisen.

Die Serbin Rebecca erklärt, wie sich das anfühlt. Sie sagt, sie müsse Treffen mit Freunden, die in Ländern der EU leben, monatelang planen. In ihrem Heimatort in Serbien, das nicht in der EU ist, würden die Straßen und Häuser zur Hälfte leer stehen, da man vor Ort kaum genug Geld verdienen könne. Dass darunter auch die Infrastruktur leidet, erfährt Kaiya in Belgrad am eigenen Leib: Es fahren in Belgrad keine Züge mehr. Im Gespräch mit dem Serben Paul entwickelt sie durch Selbstreflexion ihren Weg mit der Situation umzugehen: "Ich habe Schauspielern und all das schon immer geliebt. Daher gibt es für mich zwangsläufig nur einen Weg: Ich muss zum politischen Theater, wo Theater ein Instrument für sozialen Wandel ist". Das Theater würde ihr eine Bedeutung verleihen, so sagt sie.

Jedes Gespräch, ob nun über das Thema Brexit, Jugendarbeitslosigkeit, Polizeibrutalität, Wirtschaft und Migration hinterlasse bei Kaiya "ein Stückchen mehr Bewusstsein bezüglich der Welt um mich herum und wer sie ausfüllt". Sie könne an jedem Dialog wachsen, sagt sie bedeutungsschwanger. Ein klein wenig nimmt auch der Zuschauer an diesem Prozess teil. Der Film dauert nur 30 Minuten, doch man erfährt eine Menge darüber, was ein geeintes Europa mit offenen Grenzen gerade dieser Generation bringt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst