Angelina Kirsch im Interview

"Es fällt mir schwer, Menschen nicht anfassen zu dürfen"

von Eric Leimann

Angelia Kirsch startet im TV richtig durch. Bei SAT.1 moderiert das Model eine dreiteilige "Guinness Word Records"-Show sowie die neue Staffel von "The Taste". Ein Gespräch über eigene Rekordversuche, Anti-Corona-TV-Hygiene und den Frust über die neue Körperlosigkeit.

Angelina Kirsch ist der lebende Beweis gegen das Klischee der unterkühlten Norddeutschen. Sie hat schon am frühen Morgen beste Laune, man hört lautes Gelächter am Telefon – und man kann sich denken, dass der Schleswig-Holsteinerin die Abstandsregeln der neuen Corona-Gesellschaft im Alltag schwerfallen. Nichtsdestotrotz findet Angelina Kirsch diese Regeln wichtig. Und sie betont, wie akribisch sie gerade bei Fernsehproduktionen umgesetzt werden. Nicht nur in ihrer neuen, dreiteiligen "Guinness World Records"-Show (ab Freitag, 19.6., 20.15 Uhr, SAT.1), sondern auch in der neuen Staffel des Kulinarik Wettkampfs "The Taste", den Deutschlands Vorzeige-Plussize Model gerade als Moderatorin für eine Ausstrahlung im Spätsommer aufzeichnet. Bei einer Show, die mit Kochen und Essen zu tun hat, scheinen Anti-Infektionsmaßnahmen tatsächlich besonders wichtig. Im Interview verrät die studierte Norddeutsche (BWL und Musikwissenschaften), an welchem Rekord sie selbst gerade arbeitet und vor welchen Entwicklungen der Post-Pandemie-Gesellschaft sie sich fürchtet.

prisma: Sie haben drei Staffeln "Curvy Supermodel" moderiert. Ist die Show mittlerweile bei den Akten, weil das Zuschauerinteresse zu gering war?

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Angelina Kirsch: Das Interesse war nicht gering, sonst hätten wir nicht drei Staffeln senden dürfen. Ich möchte auch nicht sagen, dass die Show komplett beerdigt ist. Dafür ist sie zu sehr ein Herzensprojekt. Vielleicht geht es ja irgendwann weiter ...

prisma: Wie hat sich abseits der Show die Marktsituation für die Plus Size-Models entwickelt?

Angelina Kirsch: Sehr positiv. Kurvige Models sind komplett im Markt angekommen. Es werden immer mehr Frauen entdeckt, auch international – und viele kommen aus Deutschland. Im Ausland schätzt man die typischen deutschen Tugenden: Zuverlässigkeit und Disziplin. Ich finde auch, dass es viele toll aussehende, kurvige Models gibt. Ihr Markt wächst weiter. Wenn man sich jedoch Werbeflächen, Magazine und das Fernsehen betrachtet, dominieren immer noch die dünnen Models. Es ist also immer noch Luft nach oben, was andere Körperbilder und auch Hauttypen im Model-Geschäft betrifft. Da geht auf jeden Fall noch mehr.

prisma: Nun haben Sie sich – vor der Fernsehkamera – erst mal von den Models verabschiedet und moderieren die "Guinness World Records"-Show. Haben Sie eine Beziehung zu Rekorden?

Angelina Kirsch: Ja, absolut. Ich habe die Guinness-Bücher früher verschlungen.

prisma: Vor welchen Rekordversuchen hätten Sie selbst Angst?

Angelina Kirsch: Vor allem, was mit großer Höhe zu tun hat. Wenn Menschen zwischen zwei Hochhäusern balancieren oder von einer hohen Klippe springen, bekomme ich schon beim Lesen Gänsehaut. Da brauche ich noch nicht mal Bilder dazu. Ich leide unter ziemlicher Höhenangst.

prisma: Sind Sie so gut in etwas, dass Sie schon mal darüber nachgedacht haben, sich selbst für einen Rekordversuch anzumelden?

Angelina Kirsch: Ich habe während des Corona-Lockdowns Hula-Hoop für mich entdeckt. Ich möchte nicht sagen, dass ich ein Profi oder nahe an Rekordbereichen dran bin – aber es funktioniert ziemlich gut bei mir. So etwa eine Stunde kann ich das Ding schon in Bewegung halten. Oft mache ich dann Schluss, weil ne Stunde ja auch schon relativ viel Zeit ist. Ich könnte aber wohl durchaus noch länger durchhalten ...

prisma: Haben Sie mal nachgeschaut, wo der aktuelle Weltrekord im Hula-Hoopen liegt?

Angelina Kirsch: Der liegt bei 100 Stunden und wurde letztes Jahr im November von einer Australierin aufgestellt.

prisma: Wie haben Sie den Corona-Lockdown überstanden? Waren Sie eher der Typ disziplinierte Sportlerin und Arbeiterin – oder haben Sie mehr gefuttert und sich gehen lassen?

Angelina Kirsch: Beides ist passiert – wie bei den meisten Menschen, schätze ich. Natürlich habe ich auch mal Tage auf der Couch vergammelt, die ich dann auch genossen habe. Es bringt nichts, sich dafür zu geißeln. Wenn schon faul abhängen, dann richtig. Andererseits habe ich mir auch neue Aufgaben gesucht. Wie zum Beispiel Hula-Hoop oder auch meinen Umzug. Ich bin während der Corona-Zeit mit meinem Freund zusammengezogen.

prisma: Sie arbeiten ja auch nach wie vor selbst als Model. Gehören Shootings und Modeschauen bis auf Weiteres zu jenen Dingen, von denen man nicht weiß, wann sie wieder losgehen?

Angelina Kirsch: Modenschauen wurden natürlich alle abgesagt. Ich glaube, da gibt es auch noch nicht wirklich konkrete Pläne, wie und wann solche Events wieder aufgenommen werden. Shootings gibt es jetzt wieder. Wie auch Fernsehshows. Beiden Produktionen ist gemein, dass sie unter strengsten Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen stattfinden müssen. Ich drehe gerade die neue Staffel "The Taste" – und das ist schon eine neue Art des Fernsehens ...

prisma: Bei "The Taste" geht es um Lebensmittel und Essen. Ist das nicht besonders heikel?

Angelina Kirsch: In der Gastronomie sind strenge Hygienevorschriften sowieso Standard und nichts Neues. Am Set achtet man nun einfach noch mehr auf Hygiene. Alle Menschen, die mit Essen in Berührung kommen, tragen Handschuhe, Mundschutz und Visier. Natürlich findet die Show auch unter Wahrung der Abstandsregeln statt. Selbst wir, die wir vor der Kamera stehen, tragen bis zum letzten Moment, wenn die Kameras eingeschaltet werden, eine Maske. Oder eben, wie bei mir, ein Visier. Sonst wäre das Make-up ziemlich schnell futsch. Wir haben auch eine Corona-Beauftragte, die alle Details des Drehs ständig checkt. Es ist interessant – man lernt den Fernsehjob noch mal aus einer ganz anderen Perspektive heraus kennen.

"Wir gehen mit einer anderen Achtsamkeit durch die Welt"

prisma: Während des Lockdowns mussten alle Menschen ihren Lebensstil drastisch ändern. Hoffen Sie, dass bald alles wieder normal wird, oder denken Sie, dass viele der neuen Verhaltensweisen bleiben werden?

Angelina Kirsch: Ich bin fest davon überzeugt, dass es nie wieder so sein wird wie vorher. Natürlich spüren wir in vielen Dingen wieder eine Normalität. Es wird jedoch in den Menschen verankert bleiben, dass sie mehr auf Hygiene achten. Man wird zu Hause immer zuerst Händewaschen. Ich denke, wir gehen mit einer anderen Achtsamkeit durch die Welt.

prisma: Und ... das finden Sie gut?

Angelina Kirsch: Ja und nein. Ich finde es gut, dass wir mehr aufeinander aufpassen. Auch auf uns selbst. Trotzdem hoffe ich, dass es eine Art neue Normalität in unserem Leben geben wird, in der wir uns sicher und wohlfühlen. Ich merke gerade, dass ich ein sehr körperlicher Mensch bin. Es fällt mir schwer, Menschen beim Job oder auch im Privaten nicht anfassen zu dürfen. Ich nehme einfach gern mal jemanden in den Arm.

prisma: Glauben Sie, dass Umarmen und Körperlichkeit wiederkommen werden?

Angelina Kirsch: Erst mal nicht, denke ich. Die Leute sind schon irritiert, wenn man ihnen zu nahe kommt. Es hat ja auch mit Respekt vor dem anderen und gesellschaftlicher Verantwortung zu tun, dass man es eben nicht macht. Trotzdem fällt mir auf, dass ich mich in dieser Hinsicht sehr verändern musste. Man sagt ja immer, Norddeutsche seien kühl und distanziert. Ich war immer der Meinung, dass das nur ein Vorurteil ist. Ich selbst bin das beste Gegenbeispiel (lacht).

prisma: Die Regeln zum "Social Distancing" sind vielen Menschen bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Werden wir auf Dauer eine weniger körperliche Gesellschaft?

Angelina Kirsch: Ich hoffe, nicht. Aber natürlich besteht eine große Gefahr, dass wir dauerhaft distanzierter leben. Als zur Abstandsregelung auch noch die Maskenpflicht dazu kam, hat man sich noch mal weiter vom anderen entfernt. Jetzt kann man auch keine Gesichter, kein Minenspiel mehr lesen oder darüber kommunizieren. Wir werden uns dadurch eindeutig fremder. Ich versuche, dies mit noch mehr Herzlichkeit auszugleichen – aber das kommt nicht überall gut an.

prisma: Wie meinen Sie das?

Angelina Kirsch: Neulich war ich am Flughafen beim Sicherheitscheck und musste mich demaskieren, weil das dort Vorschrift war. Als ich durchleuchtet wurde, habe ich der Dame, die das tat, freundlich "Guten Morgen" gesagt. Da hieß es: "Seien Sie still, Sie tragen keine Maske." Und ich, zur Seite sprechend: "Entschuldigung, ich darf ja keine Maske tragen." – "Können Sie einfach den Mund halten", kam es zurück. Wenn wir in Zukunft so miteinander umgehen, wäre das sicher nicht schön für unser Zusammenleben.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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