Leider scheitert Netflix mit der Idee eines ersten interaktiven Films geradezu kläglich. Warum funktioniert "Black Mirror: Bandersnatch" nicht?

Viele Experten halten Charlie Brooker für einen der klügsten Menschen im Unterhaltungsgeschäft. Der 1971 geborene Brite ist Schöpfer und Produzent der ehemaligen Channel 4-Serie "Black Mirror", die seit ihrer dritten Staffel (2016) von Netflix weitergeführt wird. Worum geht es? Jede Folge ist eine abgeschlossene Kurzgeschichte mit neuem Cast, in der dem Zuschauer ein spannendes Zukunftsszenario präsentiert wird. Brookers mittlerweile 20. Vision, die der Streamingdienst seit Ende Dezember anbietet, sollte etwas ganz Besonderes werden. "Black Mirror: Bandersnatch" ist Netflix' erster interaktiver Film. In der Geschichte eines jungen Spiele-Programmierers, der 1984 dem Wahnsinn anheimzufallen droht, kann sich der Zuschauer aus fünf Stunden Material seinen eigenen Film zusammenklicken. Doch warum macht das überhaupt keinen Spaß?

1984, in der Bronzezeit des Gamings, arbeitet der jugendliche Programmierer Stefan (Fionn Whitehead, "Dunkirk") an einem Videospiel namens "Bandersnatch". Die angesagteste Spielefirma von allen will das Produkt des Teenagers mit großer Marketing-Power herausbringen. Vorausgesetzt, Stefan schafft eine zeitnahe Deadline.

Wie es sich für einen Spiele-Nerd gehört, lebt der Entwickler alles andere als vernünftig. Nach dem frühen Tod der Mutter lebt Stefan alleine mit seinem Vater. Er neigt zu extremen Stubenhochertum am Computer, was seine ohnehin instabile Psyche nicht gerade festigt. Ob der Teenager die von seiner Psychotherapeutin verordneten Pillen einnimmt oder sie der Toilettenspülung anvertraut, ob er verlockende Karriere-Angebote seines Auftraggebers erst einmal ausschlägt oder annimmt – ist jedoch nicht die finale Entscheidung des Drehbuchautors, sondern jene des Netflix-Konsumenten.

Alle paar Minuten muss sich der Zuschauer für eine von mehreren am unteren Bildschirm vorgegebenen Alternativen entscheiden. Wie lang der Film am Ende tatsächlich wird, hängt von der Auswahl ab. Die Zeitung "Independent" berichtet, dass die kürzeste Version von "Bandersnatch" 40 Minuten dauert, die längste zwei Stunden. Zwischen fünf und zwölf Schlussszenarien (wenn man alle frühzeitig "toten" Enden des Drehbuchs mitrechnet) wollen jene Kritiker errechnet haben, die sich durch sämtliche, insgesamt über fünf Stunden langen Variationen geklickt haben.

Was als Idee verlockend klingt, macht in der Praxis allerdings wenig Spaß. Gerade in Zeiten, da Story-orientierte Spiele oft wie Filme wirken, kommt der umgekehrte Weg – Filme werden zu Spielen – merkwürdig ungelenk daher. Der Effekt, dass man selbst entscheidet, welche Musik Stefan hört, welche Cornflakes er isst oder ob er seine Tabletten nimmt – sie wird dem Netflix-"User" schnell egal. Dies liegt ein Stück weit daran, dass Charlie Brookers Drehbuch – ganz im Gegensatz zu vielen seiner anderen Geschichten – diesmal gänzlich uninspiriert und von der Stange wirkt.

Langweilige Story voller Klischees

Die Story des in den Wahnsinn abdriftenden Computer- und Techniknerds wurde unzählige Male erzählt. Auch die frühen 80er als nostalgiegeschwängerter Gefühlstrigger für ein mittelaltes Publikum haben mit der Netflix-Serie "Stranger Things" ihren Höhepunkt erreicht und mittlerweile überschritten. Brooker, der mit Black Mirror-Folgen wie "Nosedive" oder "The Entire History of You" Kurzfilme schuf, die den Zuschauer fasziniert, verstört und nachdenklich zurücklassen, langweilt diesmal mit einer Story voll abgegriffener Klischees.

Vielleicht überforderte die Idee der Interaktivität den brillanten Geschichtenerzähler Brooker – was auf gewisse Weise sogar nachvollziehbar ist. Auch Steven Soderberghs Krimidrama "Mosaic" mit Sharon Stone, das vor etwa einem Jahr als HBO-Serie in einer Art Director's Cut herauskam, war von Soderbergh zuvor als interaktive App veröffentlicht worden. Über sie konnten sich Zuschauer den Tathergang aus unterschiedlichen Perspektiven schildern lassen.

Auch wenn die Varianten von "Mosaic" bei weitem nicht so radikal – man könnte auch sagen plumb – ausfielen wie in "Bandersnatch", überforderte auch "Mosaic" sein Publikum. Die App, in Deutschland erschien sie erst gar nicht, interessierte das Publikum kaum. Offenbar sucht das Publikum in Filmen und Serien auch nicht nach jener Interaktivität, mit der professionelle Geschichtenerzähler gegenwärtig immer wieder mal experimentieren. Bislang brachte der Trend noch keinen einzigen interaktiven Film hervor, der vollends überzeugte.

Auch bei "Bandersnatch" loben Kritiker zwar mitunter Idee und Konzept, von der Story an sich zeigt sich jedoch kaum einer begeistert. Vielleicht muss man anerkennen: Menschen schauen Filme und Serien, weil sie sich von einer Geschichte verführen lassen wollen. Sich selbst etwas zusammenschrauben zu müssen, klingt hingegen nach Arbeit und schnödem Alltag am Bildschirm. Doch den wollte man beim Eintauchen in Filmwelten doch eigentlich hinter sich lassen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst