"Die Leute können es nicht ausstehen, wenn man zurückkommt", erklärt Boy George im Interview. Er aber ist zurückgekommen und veröffentlicht nun mit Culture Club das erste neue Album seit fast 20 Jahren.

Mit über 150 Millionen verkauften Platten und Hits wie "Do You Really Want To Hurt Me?" oder "Karma Chameleon" waren Culture Club eine der erfolgreichsten Bands der 80er-Jahre. Sänger Boy George wurde damals nicht nur zum Pop-Idol, sondern auch zur Ikone der Schwulenszene. Doch als die Beziehung zwischen ihm und Schlagzeuger Jon Moss zerbrach, ging es auch mit Culture Club zu Ende. Boy George startete eine erfolgreiche Solokarriere, sorgte aber immer wieder mit Skandalen für Aufsehen, nahm Drogen und wanderte 2009 sogar ins Gefängnis, weil er einen Callboy an eine Wand gekettet haben soll. Seine Karriere schien am Ende – doch der Brite rappelte sich wieder auf. Nach seinem Solo-Comeback im Jahr 2013 fanden schließlich auch Culture Club wieder zusammen: Seit 2014 stehen sie wieder regelmäßig gemeinsam auf der Bühne. Mit "Life" erscheint nun das erste reguläre Album der Band seit fast 20 Jahren. Wie die Band wieder zusammengefunden hat und warum ihre Musik gerade heute so wichtig ist, erklärt Boy George (57) im Interview.

prisma: Noch vor wenigen Jahren haben Sie eine Wiedervereinigung von Culture Club strikt abgelehnt. Was hat Sie umgestimmt?

Boy George: Nun ja, die anderen fragten mich einfach immer wieder (lacht). Sie versuchten zwischendurch auch mal, die Band ohne mich kurz wiederzubeleben, aber das funktionierte nicht – also mussten sie mich erneut fragen. Ich habe dann von Anfang an gesagt, dass ich eine neue Platte machen möchte. In den letzten Jahren haben wir viele dieser Songs schon live gespielt, und die Reaktionen waren sehr positiv.

prisma: Warum braucht die Welt gerade jetzt ein neues Culture-Club-Album?

Boy George: Es steckt etwas Einzigartiges in dem, was wir zusammen machen. Und ich habe das Gefühl, die Botschaft, die wir schon zu Beginn unserer Karriere vermittelt haben, ist heute wichtiger denn je. Wir leben in sehr gespaltenen Zeiten. Alle machen sich gegenseitig Vorwürfe, die Leute sind sehr unruhig. Als schwuler Mann nehme ich diese Stimmung in der Welt wahr. Es scheint sehr unsicher, was als Nächstes passiert und wo es mit der Welt hingeht. Ich selbst habe Lösungen und Antworten auf meine Probleme immer in der Musik gefunden. Es gibt für jede Situation einen Song. Als Musiker empfinde ich das Bedürfnis, da auch etwas anzubieten.

prisma: Tatsächlich standen Culture Club immer für Diversität, und mit Ihrer Homosexualität sind Sie stets offen umgegangen. Lautet die Botschaft also "Mehr Toleranz und Offenheit"?

Boy George: Das klingt vielleicht sehr hippiemäßig, aber wir müssen definitiv lernen, miteinander zu leben. Wir sollten keine Raketen auf den Mond schicken, wir sollten erst mal die Erde in Ordnung bringen. Und ich frage mich immer, warum die Leute nicht aus ihrem eigenen Leiden lernen? Immigranten attackieren andere Immigranten, schwule Menschen verhalten sich unangemessen gegenüber anderen Leuten. Wenn du in deinem Leben Schmerz erfahren hast, warum solltest du das dann jemand anderem antun wollen? Als Musiker hat man die Verantwortung, zu solchen Themen auch eine Botschaft zu verbreiten.

prisma: Wie war es, nach all den Jahren wieder mit Culture Club Musik zu machen – auch in Anbetracht der Geschichte, die Sie und Schlagzeuger Jon Moss verbindet?

Boy George: Ach, das ist so lange her! Ich bin ziemlich sicher, dass Jon mich nicht mehr auf die Weise sieht. Ich sehe ihn definitiv nicht mehr so. Es sind bloß Erinnerungen. Ich habe kein Problem damit, in seiner Nähe zu sein – und auch keines damit, nicht in seiner Nähe zu sein. Aber um die Frage zu beantworten: Oft gucke ich die anderen an und denke: Wer seid ihr? Was macht ihr in meinem Leben? Wahrscheinlich denken sie das Gleiche. Aber dann machen wir Musik zusammen oder gehen auf Tour, und plötzlich macht alles Sinn.

prisma: Sie meinen, wenn Sie Musik machen, vergessen Sie all die Unterschiede?

Boy George: Genau. Man muss lernen zu kommunizieren, um einerseits zu erreichen, was man selbst möchte, und anderseits auch den anderen zu geben, was sie wollen. Das ist ein interessanter Prozess. Wir beschweren uns oft übereinander. Neulich haben wir für unsere Plattenfirma ein Video gedreht, und Roy sagte: "George will David Bowie sein." So ein Quatsch! Ich liebe und vergöttere Bowie, aber ich will keine Version von irgendjemand anderem sein. Ich will ich sein. Solche Meinungsverschiedenheiten haben wir ständig, so wie jede andere Band auch. Trotzdem finde ich, dass wir bei diesem Album einen guten Job gemacht haben. Wir haben auf ganz andere Weise gearbeitet, und ich war im Vergleich zu früher auch viel offener gegenüber Vorschlägen.

prisma: Kommt so etwas mit dem Alter?

Boy George: Ach, ich weiß nicht. Es gibt eine Menge alte Leute, die komplett unvernünftig sind! Aber ich bin wohl doch etwas milder geworden mit dem Alter. Ich bin introspektiver und reflektierter – auch wenn da vielleicht nicht jeder mit mir übereinstimmen würde.

prisma: Tatsächlich wirken Sie auf dem Album "Life" nachdenklich und sehr versöhnlich – auch Ihnen selbst gegenüber.

Boy George: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mir selbst vergeben muss (lacht). Es geht eher darum, das Leben zu genießen. Es zu feiern. Was wir als Künstler tun, ist ein Luxus, den die meisten Leute nicht haben. Ich kann das machen, was ich liebe, und werde dafür auch noch bezahlt. Auf unserer letzten Tour durch Amerika war so eine Wärme und Zuneigung im Publikum – das ist nichts, was ich als selbstverständlich betrachte. Der Titelsong des Albums ist ein Dankeschön für diese Liebe, deswegen widme ich den Song immer dem Publikum.

prisma: Die Botschaft des Songs "Life" ist, dass alles im Leben gut wird. Sind Sie so ein Optimist?

Boy George: Ich bin ein unglaublicher Optimist. Das habe ich von meiner Mutter. Als ich klein war, musste sie großes Elend durchleben. Das hat auch mich widerstandsfähig gemacht.

prisma: Ihr Leben hatte zweifellos viele Höhen und Tiefen ...

Boy George: Das stimmt, aber die meisten Menschen haben ein Leben voller Höhen und Tiefen. Nur von meinen weiß eben jeder. Das ist die Schwierigkeit daran, in der Öffentlichkeit zu stehen: Jeder weiß, was du machst. Aber sie wissen eben auch nicht alles. Viele Leute bilden sich ihre Meinung basierend auf dem, was sie über mich gelesen oder gehört haben. Meine Erfahrung ist: So einen Ruf zu haben, kann auch von Vorteil sein. Wenn die Leute mich dann treffen und ich das Gegenteil von dem bin, was sie erwartet haben, ist das immer total schön.

prisma: Passiert Ihnen das oft?

Boy George: Jeden Tag!

prisma: Was ist das größte Missverständnis über Sie?

Boy George: Dass ich eine Bitch bin (lacht).

prisma: Sie lachen. Sind Sie manchmal vielleicht doch eine?

Boy George: Ich kann schon eine Bitch sein. Aber ich versuche, eine humorvolle Bitch zu sein. Überhaupt versuche ich, Humor zu nutzen, wo ich nur kann. Das habe ich mein Leben lang als Abwehrmechanismus benutzt.

prisma: Es gibt auf dem Album auch einen Song mit dem Titel "Resting Bitch Face" ...

Boy George: Der Song sagt: Chill out, George. Wenn du einen Streit mit deinem Liebhaber hast und er oder sie dann nach Hause kommt und du mit einem eisigen Blick da sitzt, hilft das niemandem. Ich war in meinem Leben manchmal sehr unvernünftig. Als ich jünger war, war ich oft besitzergreifend und kontrollierend. Niemand findet das attraktiv. Die unattraktivste Sache auf der Welt ist Eifersucht.

prisma: In "Human Zoo" singen Sie nun davon, dass es für jeden Topf einen Deckel gibt. Haben Sie Ihren Deckel schon gefunden?

Boy George: Nein. Aber ich suche auch nicht aktiv. Im Moment bin ich sehr mit meiner Arbeit beschäftigt. Ich habe Freunde, die nicht alleine sein können, aber ich mag meine eigene Gesellschaft.

prisma: Auf dem neuen Album gibt es auch den Song "A Different Man". Er ist inspiriert von dem amerikanischen Sänger Sly Stone, der eine Weile in seinem Auto lebte – aber im Grunde handelt er davon, nach Niederlagen wieder aufzustehen, oder?

Boy George: Wenn man Probleme im Leben hat, ist es schwer, seine Denkweise zu ändern. Aber wenn man ändert, wie man eine Situation betrachtet, kann man auch ändern, wie man mit ihr umgeht. Manchmal, wenn du gerade im Auge des Sturms bist, denkst du, du kommst da nie wieder raus. Dein Leben wird nie wieder normal. Aber sobald du deine Denkweise umstellst, sieht die Welt ganz anders aus. Der Song ist tatsächlich inspiriert von Sly Stone, aber im Grunde handelt er von dir und mir. Jeder, egal ob berühmt oder nicht, fällt irgendwann mal.

prisma: Die Geschichte von Aufstieg und Fall ist auch Ihre Geschichte: Nachdem sie 2009 ins Gefängnis mussten, meldeten Sie sich 2013 mit einem neuen Album zurück. Seitdem wurde Ihnen unter anderem ein Preis für Ihre Verdienste um die britische Musiklandschaft verliehen, und Sie haben als Coach und Juror bei "The Voice UK" und "The Voice Australia" mitgewirkt. Wie fühlte es sich an, als es für Sie langsam wieder bergauf ging?

Boy George: Ich war super glücklich und hocherfreut. Bei "The Voice" strahlte ich von einem Ohr zum anderen. Ich bin generell sehr dankbar für alles, was ich tun darf, und versuche, mir das durch nichts vermiesen zu lassen. Wissen Sie, im Musikgeschäft geht es immer nur darum, was als nächstes kommt. Jeder sucht das nächste große Ding. Die Leute können es nicht ausstehen, wenn man zurückkommt: "Nicht schon wieder der, nicht noch mehr!" (lacht) Aber ich trotze dem gerne und überrasche die Leute. Das ist zwar nicht der Grund, warum ich Musik mache, aber es gibt einem schon einen Kick. Wie heißt es so schön? Erfolg ist die beste Rache!


Quelle: teleschau – der Mediendienst