Für die Geschichtsschreibung war Clara Immerwahr (Katharina Schüttler) nur die Ehefrau des Chemiegenies Fritz Haber (Maximilian Brückner). Doch Immerwahr, die aus einer wohlhabenden jüdischen Familie bei Breslau stammte, galt selbst als brillante Wissenschaftlerin.

Sie war die erste Frau, die im Deutschen Reich ihren Doktor in Chemie machte. Gegen große Widerstände und ohne Bezahlung arbeitete sie als eine der ersten weiblichen Fachkräfte in renommierten Labors und Forschungsinstituten. Durch ihre Liebe zu Haber, die vor allem nach der Geburt von Sohn Hermann eine tragische wurde, geriet das Leben der emanzipierten Frau immer mehr in Schieflage – wie im nun wiederholten Biopic von Regisseur Harald Sicheritz eindrucksvoll bei 3sat zu sehen ist.

Hätte sich ein Autor das Leben der Clara Immerwahr (1870 bis 1915) auf dem Papier erdacht, der ein oder andere Kritiker spräche von einer arg konstruierten Biografie. Zuerst kämpfte die Tochter des Chemikers Philipp Immerwahr (August Zirner) darum, als Mädchen in Breslau Abitur machen und studieren zu dürfen. Ihren Verehrer, den jungen, ebenfalls jüdischen aber aus einer kleinbürgerlichen Familie stammenden Fritz Haber, ließ sie zunächst abblitzen. Als sich das Paar zehn Jahre später noch einmal trifft, flammt die alte Liebe wieder auf. Man heiratet und geht wegen eines attraktiven Jobangebots für Haber nach Karlsruhe.

Während der ehrgeizige Chemiker immer weiter die Karriereleiter erklimmt, zeigt die Lebenskurve der idealistischen Pazifistin Immerwahr von nun an stetig nach unten. Nach der Geburt von Sohn Hermann (1902) hat auch Fritz Haber die gemeinsamen Wissenschafts-Schwärmereien und Utopien mit seiner Frau vergessen. Er sieht Clara nunmehr in der Rolle einer sich unterordnenden Ehefrau und Mutter. Nach einem "erfolgreichen" Giftgaseinsatz in der zweiten Flandernschlacht des Ersten Weltkriegs, für die Haber Forschungsarbeit geleistet hatte, erschoss sich Clara Immerwahr im Alter von 44 Jahren.

Der österreichische Regisseur Harald Sicheritz, verantwortlich für einige der letzten bärenstarken Wiener "Tatort"-Folgen, schuf in Sachen Erzählweise und Bildsprache ein eher konventionelles Biopic, das ob der unglaublichen Wucht und Tragik seiner Geschichte dennoch zu fesseln weiß. Katharina Schüttler und Maximilian Brückner überzeugen als verliebtes, eigentlich gutwilliges Paar, das aufgrund von zeittypischen Widerständen in eine fatale Enttäuschung hineintreibt. Daneben stellt der Film nicht nur die Frage, was Wissenschaft darf, wenn sie kann. Über dieses stets aktuelle Thema hinaus ist das historische Drama auch ein genau beobachteter, moderner Beziehungsfilm in alten Kostümen. Einer, der den Zuschauer mit einem mit dickem Kloß im Hals zurücklässt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst