In einem kaum begreiflichen geopolitischen Konflikt zwischen Afghanistan, den USA und anderen Ländern der westlichen Welt spielte immer auch Pakistan eine Rolle. Diese Rolle beleuchtet eine beeindruckende Dokumentation bei ARTE im Rahmen des Themenabends "9/11 – Die Welt danach".

Achtung, dieser Film beginnt mit extremen Bilder von einem Massaker. In einem Reisebus. Überall ist Blut. Das zeigen erschütternde Originalaufnahmen, die offenbar direkt nach einem Anschlag entstanden. "Wir haben sie alle umgebracht", steht in deutschen Untertiteln geschrieben. Das im hohen Falsett der brutal-mörderischen Täter herausgebrüllte "Allahu akbar" muss hierzulande niemand mehr übersetzen. "Gott ist größer", heißt das. "Gott ist am größten", wird für die Übersetzung auch verwendet. Sunniten hatten im islamischen Pakistan gut 20 Menschen niedergemetzelt. Die Toten waren Schiiten. "Keine Opfer, nur Ungläubige", sagt einer der Täter recht locker. Moslems gegen Moslems: Pakistan versank in den 1990er-Jahren im Chaos eines nächsten Glaubenskrieges.

Der Filmemacher Mohammed Naqvi war zum Zeitpunkt des Massakers im Reisebus noch ein pubertierender Teenager in Pakistan. Der Minderheit der Schiiten angehörig, musste er in den 1990er-Jahren selbst darum fürchten, ermordet zu werden. Naqvi hat überlebt. Und einen Film gedreht über eine als Religion getarnte Ideologie des "rechten Glaubens". Bei ARTE ist sein Dokumentarfilm "Der Diktator, die Taliban und ich" nun zu sehen.

Naqvi baut seinen Beitrag um die Amtszeit des ehemaligen pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf. Als Generalstabschef der Armee übernahm Musharraf die Macht im Militärputsch vom 12. Oktober 1999. Im August 2008 bot er seinen Rücktritt an. In seiner Amtszeit hatte der Präsident wenigstens erreicht, dass sich Pakistan wirtschaftlich stabilisieren konnte und Angehörige von Minderheiten nicht einfach mehr einfach so niedergemetzelt wurden.

"Dann aber kam der 11. September"

"Von 1999 bis 2001 dachte ich, dass ich das gesamte System Pakistans reformieren könnte. Dann aber kam der 11. September. Ich konnte nicht beenden, was ich angefangen hatte", blickt Musharraf im Film ernüchtert zurück. Musharraf sagt die Worte Naqvi direkt in die Kamera. Der Filmemacher hatte einen einmaligen Zugang zu dem Ex-Präsidenten Pakistans. Der erstklassige Kontakt funktionierte über einen "Kumpel" Naqvis, der dann auch noch zufälligerweise der Neffe Musharrafs war. Der Ex-General sitzt bei dem Gespräch derweil im Seidenhemd in einer feinen Wohnung im "Exil" in Dubai. Auch dessen Mutter Zarin wird von einem Helfer in das Wohnzimmer geschoben. Sie lacht nur.

Im Film Naqvis kommt auch zur Sprache, inwieweit der Drohnen-Krieg der USA auf ein ihnen völlig fremdes Gebiet in Pakistan und Afghanistan mitverantwortlich war für eine zunehmende Radikalisierung. Die Raketenabwürfe, abgesegnet aus dem Himmel, unsichtbar für die Opfer, hatte Barack Obama, der Ex-US-Präsident, genehmigt. In seiner achtjährigen Amtszeit kam es so zu hunderten von Raketen-Einsätzen.

Musharraf sagt über die US-Intervention in Afghanistan und letztendlich auch in Pakistan, dass er die Amerikaner nicht hätte stoppen können. Die US-Truppen agierten im Kampf gegen Taliban und Osama bin Laden auch in Pakistan. Dieses Eingreifen im Hoheitsgebiet Pakistans empfanden Musharrafs Landsleute als Hochverrat. Oder als Verrat an dem Islam. Musharraf war letztendlich zum Ende seiner immer rigider werdenden Amtszeit nicht mehr zu retten.

Naqvi macht keinen Hehl daraus, dass er Musharraf anders als in seinen eigenen Jugendjahren heute nicht mehr als den Heilsbringer Pakistans sieht. Erstaunliche Sätze sagt der Ex-Präsident eines islamisch geprägten Landes in der Dokumentation jedoch. Musharraf: "Wäre ich in eine andere Religion hineingeboren, wäre ich bei dieser Religion geblieben. Ich wäre nicht zum Islam konvertiert. Aber ich wurde als Muslim geboren, deshalb bleibe ich Muslim. Niemand ändert religiöse Ansichten durch Gewalt."

Dokus über den "Krieg gegen Terror" und die "Peschmerga"

Die Dokumentation ist ARTE im Rahmen des Themenabends "9/11 – Die Welt danach" zu sehen. Ab 20.15 Uhr zeigt ein gleichnamiger Film zunächst, wie der US-amerikanische "Krieg gegen den Terror" in Afghanistan und im Irak nur in ein Desaster schlittern konnte. Nach der Doku "Der Diktator, die Taliban und ich" (22.05 Uhr) folgt ab 23.25 Uhr eine Bestandsaufnahme über die "Peschmerga". In diesem Beitrag folgt der französische Publizist Bernard-Henri Lévy von Juli bis Dezember 2015 der tausend Kilometer langen Frontlinie zwischen der Autonomen Region Kurdistan und den IS-Truppen.

Die Bundesregierung ließ den Peschmerga per Abwurf aus der Luft zahlreiche Waffen aus deutscher Schmiede zukommen. Der Verbleib dieser Lieferungen blieb oftmals ungeklärt. Es heißt, der IS, soll mit genau diesen deutschen Waffen "ungläubige" Menschen erschossen haben. Unter den Opfern waren dann auch wieder Frauen und Kinder. Wenn der ARTE-Themenabend eines zeigt, dann die Komplexität der Konflikte im Mittleren Osten. Am Ende bleibt das beklemmende Gefühl, dass weit und breit kein Ausweg aus der unübersichtlichen Situation zu erkennen ist.


Quelle: teleschau – der Mediendienst