Bei seiner Premiere trumpft "Der Prag-Krimi: Wasserleiche" mit einem fantastischen Roeland Wiesnekker und einer außergewöhnlich theatralischen Erzählweise auf.

Barcelona, Zürich, Lissabon, Bozen: Die lose gereihten Europa-Krimis im Ersten sind zur lieben Tradition geraten. Oft eindrücklich besetzt und spannend erzählt, bieten sie in hübschen Stadtansichten und gern genommenen Klischees beste Kost für Krimi- und Europafans gleichermaßen. Konsequent wird also fleißig weiterproduziert: Nach der Premiere der Grachten-Ermittler um Hannes Jaenicke in Amsterdam feiert die Reihe nun auch ihren Einstand in Osteuropa: "Der Prag-Krimi" wartet im ersten von bislang zwei gedrehten Filmen mit einer zünftigen "Wasserleiche" auf. Klingt zunächst konventionell – entpuppt sich aber dank eines wie gewohnt herausragenden Roeland Wiesnekkers in der Hauptrolle als einfallsreiches Charakterdrama mit Hang zum Theatralischen.

Jan Koller – Fußballfans denken bei dem Namen sicher an den gleichnamigen Hünen beim BVB der frühen Nullerjahre. Geboren wurde der Sportler in Prag, ebenso wie sein fiktiver Namensvetter im "Prag-Krimi", dem Wiesnekker ein wunderbar exzentrisches Profil verleiht. Der Ermittler Koller verknüpft mit der tschechischen Hauptstadt vor allem Traumata aus der Kindheit, die in bedrohlich inszenierten Rückblicken im Film aufblitzen. Eigentlich Kommissar beim BKA in Berlin, soll er nun ausgerechnet in Prag einen Fall klären.

Ermordet wurde sein Kollege und Freund Frank Müller (Dirk Borchardt), dessen Leiche am Ufer der Moldau gefunden wurde. Dass man nun ausgerechnet Koller aufgrund seiner Tschechisch-Kenntnisse nach Prag schickt anstatt ihn als befangen davon auszuschließen: ebenso unwahrscheinlich wie geschenkt. Denn dem "Prag-Krimi" geht es ohnehin nicht um korrekte Polizeiermittlungen. Im Gegenteil: Wiesnekker verkörpert in zuverlässiger Brillanz den unorthodoxen Ermittler, der den Mord auf seine ganz eigene Weise angeht.

Davon sehr bald genervt ist Klára Majerova (Gabriela Maria Schmeide), die ihm wegen ihrer Deutschkenntnisse an die Seite gestellt wurde. Als filmischen Sidekick lässt man sie die Augen rollen und beim Eishockey auf Tschechisch schimpfen: "Der Koller hat ein Rad ab. Die ganze Zeit improvisiert er ohne Plan." Ohne Zweifel hat sie Recht damit: Herkömmliche Polizeiarbeit langweilt den hinzugezogenen Deutsch-Tschechen. Viel lieber lässt der theaterbegeisterte Kommissar auch die Verdächtigen Theater spielen. Im wörtlichen Sinn.

Verdächtig, das sind in dem außergewöhnlichen Krimi alle, die dem Junggesellenabschied von Müllers in Prag lebendem Bruder Jörg (Hendrik Heutmann) und dessen Angetrauter Jitka (Alina Levshin) beiwohnten. Denn als die Ermittler in deren Hochzeit platzen, verhalten sich die Anwesenden seltsam auffällig, verstricken sich in Widersprüche und Lügen. Statt alle zu verhören setzt Koller kurzerhand auf ein unterhaltsames Nachspielen des Junggesellenabends, an dem Müller ums Leben kam. Spaß hat bei dem erzwungenen Theater allerdings nur der Kommissar.

Mit dem Reenactment gelingt dem Krimi ein raffinierter Dreh: Im Wechsel erlebt der Zuschauer den echten Verlauf des Abends und das dazugehörige Schauspiel, das alle Betroffenen noch einmal quer durch die Stadt an die Orte des Geschehens führt: von der Stadttour mit der alten Straßenbahn über die Fahrt in der anrüchigen Strip-Limousine und den Besuch eines Mittelalter-Etablissements mit nackten Damen bis zur düsteren Paintball-Halle.

Im Reigen der Verdächtigen entwickeln sich beinahe kammerspielartige Situationen, überhaupt haftet der Inszenierung von Regisseur Nicolai Rohde eine gewollte Theaterhaftigkeit an, die wohl allerdings nicht jedem zusagen wird. Punkten kann der "Prag-Krimi" aber auch durch seinen melancholischen Humor mit Blick auf das Kunstmilieu und jenen dramatischen Einschlag, der vor allem Kollers Familiensituation ("Trinkst du auch genug mein Junge?") auslotet.

Der zweite Film der neuen Reihe, "Der Prag-Krimi: Der kalte Tod", läuft am Donnerstag, 13. Dezember, um 20.15 Uhr im Ersten.


Quelle: teleschau – der Mediendienst