Zwischen Triebfeder der Moderne und Kriegstreiberei, Solidarität und Verderben: Mit dem Ende des Steinkohleabbaus wird der Schlusspunkt einer Ära gesetzt.

Auf der Bottroper Zeche Prosper Haniel ist am 21. Dezember Schluss. Dann wird die letzte deutsche Zeche feierlich geschlossen und das letzte Stück Kohle an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergeben. Ein Stück Industriegeschichte geht zu Ende, Wehmut macht sich breit. Hintergrund ist die Einstellung der Subventionierungen für den westdeutschen Steinkohleabbau. Der üppige ARTE-Zweiteiler "Die Steinkohle" (Dienstag, 4. Dezember, und Mittwoch, 5. Dezember, jeweils um 20.15 Uhr) zeigt, welche Herausforderungen die Menschen in den letzten 250 Jahren bei der Gewinnung des "schwarzen Goldes" bestehen mussten – und welch tiefgreifenden Einfluss die Kohle auf die deutsche und europäische Geschichte nahm.

Dafür setzt die Doku bereits im Mittelalter an, einer Zeit, in der die Kohle noch als Teufelszeug und Höllenglut galt. Jahrhundertelanger mühsamer Kleinstarbeit folgte Mitte des 18. Jahrhunderts eine Erfindung, die den Steinkohleabbau in ihren Grundfesten veränderte. "Die Dampfmaschine ist die Revolution", berichtet Heinrich Theodor Grütter vom Ruhr Museum im Film. Sie sei "die vielleicht wichtigste Erfindung des Menschen in seiner Geschichte überhaupt".

Schließlich schuf sie die Grundlage für einen prosperierenden Wirtschaftszweig. Angetrieben durch weitere technische Entwicklungen und dem Unternehmergeist von Macher-Typen wie Krupp, Haniel und Heußen entwickelte sich im Ruhrgebiet und im Saarland ein "Amerika des armen Mannes". Zusätzlich öffnete die Eisenbahn als "Schmieröl des Kapitalismus", wie es der ambitionierte Zweiteiler ausdrückt, die Tür zur Moderne. Am Wohlstand des florierenden Industriezweiges hatten die Bergleute aber kaum Anteil. Immer wieder kämpften sie gegen Standesunterschiede und die schlimmen Arbeitsbedingungen an und waren Ende des 19. Jahrhunderts Keimzelle der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung.

Mit Alfred Krupps Einstieg in die Waffenindustrie und den beiden Weltkriegen zeigte die Kohle aber auch ihre Zerstörungskraft. Doch, wie so häufig in der Geschichte der Steinkohle, ist dies nur eine Seite der Medaille. Nachdem das schwarze Gold jahrelang Vernichtung und Tod verursacht hatte, war sie nach Kriegsende "Grundstoff für die Restrukturierung der deutschen Wirtschaft", wie Historiker Michael Farrenkopf weiß. Auf Basis des Schumann-Plans entfaltete sich in den 1950er-Jahren das Wirtschaftswunder und machte das Ruhrgebiet zur reichsten Region Europas. Auf den Höhenflug folgte in den 1960er-Jahren dann der Absturz in eine Krise, von der sich die Kohleindustrie nicht mehr erholen sollte.

Ob des nahenden Endes der Bergbauindustrie hat das Ruhrgebiet vorgesorgt und mit der Gründung zahlreicher Hochschulen oder der Umwandlung von Zechen in Museen einen Strukturwandel in die Wege geleitet. Dennoch erinnern die gigantischen Fördertürme an eine goldene Ära, die nicht nur durch das Steigerlied, das bei jedem Heimspiel von Schalke 04 gesungen wird, tiefe Wurzeln in den Ruhrpott geschlagen hat.

Hinter dem ARTE-Zweiteiler, für den Unmengen an Fotos und Hunderte Stunden von Filmmaterial aus Archiven ausgewertet wurde, steht ein hochkarätiges Team: Der Emmy-gekrönte Produzent Leopold Hoesch, die Regisseure Jobst Knigge ("Drei Leben: Axel Springer") und Manfred Oldenburg ("Deutsche Dynastien: Die Thyssens"), sowie der Dortmunder "Tatort"-Kommissar Jörg Hartmann als Sprecher.

Ihnen gelingt eine hochinteressante Geschichtsdoku, die die Bedeutung der Kohle für die Gesellschaft und die Bergleute bemerkenswert herausarbeitet. Mit authentischen Kommentaren einstiger Bergarbeiter und fundierten Expertenkommentaren versehen, bleibt die Koproduktion von Broadview TV, ZDF und ARTE ebenso in Erinnerung wie ein Zitat des Historikers Michael Farrenkopf, das wie ein Destillat des kompletten Films wirkt: "Ohne den Bergbau hätte es eine moderne Gesellschaft nie gegeben."

In einer gekürzten, 90-minütigen Fassung wird der Film am Mittwoch, 19. Dezember, 0.30 Uhr, im ZDF zu sehen sein.


Quelle: teleschau – der Mediendienst