Seit 1997 kommentiert Peter Urban den Eurovision Song Contest im Fernsehen – bisweilen bissig, aber immer präzise.

Keiner kennt den Eurovision Song Contest (ESC) besser als Peter Urban. In Kiew kommentiert der 69-Jährige am 13. Mai die größte Musik-Live-Show der Welt, insgesamt führt er die ARD-Zuschauer zum 20. Mal durch die Sendung. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Urban, nach zwei letzten Plätzen kann es beim Eurovision Song Contest für Deutschland nur noch aufwärtsgehen. Wo wird Levina in Kiew für Deutschland landen?

"Perfect Life" ist ein guter Song, gesungen von einer Sängerin, die sehr gut singen, gar explodieren kann. Mit 69 Prozent Zustimmung beim ESC-Vorentscheid fiel das Votum ungewohnt deutlich aus. Levina kann die Leute packen. Ich hoffe auf eine Platzierung zwischen 10 und 15. Der Rest ist eh eine Wundertüte.

Ihre Favoriten in diesem Jahr?

Italien schickt mit dem San-Remo-Gewinner einen starken Beitrag ins Rennen. Der Song aus Portugal ist sehr ruhig und melancholisch, trifft aber ins Herz. Ein absolutes Ausnahmelied – und genau das ist seine Chance. Stark schätze ich auch Belgien, Spanien mit einem Reggae-Stück, Australien und Österreich ein.

Was muss ein ESC-Song haben, um unter die Top 5 zu kommen?

Ein spektakulärer Auftritt alleine reicht jedenfalls nicht. Ein Sieger-Titel hat die richtige Mischung aus Melodie, Gesang und Performance. Es muss ein richtig guter Ohrwurm sein. Ein Song, der die Menschen berührt, der ins Herz geht und Gefühle weckt – und das in allen Ländern. Lena hat das 2010 geschafft, und zwar quer durch Europa.

Apropos Lena Meyer-Landrut: Was waren Ihre einprägsamsten ESC-Erlebnisse in den vergangenen zwei Jahrzehnten?

Der Sieg von Lena in Oslo 2010 gehört sicher dazu. Für mich war das ein Überraschungsergebnis. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass Deutschland noch einmal den ESC in der Zeit gewinnt, in der ich ihn kommentiere. In Erinnerung bleibt mir auch der Auftritt von Guildo Horn 1998 in Birmingham. Guildo wirbelte den ESC auf, sorgte daheim wie auf der Insel für einen gewaltigen Medien-Hype und eine enorme Aufmerksamkeit. So etwas hatten die Engländer aus Deutschland nicht erwartet. Auch 2003 war einprägsam: Es siegte die türkische Sängerin Sertab Erener, die auf Englisch über die Rechte der Frauen sang, zunächst dafür kritisiert, bei ihrem Sieg jedoch im Heimatland gefeiert wurde. Das wäre heute so nicht mehr vorstellbar.

Der ESC 2017 in der Ukraine geht im Vorfeld auch nicht ohne politische Geräusche über die Bühne ...

Wir sind nach 2005 zum zweiten Male in Kiew. Es ist kein schöner Gedanke, dass der Song Contest, der ja gerade für das musikalische Miteinander und die Toleranz wirbt, so in den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hineingezogen wird. So etwas darf nicht wieder vorkommen.

Wie hat sich der ESC in den letzten 20 Jahren entwickelt?

Mehr teilnehmende Länder, mehr Zuschauer, mehr Aufmerksamkeit. Im vergangenen Jahr haben über 200 Mio. Menschen den ESC verfolgt, sogar in China, Kanada und Australien. Aus einem einst eher kleinen Wettbewerb wurde das weltweit größte Musikereignis im TV. Vor 20 Jahren bin ich alleine mit meinem Redakteur nach Dublin geflogen, nach Kiew macht sich jetzt ein ganzes Team auf den Weg. Das ist ein kleines bisschen wie bei Olympia.

Und musikalisch?

Die erste Amtssprache in den Songs ist unstrittig Englisch geworden, nicht mehr die jeweiligen Landessprachen. Die musikalische Bandbreite wurde größer und internationaler, die Qualität, auch im Gesang, deutlich gesteigert. Singen können sie mittlerweile alle.

Matthias M. Machan führte das Interview.