Nanu: Esther Sedlaczek besucht gemeinsam mit der ehemaligen Fernsehansagerin Edda Schönherz das Gefängnis in Hohenschönhausen, sie spricht mit einem Aussteiger aus der Neonazi-Szene über seine Vergangenheit und hakt bei einem ehemaligen Scientology-Mitglied nach, warum man sich von einer Sekte überzeugen lässt.

Es ist ein ungewöhnliches Umfeld, in dem man die bekannte Sky-Sportmoderatorin in der Pay-TV-Dokumentation "Total Control – Im Bann der Seelenfänger" (Montag, 19. November, 21.00 Uhr, A&E) sieht, doch man zweifelt keine Sekunde daran, dass sie auch auf diesen Abwegen als Journalistin großes Interesse an der Geschichte ihres Gegenüber hat. Aufmerksam und einfühlsam berichtet sie im Film über die Schicksale der Menschen, die mit Totalitarismus, Sekten und Idologien in Berührung gekommen sind.

Im Interview erklärt die 32-Jährige die Hintergründe dieses Herzensprojekts und verrät, welche Begegegnungen sie besonders berührt haben.

prisma: Von der Fußballberichterstattung zu einer ernsten Dokumentation über Totalitarismus und extremen Glauben ist ein weiter Weg. Wie kam es dazu?

Esther Sedlaczek: Ich kannte das Team bereits von der Reihe "Protokolle des Bösen". Die Bereitschaft, etwas abseits vom Sport zu machen, ist bei mir schon immer vorhanden. Es ist einfach spannend, sich mit Menschen und ihren Geschichten auseinanderzusetzen. Ich habe dem Regisseur, Emanuel Rotstein, schon für "Total Control – Im Bann der Seelenfänger" zugesagt, da standen die Protagonisten noch gar nicht fest, aber das Thema hat mich überzeugt.

prisma: Brauchten Sie eine Abwechslung zum Sport?

Sedlaczek: Nein. Ich habe das Projekt nicht deshalb forciert. Aber es ist toll, sich auch mal mit etwas anderem auseinanderzusetzen. Es erweitert den Horizont, und ich habe spannende und wertvolle Begegnungen gemacht.

prisma: Welche Geschichte hat Sie besonders berührt?

Sedlaczek: Da gab es zwei. Die Begegnung mit dem Nazi-Aussteiger Oliver Riek war besonders, weil man gemerkt hat, dass er seine Vergangenheit noch verarbeitet. Nachdem er nun den Abschnitt seines Lebens, in dem er den Nationalsozialismus für gut befunden hat, hinter sich lassen konnte, muss er sich neu sortieren. Er konnte das gut in Worte fassen und offen über seine Gefühlswelt sprechen, das war perfekt für die Dokumentation. Und mit Edda Schönherz war ich im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen, in dem sie damals inhaftiert war. Sie wollte aus der DDR fliehen und wurde deswegen festgenommen. Wenn man den Ort des Geschehens besucht, scheint die Geschichte so unglaublich greifbar. Auch wenn es einfach nicht vorstellbar ist, was dort mit den Menschen gemacht wurde.

prisma: Die Vorbereitung auf eine solche Sendung ist sicherlich auch nicht einfach ...

Sedlaczek: Ich habe mich mit den Geschichten der Protagonisten auseinandergesetzt, aber es war mir auch extrem wichtig, mich nicht zu sehr an einen Fragebogen oder ein Konzept zu klammern. Wir hatten sehr viel Zeit mit den Betroffenen. Ein Luxus, den ich aus der Sportberichterstattung nicht gewohnt bin. So sind hochinteressante und tiefgründige Gespräche entstanden.

prisma: Hatten Sie persönlich schon mal Berührungspunkte mit totalitären Denkweisen oder extremen Systemen?

Sedlaczek: Mit Sekten, totalitären Systemen oder Ideologien hatten weder ich noch meine Bekannten oder Freunde Berührungspunkte, und so habe ich mich nur aus der Distanz damit beschäftigt. Ich bin 1985 geboren, und wir sind die erste Generation, die in Freiheit und in Frieden leben kann. Aber es hat sich eine Form von Bequemlichkeit eingestellt, weil es für uns – und da beziehe ich mich mit ein – normal ist, in einer Demokratie zu leben. Mich hat diese Doku gelehrt, wie wertvoll das Gut der Demokratie ist. Und, dass man sich dessen nicht nur bewusst sein sollte, sondern auch, dass man es verteidigen muss.

prisma: Wer ist anfällig dafür, in die Fänge von Sekten oder totalitären Systemen zu geraten?

Sedlaczek: Der Scientology-Aussteiger Wilfried Handl hat einen Satz zu mir gesagt, den ich für sehr wahr halte: "Eigentlich kann nur eine Gruppe von Menschen nicht in den Bann einer Sekte geraten, und das sind die, die bereits in einer sind oder waren."

prisma: Was kann das Fernsehen tun?

Sedlaczek: Es ist ein Medium, das viele Menschen erreicht, und somit ein gutes Instrument, den Zuschauern relevante Themen zu vermitteln. Doch zu einer Aufklärung dieser Art gehört nicht nur der Sender, sondern auch das Publikum. Man muss hoffen, dass es offen dafür ist, denn das kann man nur schwer beeinflussen. Die Medien tragen eine Verantwortung. Aber ich finde, dass sie der nachkommen. Obwohl ich nur selten lineares Fernsehen konsumiere, finde ich beispielsweise, dass Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg und die momentane politische Situation sehr präsent sind.

prisma: Planen Sie bereits ein anderes Projekt abseits des Sports?

Sedlaczek: Nein. Ich plane Projekte auch nicht langfristig. Es ist meine Art, Dinge auf mich zukommen zu lassen. Ich habe den großen Luxus, dass ich meine Leidenschaft als Sportmoderatorin ausleben kann, aber mir machen auch andere Bereiche Spaß. Die Dokumentation war für mich eine wichtige Erfahrung, mich von einer anderen beruflichen Seite kennenzulernen.

prisma: Sind Sie es denn leid, dass man Sie immer wieder darauf anspricht, dass Sie als Frau in der Sportbranche unterwegs sind?

Sedlaczek: Ich arbeite seit acht Jahren in dem Beruf, und ich bin es gewohnt, dass ich von Anfang an regelmäßig darauf angesprochen wurde. Irgendwann habe ich mich dazu entschieden, einfach nicht mehr darauf einzugehen, denn ich möchte das Thema nicht groß machen. Wenn der Zuschauer oder mein Gegenüber ein Urteil von mir hat, nur weil ich eine Frau bin, kann ich das nicht beeinflussen. Ich kann aber sehr wohl die Meinung der Menschen über meine Arbeit beeinflussen, und zwar indem ich sie gut mache.

prisma: Es gibt inzwischen eine Menge weiblicher Sportreporter.

Sedlaczek: Richtig. Und genau deshalb verstehe ich nicht, warum man sich immer noch dafür rechtfertigen soll. Ich fühle mich in keiner Weise nicht akzeptiert. Für mich war es nie ein Kampf, mich durchzusetzen, weil ich meinen Beruf mit Leidenschaft ausübe. Ich sehe keinen Grund, mich mit den Menschen zu beschäftigen, die meinen, eine Frau hätte im Sport nichts zu suchen. Das ist Energieverschwendung.

prisma: Können Sie bei einem privaten Stadionbesuch den Job überhaupt noch zu Hause lassen?

Sedlaczek: Ja. Wenn ich am Spielfeldrand sitze, dann habe ich automatisch einen analytischen Blick, und man muss die ganze Zeit mitdenken. Privat ist der Stadionbesuch ein Genuss, weil man einfach Fan sein darf, Bier holt, Bratwurst isst, und mitfiebert.

prisma: Sind Sie manchmal nicht aufgeregt, wenn Sie Ihre Sport-Idole treffen?

Sedlaczek: Ich hatte einen Fan-Moment, als ich Zinédine Zidane getroffen habe, weil er mein größtes Idol und ein Künstler am Ball war. Danach habe ich gezittert. Mittlerweile sind aber viele Interviews und Gesprächspartner Routine, aber ich weiß es immer noch zu schätzen.

prisma: Wer steht noch auf Ihrer Liste der Personen, die Sie treffen wollen?

Sedlaczek: José Mourinho würde ich gerne in Ruhe treffen, denn der Typ ist einfach ein Knaller. Und Zlatan Ibrahimovic steht auf meiner Liste. Jürgen Klopp habe ich zwar schon getroffen, würde aber gerne mal ein ausführliches Interview mit ihm führen. Er hat schon einiges erlebt, ist ein cooler Typ und hat definitiv was zu sagen.

prisma: Dabei sind Sie inzwischen selbst schon prominent ...

Sedlaczek: Es ging mir immer schon darum, einen Job zu machen, der mir Spaß macht, nicht darum, bekannt zu werden. Meine Tätigkeit ist nun damit verbunden, dass ich vor der Kamera stehe, und die Leute mein Gesicht kennen. Das ist aber auch das einzige, was mich von anderen Berufen oder von Sportjournalisten der schreibenden Zunft abhebt.

prisma: Überlegt man sich bei einer steigenden Fan- und Followerzahl genauer, was man auf Social-Media-Kanälen teilt?

Sedlaczek: Nein. Ich bin jemand, der sein Privatleben grundsätzlich gerne aus der Öffentlichkeit raushält. Wie mein Freund oder meine Mutter aussehen oder was sie machen, das geht niemanden etwas an. Sie sind schließlich keine Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. Trotzdem lasse ich meine Follower an meinem Privatleben teilhaben, indem ich von zu Hause poste oder meinen Hund zeige. Aber der kann sich natürlich auch nicht wehren (lacht).

prisma: Wie gehen Sie mit bösen Kommentaren um?

Sedlaczek: Es gibt unterschiedliche unqualifizierte Kommentare. Mir haben schon mehrfach Männer geschrieben: "Du hast aber gar kein Glück mit Männern, du hast schon so lange keinen Freund." Ich bin seit über drei Jahren vergeben, ich teile das nur nicht dauernd mit. Da verdreht man mal die Augen, aber das sind keine bösartigen Nachrichten, sondern sie sind nett gemeint. Aber beleidigende Kommentare ärgern mich. Man liest 100 nette Dinge, und der eine böse Satz darunter, versaut einem den Tag. Aber ich bin ein impulsiver Mensch, ich kontere dann auch.


Quelle: teleschau – der Mediendienst