Nach Ferdinand von Schirach

TV-Film "GOTT": Eine Abstimmung übers Sterben

von Eric Leimann

In der Film-Adaption eines Theaterstücks von Ferdinand von Schirach geht es um einen 78-Jährigen, der – körperlich gesund – nicht mehr leben will. Vor dem deutschen Ethikrat wird der Fall diskutiert.

ARD
GOTT von Ferdinand von Schirach
Drama • 23.11.2020 • 20:15 Uhr

Manche sagen, die moralischen Debattenstücke des ehemaligen Strafverteidigers und heutigen Bestsellerautors Ferdinand von Schirachs befruchten die Theaterwelt. Nicht nur, weil sie komplexe moralische Debatten verständlich für viele auf die Bühne bringen, sondern auch deshalb, weil im Theater endlich mal wieder etwas los ist. In "Terror" und seit diesem Herbst in "GOTT" darf das Publikum darüber abstimmen, ob man Menschen töten darf, um eine viel größere Anzahl von ihnen zu retten ("Terror"), oder eben in "GOTT" darüber, ob ein gesunder, 78-jähriger Mann (in der TV-Adaption: Matthias Habich), der nach dem Tod seiner geliebten Frau nicht mehr leben will, von seiner Ärztin (Anna Maria Mühe) ein tödliches Medikament verlangen darf.

Nun wird der Fall vor dem deutschen Ethikrat diskutiert. Im Theater lief dies in Prä-Pandemiezeiten per Diskussion im Foyer und anschließender Stimmabgabe. Zuletzt, bei der Doppel- Premiere von "GOTT" in Berlin und Düsseldorf im September, geschah das per schnödem Handzeichen. Da setzte Corona dem dramaturgischen Effekt der Publikumsbefragung enge Grenzen. Das Fernsehen hat da weniger Probleme.

Eindeutiges Votum: So haben die ARD-Zuschauer abgestimmt.

Die TV-Adaption des Stückes – wiederum durch den Regisseur Lars Kraume – kommt diesmal nur zwei, drei Monate nach den ersten Theateraufführungen. Auch Handlung und Aufbau von "GOTT" sind dem von "Terror" sehr ähnlich. Der Fall des Sterbewilligen wird exemplarisch vor dem Deutschen Ethikrat diskutiert. Stück und Film spielen komplett im Verhandlungssaal. Strittig ist dabei nicht die Frage, welche Formen von Sterbehilfe für Ärzte straffrei sind, sondern ob Mediziner dem Patientenwunsch eines Lebensmüden gerecht werden müssen – egal ob jung, alt, gesund oder krank.

Drei Sachverständige treten auf und beleuchten das Thema aus unterschiedlicher Perspektive: Ethikrat-Mitglied Dr. Keller (Ina Weisse) befragt sie und lässt Experten wie die Verfassungsrechtlerin Professor Litten (Christiane Paul), Ärztekammer-Chef Sperling (Götz Schubert) und Bischof Thiel (Ulrich Matthes) zu Wort kommen. Auch der Anwalt des sterbewilligen Herrn Gärtner, gespielt von Lars Eidinger, befragt das Experten-Dreigestirn. Am Ende wendet sich die Ethikrat-Vorsitzende (Barbara Auer) direkt an das Publikum: Soll Richard Gärtner das tödliche Präparat bekommen, um sich selbstbestimmt das Leben zu nehmen? Die Entscheidung des Fernsehpublikums fällt per Telefon- und Online-Abstimmung.

Film der Gedanken und Worte

Von Schirachs TV-Theater ist von präzisen Gedankenspielen, Wortgewalt und ebenso prominenten wie fähigen Mimen geprägt. Eine größere Starbesetzung wird man im deutschen Fernsehen des Jahrs 2020 nur schwer finden. Was man in den Theaterkritiken zu "GOTT" lesen kann, gilt allerdings auch für die Fernseh-Adaption: Es ist eine Aufführung der Worte, eine Art Traktat, dem man folgen wollen muss. Wer geistig abschaltet, hat schnell den argumentativen Faden verloren. Der Raum für individuelles Schauspiel, Gefühle, Blicke – alles Nonverbale, das Schauspiel ausmacht, ist relativ begrenzt. Bei von Schirach, dem ehemaligen Juristen, der so lakonisch und präzise Kriminalgeschichten erzählen kann, wird Theater vor allem zu einem Fest der Worte, Gedanken und Logik.

Ein Umstand, den man in diesen oft vom Irrationalen geprägten Pandemie-Tagen sicher nicht hoch genug schätzen kann. Trotzdem haben die Mono- und Dialoge in "GOTT" natürlich auch etwas Sprödes, zumal man einem sehr ähnlichen Diskursmodell bereits in "Terror" beiwohnen durfte. Unterm Strich ist "GOTT" ein spannendes Gedankenexperiment über unsere persönliche Ethik des Lebens und Sterbens. Dass man als Zuschauer seine Meinung während der 90 Minuten mal mehr in die eine, mal in die andere Richtung wendet – herausfordert durch von Schirachs Gedanken-Architektur – ist eine bekannte Qualität des Autors.

Wer bereit ist für einen Diskurs auf gehobenen Niveau, dessen Kopf wird an "GOTT" seine Freude haben. Wem eher bildersattes, emotionsgetränktes Fernsehen gefällt, das ab und zu den Schauplatz wechselt und Menschen auch mal zuschaut, anstatt sie nur reden zu lassen, könnte "GOTT" als ein wenig zu spröde empfinden. Im Anschluss ans Fernsehspiel soll das Thema in einer "Hart aber fair"-Sendung um 21.45 Uhr mit Frank Plasberg weiter diskutiert werden.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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