ARD-Film

"Herzjagen": zweifellos ein Schauspielerfilm

von Wilfried Geldner

Eine Herz-OP soll das Leben von Caroline retten. Doch danach leidet sie an Panikattacken und Angstträumen. Der Film wurde Martina Gedeck auf den Leib geschrieben, ist aber nicht ohne Schwächen.

ARD
Herzjagen
Drama • 17.06.2020 • 20:15 Uhr

"Herzjagen" ist zweifellos ein Schauspielerfilm – auch wenn man nicht wüsste, dass Elisabeth Scharang (Drehbuch und Regie) den Film nach einer Erzählung von Julya Rabinowich der großartigen Martina Gedeck auf den Leib geschrieben hat, stimmte man diesem Urteil zu. Eine dringend notwendige Herzoperation und die Angst vor derselben wird zum Auslöser paranoider, wenn nicht gar schizoider Zustände. Caroline schlittert nach 20 Jahren glücklicher Ehe und einem Leben mit schwachem Herzen an den Rand des Wahnsinns. Was nach erfolgreicher Operation vom behandelnden Arzt noch als natürliche Absence abgetan wird, entwickelt sich zu einem Zustand zunehmender Entfremdung, der den Zuschauer ebenso wie die Protagonisten im Film selbst gleichermaßen verstört.

Müßig zu fragen, an welcher Krankheit nun Caroline wirklich leidet. Die Herzklappe sei völlig verschlissen, sagt der angenehm zurückhaltende Arzt (Anton Noori), nicht ohne hinzuzufügen, dass das Herz "das Zentrum von allem" sei. Und, ja, ein Risiko sei auch dabei: "Wir operieren am offenen Herzen." Caroline will die Operation daraufhin absagen, lässt sich dann aber doch operieren. Doch nach gelungener OP gerät sie außer sich mit ihrem "neuen" Herzen. Sie sieht sich ausgeliefert, glaubt gar, sie habe sich mit dem Eingriff dem sie behandelnden Chirurgen preisgegeben. Die Vorstellung, nicht mehr sie selbst zu sein, treibt sie in wahnhafte Vorstellungen hinein. Caroline beginnt ihren Halbgott, wenn nicht gar Gott in Weiß zu verfolgen und um Zuneigung zu bitten.

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Die Regisseurin Elisabeth Scharang greift dabei vielfach zu Symbolen. Gleich eingangs hört (und sieht) man einen Menschen im Raumanzug schwer atmen. Später wird Martina Gedeck hinter dem Glas eines Astronautenhelms im Raum entschwinden – so verloren wie schön. Dabei wird immer wieder ein Wechsel der Genres gewagt. Es gibt Szenen von komischer Leichtigkeit – etwa, wenn Caroline ihrem zugeteilten Psychiatrie-Engel, der Schauspielerin Ruth Brauer-Kvam mit grellrot geschninktem Mund und schwarzen Kulleraugen, begegnet. Am Klinikautomaten bietet sie der trollhaften späteren Helferin ihre gezogene Stulle an. "Ich werde morgen vielleicht sterben", sagt sie, "behalten Sie mich in guter Erinnerung." Ein anderes Mal scheint alles auf einen Psychothriller hinauszulaufen – etwa, wenn sich Caroline in den nächtlichen OP-Saal schleicht und eine erneute Operation durch "ihren" Chirurgen erzwingen will. Zuvor hat sie eine indianische Kriegsbemalung angelegt.

Für Erdung sorgen indessen Carolines Angehörige, der Mann, die Schwiegermutter, ein Schwager. Deren Ahnungslosigkeit ist volksstückhaft komisch eingestreut. Während Caroline ihr Leiden wenigstens halbwegs verständlich machen will, lobt die wunderbar trampelige Schwiegermutter (Inge Maux) die Unterbringung und Verpflegung im Krankenhaus. Der liebende Ehemann (Rainer Wöss) wirkt in all seiner Hilflosigkeit allerdings eher etwas zu statisch und undefiniert.

Alles das wird in ausdauernd schönen Kinobildern von einer gleitenden Kamera eingefangen. Am Ende fällt der besagte Engel aus der Psychiatrie als Stellvertreterin Carolines vom Himmel. Sie selbst sagt jetzt: "Angst ist ein überschätztes Gefühl." Darüber ließe sich sicher noch lange trefflich streiten. Angesichts all der demonstrativen Anstrengungen zuvor ist das im Ergebnis sicher etwas dünn.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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