"Streitfall Rassismus – Wie gleich sind wir?"

"Hau ab, sonst zünde ich dich an": ZDF-Doku zeigt alltäglichen Rassismus in Deutschland

von Elisa Eberle

Wie rassistisch ist die deutsche Gesellschaft wirklich? Dieser Frage widmet sich eine ZDF-Reportage – mit teils erschreckenden Ergebnissen.

Rassismus und Antisemitismus sind in Deutschland auch heute, 75 Jahre nach Ende des Naziregimes, ein schwerwiegendes Problem. Dass es nicht einfach wegzudiskutieren ist, belegen jüngste Entwicklungen wie die Angriffe auf zwei Shisha-Bars in Hanau ebenso nachdrücklich wie die auch hierzulande stattfindenden Demonstrationen nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd infolge eines Polizeieinsatzes in Minneapolis. Während manche von krassen Einzelfällen reden mögen, zeigt die Realität muslimischer oder dunkelhäutiger Menschen in Deutschland ein anderes Bild. Wie selbstverständlich manche Deutsche rassistische Aussagen tätigen oder Migranten bewusst oder unbewusst diskriminieren, das untersucht die Reportage "ZDFzeit: Streitfall Rassismus – Wie gleich sind wir?" am Dienstag, 16. Juni, 20.15 Uhr, im ZDF an eindringlichen Beispielen. Die Ergebnisse und Aussagen des brandaktuellen Beitrags, der zum Teil mit versteckter Kamera gedreht wurde, sind erschütternd.

Ein halbes Jahr lang haben junge Journalisten mit Migrationshintergrund mit versteckter Kamera ihren Alltag dokumentiert. Immer wieder wurden sie dabei Opfer fremdenfeindlicher Bemerkungen: "Hau ab, sonst zünde ich dich an", bekommt etwa die Bloggerin Sanaa Toukabri in der Berliner U-Bahn zu hören, als sie an derselben Tür wie ein anderer Passagier aussteigen möchte. Auf die Frage, warum, antwortet dieser: "Weil das mein Land ist. Du bist hier nicht willkommen."

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Die freie Journalistin Merve Kayikci, die wie Toukabri ein Kopftuch trägt, wird sogar auf dem Arbeitsamt mit Vorurteilen konfrontiert: "Viele Ihrer Landsleute kommen hierher und können nicht einmal Deutsch. Aber schön, dass Sie so aufgeweckt sind. Heiraten Sie bloß nicht, und schauen Sie lieber, dass aus Ihnen was wird."

"Es ist tatsächlich so, dass Vorurteile und Rassismus nicht bewusst ablaufen müssen", erklärt die Münchner Geisteswissenschaftlerin Dr. Britta Schellenberg, die wie viele weitere Experten in der Reportage zu Wort kommt. Um das zu verdeutlichen, führt das Filmteam mit verdeckter Kamera einige Experimente in deutschen Innenstädten durch. Dabei werden Passanten mit Wörtern wie "Mohrenkopf" oder Pauschalaussagen wie "Muslimische Männer haben keinen Respekt vor Frauen" konfrontiert. Die Reaktionen sind mitunter erschreckend. Aber auch die Bereitschaft, einem dunkelhäutigen Lockvogel für ein wichtiges Telefonat das eigene Handy zu leihen, ist bei vielen Passanten erschreckend gering. Und Zivilcourage erwartet eine Frau, die wegen ihres Kopftuchs in einer Bäckerei angefeindet wird, im Experiment mit einer Schauspielerin vergeblich.

Doch woher kommt es, dass laut aktuellen Umfragen 30,9 Prozent der Befragten aus Ost- und 22,3 Prozent der Befragten aus Westdeutschland ausländerfeindlichen Aussagen zustimmen? Britta Schellenberg und ihre Kollegen nennen im Film dafür einige Gründe, darunter die Flüchtlingsströme von 2015 und der Einzug der AfD in den deutschen Bundestag. Dabei ändere sich, verglichen mit früher, der Ton der rechten Parolen, wie der Leipziger Rechtsextremismus-Forscher Oliver Decker erklärt: "Man sagt heute nicht mehr: 'Die sind minderer Rasse' oder verwendet das N-Wort. Aber man sagt: 'Deren Kultur passt nicht zu der unsrigen, sie ist rückständig und nicht so aufgeklärt, und sie gehört hier auch deswegen nicht hin."

Trotz allem entfacht der Film am Ende auch einen Funken Hoffnung: So überwiegen seit 2010 Proteste gegen Rechts, während nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd derzeit auch hierzulande Zehntausende gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstrieren. Allem Anschein nach tut sich da gerade etwas.

"Es ist etwas anders", sagt die Politikwissenschaftlerin Hadija Haruna-Oelker im Beitrag. "Ich kann mich nicht erinnern, dass nach Hanau, nach vielen Fällen, die ich begleitet habe, so viele Menschen auf der Straße waren – hierzulande, in Deutschland. Nicht nur schwarze Menschen und Menschen of Colour, sondern auch viele weiße Menschen, die verstanden haben, dass hier etwas falsch läuft. Und da würde ich schon sagen: Das gibt mir ein gutes Gefühl."


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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