Neue Studie

Karl Lauterbach räumt Fehler ein: "Armut ist ein Risikofaktor"

Eine Studie zeigt, sozial schwächer gestellte Menschen sind in Deutschland einem höheren Risiko ausgesetzt, aufgrund einer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus zu landen. Der SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach äußerte sich im "ARD-Mittagsmagazin" zu den Ergebnissen.

Auch wenn die Vermutung nahe lag, wurde sie erst mit einer am Montag veröffentlichten Studie Gewissheit: Armut steigert das Risiko auch in Deutschland erheblich, schwer an Covid-19 zu erkranken. Gemeinsam mit der AOK Rheinland/Hamburg wertete das Institut für Medizinische Soziologie des Uniklinikums Düsseldorf vom 1. Januar bis 4. Juni die Daten von knapp 1,3 Millionen Versicherten aus. Die Ergebnisse sind deutlich: Im Vergleich zu Erwerbstätigen in regulärer Beschäftigung ist das Risiko für Arbeitslosengeld-II-Empfänger (ALG II) demnach um 84,1 Prozent erhöht, wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden zu müssen. Für ALG I-Empfänger wurde ein um 17,5 Prozent erhöhtes Risiko festgestellt.

Dazu nahm der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach im "ARD-Mittagsmagazin" Stellung. Die Regierung habe es versäumt, die Risikogruppen ausreichend zu schützen, räumte der Mediziner ein. "Armut ist ein Risikofaktor", stellte Lauterbach unmissverständlich klar. Des Weiteren formulierte er eine klare Handlungsanweisung für die Zukunft: "Wir müssen für die Ärmeren einfach mehr tun, als wir bisher gemacht haben."

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Unter anderem die Corona-Ausbrüche in Fleischfabriken hätten nun jedoch zu einem Umdenken in der Politik geführt. Lauterbach machte zudem Vorschläge, wie man die Risikogruppen in Zukunft besser schützen könne: So schlägt er neben kostenfreien Tests auch eine Versorgung mit hochwertigen Masken vor – ebenfalls umsonst. Der Politiker gestand zudem ein, dass wenn er gefragt würde, "hätte man das früher machen können?", seine Antwort heute ein klares "Ja!" wäre.

Überrascht zeigte sich Lauterbach von den Ergebnissen der Studie allerdings nicht, schließlich wurden im Ausland bereits ähnliche Erhebungen mit dem gleichen Ergebnis vorgelegt. In der Tat zeigen Studien aus England und den USA, dass das Risiko für Menschen mit geringer Bildung und Einkommen, an Covid 19-zu sterben, drastisch erhöht ist. In England liegt beispielsweise die Todesrate in ärmeren Vierteln mit 76,7 pro 100.000 Einwohnern mehr als doppelt so hoch wie in reicheren Gegenden mit einer Rate von 35,9.

Nun gibt es auch hierzulande vergleichbare Ergebnisse. "Diese explorative Analyse soll der Auftakt für weiterführende Forschung zur sozialen Dimension der Covid-19-Pandemie sein", äußerte sich der verantwortliche Autor Professor Nico Dragano von der Uniklinik Düsseldorf. "Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, wäre dies ein weiterer Beleg für ausgeprägte soziale Unterschiede bei Erkrankungen in Deutschland." Laut den Forschenden sei der sozioökonomische Hintergrund der Corona-Patienten bisher international kaum so detailliert untersucht worden.

Das Bundesgesundheitsministerium verzichtete auf einen Kommentar und erklärte gegenüber dem "ARD-Mittagsmagazin" lediglich: "Generell ist es der Bundesregierung ein Anliegen, alle Bürgerinnen und Bürger vor einer Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 zu schützen und zugleich dafür zu sorgen, dass Infizierte bestmöglich behandelt werden können." Das Robert Koch-Institut beachte zudem den Einfluss des sozialen Status auf die Gesundheit und Lebenserwartung. Dragano sagt hingegen: "Dieses erhöhte Risiko wurde bisher nicht ausreichend beachtet, und es braucht einen politischen Plan, damit umzugehen."


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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