Franziska Hartmann im Interview

"Wenn ich ganz aus dem Theater raus wäre, würde mir das Herz bluten"

von Maximilian Haase

Erst seit wenigen Jahren ist sie regelmäßig in Kino und TV zu sehen – und das in oft herausragenden Rollen. Schauspielerin Franziska Hartmann über ihr Drama "Sterne über uns", intuitives Spielen und das Theater in Corona-Zeiten.

Alle paar Jahre tauchen sie auch hierzulande auf, jene Ausnahmeschauspieler, deren Schaffen einen entzückt und betroffen und überwältigt zurücklassen kann. Oft gelten diese Darsteller als große Nachwuchstalente des deutschen Films. Manchmal jedoch, so wie im Fall von Franziska Hartmann, haben sie ihre Zwanziger längst hinter sich gelassen und erscheinen plötzlich in Kino und TV – fast wie aus dem Nichts, das natürlich kein Nichts, sondern in den meisten Fällen gleichbedeutend mit der Bühne ist. So spielt auch die 1984 in Starnberg geborene und in München aufgewachsene Hartmann am Thalia Theater in Hamburg, dessen festem Ensemble sie bis zur letzten Spielzeit noch angehörte. Mit Anfang Dreißig begann sie, nach kleineren Rollen, auch als Hauptdarstellerin zu drehen – eindrücklicherweise beginnend mit dem grandiosen Drama "Über Barbarossaplatz", das 2017 aufgrund seiner Schonungslosigkeit ins Nachtprogramm abgeschoben wurde. Das einnehmende Spiel, die verzweifelten Charaktere, die moralinfreie Kritik zeichnen auch den aktuellen Film der Schauspielerin aus, die zudem in vielen "Tatorten" und politischen Dramen wie "Exil" und "Aufbruch in die Freiheit" mitwirkte. In "Sterne über uns" (Montag, 15. Juni, 20.15 Uhr, ZDF, lesen Sie hier die Filmkritik) verkörpert sie eine alleinerziehende Mutter, die mit ihrem Sohn in die Obdachlosigkeit abrutscht, die bürgerliche Hülle aber aufrechterhalten will. Wie ihr diese herausfordernde Rolle gelang, warum Intuition dabei so wichtig ist und was Corona für sie als Schauspielerin bedeutete, erklärt Franziska Hartmann im Interview.

prisma: Was macht eine Schauspielerin eigentlich, wenn sie wochenlang nicht spielen kann?

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Franziska Hartmann: Das Spielen vermissen und sich auf den Zeitpunkt freuen, an dem es wieder geht! Ich glaube, so lange wie jetzt habe ich noch nie nicht gespielt. Wahrscheinlich sogar seit ich vier war – weil ich immer in irgendwelchen Jugendtheatergruppen oder in der Oper im Kinderchor auf der Bühne stand. Das ging nun seit Anfang März nicht.

prisma: Wie bewältigen Sie das?

Hartmann: Ich habe zum Glück mehrere Hörbuchaufnahmen, Onlinelesungen und Hörspiele gemacht – also immerhin übe ich meinen Beruf nicht gar nicht aus. Und ich freue mich auf das Kommende. Am Thalia Theater in Hamburg geht es ja auch irgendwann wieder los, zudem sind ein paar andere Projekte in der Pipeline. Wenn alles gut geht, mache ich zum Beispiel mit Christina Ebelt, der Regisseurin von "Sterne über uns", noch einen Spielfilm.

prisma: Das klingt, als wäre es eine sehr gute Zusammenarbeit gewesen ...

Hartmann: Ja, ich kann nur davon schwärmen. Es waren großartige Dreharbeiten in Köln – in dem ganz heißen Sommer vorletztes Jahr, als alles vertrocknete und starb. Und ich musste den ganzen Tag in meinem Plastik-Nylonstrumpfhosen-Stewardessenkostüm rumlaufen. Das hat es jedoch keinesfalls getrübt (lacht).

prisma: Der Film thematisiert Obdachlosigkeit bei alleinerziehenden Frauen. Ist das etwas, womit Sie sich im Vorfeld viel beschäftigt haben?

Hartmann: Das passiert erst mal automatisch, wenn man das Drehbuch gelesen hat – und dieses gut ist und einen bewegt. Dann entwickelt man ein offenes Ohr und Auge dafür. Natürlich las ich auch Artikel und hörte Features zum Thema. Und man stolpert über diese Geschichten: Da erzählt der Taxifahrer, dass er auch mal sechs Monate lang wohnungslos gewesen sei. Es zeigt sich, dass das Thema, mit dem ich mich vorher nicht sehr auseinandersetzte, tatsächlich recht viele Menschen betrifft. Ansonsten ziehe ich natürlich viel aus dem, was ich erlebte: Etwa aus dem eindrücklichen Praktikum in einem Obdachlosenheim während meiner Schulzeit oder aus den Gesprächen mit einer Freundin, die zwei Kinder alleine erzieht.

prisma: Wie ruft man das dann beim Dreh ab?

Hartmann: Dahingehend passiert viel von selbst – ich bin da eher intuitiv und impulsiv unterwegs. Außerdem improvisierten wir viel im Vorfeld und hatten dadurch einen Rucksack voller Emotionen und gemeinsamer Erlebnisse. Den konnten wir dann beim Dreh auspacken. Der Film dreht sich um Existenzbedrohung und das Erleben, dass man das Wichtigste im Leben zu verlieren droht: die eigenen Kinder. Diese Verlustangst und dieser unermüdliche Kampf, nicht aufgeben zu wollen – dafür muss man nicht viel recherchieren. Gerade, wenn das Buch und die Regie so grandios sind.

prisma: Ist es eigentlich ein Ziel, oft mit denselben Regisseuren zu arbeiten?

Hartmann: Ziel würde ich nicht unbedingt sagen. Aber es ist total schön, wenn sich das ergibt. Ich mag, wenn man sich schon kennt und schätzt. Aber auch die Abwechslung weiß ich zu schätzen, genauso wie bei Rollen und Stoffen. Ich hätte beispielsweise auch mal Lust, eine Komödie zu spielen oder etwas, wo ich singen darf.

prisma: Singen ist ja immerhin eines Ihrer großen Talente ...

Hartmann: Ich war immer in Chören, hatte Leistungskurs Musik mit dem Fach Gesang, und auf der Bühne habe ich natürlich schon viel gesungen. Im Film leider noch nicht so. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen.

prisma: In der vorletzten Spielzeit haben Sie das feste Ensemble am Thalia verlassen. Eine Entscheidung für das Filmemachen?

Hartmann: Eher eine Entscheidung dafür, nicht mehr zwischen den Stühlen zu sitzen. In einem festen Ensemble zu sein und gleichzeitig drehen zu wollen, birgt einfach für alle Beteiligten Schwierigkeiten. Wenn man etwa nicht anwesend sein kann, stört das am Theater oft den Proben-Prozess. Und man kann natürlich nicht wirklich selbst entscheiden. Das Theater hat Wichtigeres zu tun, als dir im Eiltempo deine Drehtermine zu genehmigen. Die Filmproduktion muss es aber meistens schnell wissen. Ich empfand das als stressig – auch wenn ich das Theater total liebe. Es war daher keine Entscheidung gegen das Theater, zumal ich jetzt beides machen kann: Viele Stücke von mir laufen ohne neue Proben weiter, zugleich habe ich Zeit zum Drehen.

prisma: Könnten Sie sich ein Leben ohne Theater vorstellen?

Hartmann: Wenn ich ganz aus dem Theater raus wäre, würde mir das Herz bluten. Ich glaube aber nicht, dass ich das zulassen würde. Im Gegenteil. Auch spüre ich bei vielen Filmschauspielern eine große Sehnsucht nach dem Theater.

prisma: Sie selbst kamen vergleichsweise spät zum Film. Gab es da eine Zäsur?

Hartmann: "Über Barbarossaplatz" war mein erster großer Film, zuvor waren es eher kleine Projekte. Man gerät da schnell in so einen Teufelskreis, wenn man noch nicht viel vorweisen kann. Daher hab ich mich total gefreut, damals diese Rolle bekommen zu haben. Zumal der Film eine gewisse Strahlkraft besaß.

prisma: Seither spielen Sie oft sehr intensive und sehr emotionale Dramen-Rollen. Haben Sie einen Hang dazu?

Hartmann: Durch das Theaterspielen agiere ich vermutlich recht angstfrei vor der Kamera. Ich habe keine Berührungsängste mit großen Emotionen und großen Verwicklungen. Aber ganz allgemein arbeite ich einfach wahnsinnig gern – und mit viel Spielfreude.

prisma: Sie hatten in den letzten Jahren auch ein wahnsinniges Pensum, oder?

Hartmann: Ach, ich krieg nie genug. Letztes Frühjahr drehte ich zum Beispiel zwei Filme gleichzeitig und spielte zu der Zeit noch in acht verschiedenen Stücken am Theater. Da gab es Situationen, dass ich einen halben Tag beim Dreh in Stralsund war, dann nach Hamburg zur Vorstellung fuhr und nachts noch nach Berlin, um dort frühmorgens den anderen Film zu drehen.

prisma: Klingt nach viel Stress.

Hartmann: Anstrengend war das schon. Aber irgendwie beflügelt mich das dann auch so, dass ich es sehr gern mache. Die Art von Stress empfinde ich nicht als Belastung. Außerdem regeneriere ich mich ziemlich schnell.

prisma: Hatten Sie neben der Schauspielerei eigentlich einen Plan B?

Hartmann: Nein. Aber gar nicht, weil ich so unbedingt Schauspielerin werden wollte. Mir war nur klar, dass ich keinen Schreibtischjob will. Zum anderen wollte ich nach dem Abi ohnehin erst mal auf große Rucksackreise gehen. Dass man Schauspiel an staatlichen Hochschulen studieren kann, hatte ich nur zufällig mitbekommen und mich vor der Weltreise ohne jeden Druck beworben. Und dann hatte ich aus Leipzig direkt die Zusage.

prisma: Und die Weltreise fiel ins Wasser?

Hartmann: Da war nix mit Aufschieben. Zack, war ich in der Ausbildung zu meinem Traumberuf. Immerhin war ich in den darauffolgenden Sommern immer wieder unterwegs, zum Beispiel in Indien, auf Kuba oder in Bolivien. Ich sah also sehr viel von der Welt und habe noch immer großes Reisefieber. Auch wenn ich eigentlich gar nicht mehr fliegen mag.

prisma: Aus Klimaschutzgründen?

Hartmann: Ja. Ich versuche, es zu vermeiden. Manche Leute sind sicher noch viel konsequenter. Vor Corona unternahm ich nur Reisen in Europa. Dennoch ist es ein schwieriges Thema, weil ich es liebe, in ferne Länder zu reisen.

prisma: Über Flugscham wurde vor der Corona-Krise viel diskutiert ...

Hartmann: Das Wort finde ich schwierig, weil es suggeriert, dass es darum ginge, wie die anderen einen anschauen. Aber ich mache das schon aus Überzeugung. Und ich hoffe, dass sich durch die Pandemie das Bewusstsein dahingehend ein wenig ändert.

prisma: Inwiefern?

Hartmann: Vielleicht merken wir, dass viele Dinge eigentlich nicht sein müssen. Ich befürchte aber, so viel wird sich nicht ändern.

prisma: Apropos: Glauben Sie, dass die Corona-Pandemie die Theaterszene verändern wird?

Hartmann: Am Theater muss das ja momentan ohnehin sein. Meine Kollegen haben schon mit dem Proben begonnen – mit krassen Abstandsregeln und Einschränkungen. Wenn du auf der Bühne sprichst, musst du zum Beispiel ohne Maske sechs Meter vom anderen entfernt sein. Das verunmöglicht, normal Theater zu spielen. Zumal die wenigsten bestehenden Produktionen coronatauglich umzuwandeln sind. Vor allem bin ich ja gespannt, ob Zuschauer kommen werden. Für mich kann ich nur sagen: Theaterspielen ist sehr gesund – ich bin zum Beispiel auf der Bühne viel geduldiger als im echten Leben (lacht).


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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