Schauspieler im Interview

Kai Schumann: "Seit meiner Kindheit habe ich mit Rassismus zu tun gehabt"

von Max Trompeter

Kai Schumann, ein Schönling. Dunkle Augen, Dreitagebart, breites Lächeln: Fernsehdeutschland lernte den heute 43-Jährigen so in "Doctor's Diary" (2008 – 2011, RTL) kennen. Seitdem ist das Rollenportfolio des Schauspielers enorm gewachsen.

Seine Interpretation der Kommissar-Titelrolle in der ZDF-Serie "Heldt" fand seit 2013 viele lobende Worte, er spielte im ausgezeichneten Fernsehfilm "Der Minister" (2013) die an Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg angelehnte Hauptfigur sowie Karl Marx in "Staatsfeind Nr. 1" (2017). Für den neuen SAT.1-Film "Im Schatten das Licht" (Montag, 8. Juni, 20.15 Uhr), Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Jojo Moyes, versetzte sich der gebürtige Sachse in den freiheitsliebenden Fotografen Mac, der auf ungeplanten Umwegen seiner Ex-Frau, gespielt von Anna Schudt ("Dark", "Tatort"), wieder näherkommt und ein ungeahntes Verantwortungsbewusstsein für die elternlose Sarah (Lorna zu Solms) entwickelt. Wie passend: Kai Schumann nahm 2019 ein Pflegekind in seine Patchworkfamilie auf. Darüber, über sein "sensibles Gerechtigkeitsempfinden" sowie seine gegen Rechts engagierte Mutter erzählt er im Interview.

prisma: Herr Schumann, langsam kehrt in Zeiten der Corona-Pandemie wieder Normalität ein. Auch bei Ihnen?

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Kai Schumann: Normal ist das Schauspielerleben natürlich nie. Doch die Film- und TV-Branche befindet sich nach wie vor in einer leichten Schockstarre. Logisch, denn die Corona-Beschränkungen sind in unserem Arbeitsalltag nur ganz kompliziert umzusetzen. Doch es wird an Konzepten gearbeitet, wie man unter diesen Bedingungen drehen kann. Ich bin da guten Mutes, dass bald wieder mehr Bewegung in die Sache kommt.

prisma: Die Kultur schien erst einmal hinten anzustehen ...

Schumann: Das galt natürlich für viele Branchen. Jedoch wird hier und da vergessen, dass Kultur tatsächlich jeden etwas angeht. Dass Kulturgüter wie Musik, Filme und Serien aber auch hergestellt werden müssen, darüber wurde lange nicht geredet. Doris Dörrie hat da im "Süddeutsche Zeitung Magazin" ein paar schlaue Worte gefunden, ...

prisma: Welche Sie in Ihrem Instagram-Auftritt geteilt haben.

Schumann: Genau. Sie machte darauf aufmerksam, dass man zu Recht über die Öffnung von Gaststätten gestritten hat, dass uns aber auch Musik, Literatur, Filme und Games über diese Zeit hinweggeholfen haben. Die Macher, also Künstler, jedoch fanden lange wenig Beachtung.

prisma: Sie nutzen Instagram gerne für kritische und politische Statements. Eine Selbstverständlichkeit für Sie?

Schumann: Ich kann gar nicht anders. Ich bin so aufgewachsen. Meine Mutter ist und war immer eine sehr meinungsstarke Person, heute ist sie zum Beispiel aktiv bei "Omas gegen Rechts". Für mich war stets klar, dass ich meine Position in der Öffentlichkeit auch dafür nutzen will, Dinge, die ich für gesellschaftlich relevant betrachte, anzusprechen und zu verbreiten. Das ist für mich ganz normal. Demokratie lebt von Diskussion, von unterschiedlichen Positionen. Dazu gehört auch der Dissens: Man muss aushalten, dass es andere Meinungen und Realitäten gibt. Je älter ich werde, desto mehr lerne ich, das zu akzeptieren und auch zu schätzen. Nicht jeder muss meiner Meinung sein – das war noch anders, als ich jung war.

prisma: Sie wuchsen mit Ihrer Mutter in einer Hippie-Kommune auf. Manche brechen im späteren Leben mit dem dort Erlebten und finden Ihre Eltern peinlich. Bei Ihnen scheint das anders.

Schumann: Naja, meine Mutter ist mir schon manchmal peinlich. Wenn Sie zum Beispiel das ganze Café darauf aufmerksam macht, dass das ausgeschenkte Mineralwasser von Nestlé ist und man die Firma doch boykottieren sollte (lacht). Im Ernst: Früher fand ich sie beizeiten schwierig und eben peinlich, heute gar nicht mehr. Ich bin froh darüber, dass ich auch dieses Rebellische in mir habe. Wobei ich es gar nicht so bezeichnen würde. Vielmehr ist da ein sensibles Gerechtigkeitsempfinden. Und Dinge, die ich als ungerecht empfinde, versuche ich auch so zu benennen. "Wer schweigt, stimmt zu" – an dem alten Satz ist was dran.

prisma: Eines Ihrer Hauptthemen ist Rechtsextremismus, sie engagieren sich mit offenen Bühnendiskussionen oder in Schulklassen. Was gab den Anstoß dazu?

Schumann: Seit meiner Kindheit habe ich mit Rassismus zu tun gehabt. Mein Vater ist Syrer. Das war wohl der Anlass dafür, dass ich schon als kleiner Junge mit aller Art fremdenfeindlich motivierten Bezeichnungen bedacht wurde. Egal ob "Nigger", "Jude" oder "Arabersau" – alles in einem. Völlig absurd. Später war ich bei der Antifa und bei den Autonomen, was mir aber nach einiger Zeit zu hart und brutal wurde. Gewalt kann keine Lösung sein, auch nicht in der Sprache. Das soll aber nicht verbergen, dass wir definitiv ein Problem mit Rechtsradikalismus in Deutschland haben, was politisch immer wieder runtergespielt und kleingeredet wird. Rechte Tendenzen in Armee und Polizei sind keine Seltenheit, gleichzeitig wird linken und auch ökologischen Vereinen ihre Gemeinnützigkeit abgesprochen. Das ist erschreckend.

prisma: Was ist zu tun?

Schumann: Wach bleiben, aufmerksam sein. Das wichtigste ist aber: miteinander reden. Auch mit Rechten. Unbedingt. Diese verhärteten Fronten, die aktuell auch bei diesen "Hygienedemos" sichtbar sind, müssen aufgebrochen werden. Weder sollte man alle Kritiker der Corona-Maßnahmen als "Aluhutträger" diffamieren, noch bringt es irgendjemanden weiter, die vermeintlich Unkritischen als "schlafende Schafe" abzutun. Da braucht es ein Aufeinanderzugehen oder zumindest – wie angesprochen – die Akzeptanz für Dissens.

prisma: Kann man wirklich mit allen reden?

Schumann: Daran glaube ich. Das heißt nicht, dass mir das leichtfällt. Ich bleibe natürlich auch nicht immer locker und entspannt, wenn ich mich angegriffen fühle. Und viele Ideologien und Meinungen sind echt hart, mich damit auseinanderzusetzen fällt mir wahnsinnig schwer. Doch der Dialog hilft, um dahinter zu blicken. Wichtig ist, zu vermitteln, dass es nicht für alle Ängste und Sorgen einen Schuldigen geben kann. Bringt ja eh nichts: Angst ist kein probates Mittel, um Probleme anzugehen.

prisma: In Ihrem neuen Film "Im Schatten das Licht" kümmert sich Ihre Figur Mac um ein junges, elternloses Mädchen. Sie nahmen 2019 ebenfalls ein Pflegekind bei sich auf. Wie kam das zustande?

Schumann: Ja, das größte Geschenk für mich überhaupt: Taylor, meine Tochter. Sie ist eine totale Bereicherung für unsere Familie. Ich kann gar nicht sagen, wie wahnsinnig glücklich und dankbar wir sind, dass wir sie bei uns aufnehmen durften.

prisma: Sie sagen "Tochter" – haben Sie Taylor adoptiert?

Schumann: Nein, das nicht. Sie hat ja eine Mama, eine Freundin meiner Lebenspartnerin, der es lange Zeit nicht gut ging und die sich nicht mehr in der Lage sah, sich um ihr Kind zu kümmern. Taylor hat dann viel Zeit in öffentlichen Einrichtungen verbringen müssen, umgeben von vielen Kindern mit vielen Problemen. Eine toxische Umgebung. Taylors Mama wollte sie aus dieser Situation befreien – und das ist ihr gelungen. (lacht)

prisma: Jetzt sind Sie Vaterfigur für drei junge Menschen: Ihr eigener Sohn, der leibliche Sohn Ihrer Freundin und Taylor. Eine große Herausforderung, vor allem, wenn man selbst ohne Vater aufgewachsen ist ...

Schumann: Auf jeden Fall. Das war vor allem am Anfang schwierig. Gerade mein Sohn Bela hat lange darunter leiden müssen, dass ich dem Ganzen nicht gewachsen war. Ich wollte das unbedingt, er ist ein Wunschkind. Die Verantwortung und die volle Fokussierung auf das Vatersein fielen mir jedoch unglaublich schwer. Mein eigenes Ego zurück- und meine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, gelang mir gar nicht. Aber dafür jetzt!

prisma: Also meisterten Sie auch die beengte Corona-Zeit?

Schumann: Für mich war das die Zeit der Familie, ja. Das hat auch der Beziehung zu meinem Sohn sehr gutgetan, wir wuchsen alle noch mehr zusammen. Jeder war automatisch dazu aufgefordert, sich mit allen anderen auseinanderzusetzen. Wenn man sich davor nicht scheut, ist das vielleicht erst etwas anstrengend. Am Ende hat es uns aber alle weitergebracht.

prisma: Wo ist er hin, Ihr anerzogener Freiheitsdrang aus der Kommune?

Schumann: Ich habe einfach nun mehr Spaß an der Verantwortung und an der Familie. Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich meinen Platz im Leben voll und ganz akzeptieren kann und gerne da bin, wo ich bin. Viele Sehnsüchte werden eh nur künstlich von außen erzeugt, gerade im Kapitalismus. Schließlich existieren ganze Armeen von Marketing- und Werbemenschen, die Träume für allerlei an uns herantragen. Aber es gibt nichts Besseres und Gesünderes, als seinen Platz im Leben zu akzeptieren und zu genießen. Und sowieso: Als Schauspieler hat man genügend Freiheiten und Auszeiten, da brauche ich mir keine Sorgen zu machen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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