ARD-Doku

"Kinder des Krieges – Deutschland 1945": Die letzten Zeitzeugen erinnern sich

von Andreas Schoettl

Als Kinder erlebten sie den Zweiten Weltkrieg, noch heute lassen die grausamen Bilder sie nicht los: In einer ARD-Doku schildern Zeitzeugen ihre Erlebnisse aus dem letzten Kriegsjahr 1945.

ARD
Kinder des Krieges – Deutschland 1945
Dokumentation • 04.05.2020 • 20:35 Uhr

"Ein Unterführer an der Front hat zu mir gesagt, da hinten, da läuft ein Russe. Hol den mal weg. Und dann habe ich angelegt, gezielt und habe ihn getroffen. Und der warf die Arme hoch und fiel hin. Tage lang hab ich den immer gesehen, wie der da lag und habe mir gedacht, Mensch, das hast du gemacht, den armen Kerl. Und wer weiß, der hat ja vielleicht auch eine Mutter – so wie ich." – Mit diesen Worten erinnert sich Günter Lucks an sein traumatisches Erlebnis während des Zweiten Weltkrieges. Obwohl im Januar 1945 eigentlich schon absehbar war, dass Nazi-Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen konnte, wurde der Hamburger eingezogen. Er kam an die näher rückende Front. Lucks war damals 16 Jahre alt.

Auch 75 Jahre nach Ende des Krieges haben den heute 91-Jährigen seine schlimmen Erinnerungen nicht losgelassen. Er ist ein Angehöriger der Generation, die ungeheuerliche Grausamkeiten erlebten. Lucks musste zum Volkssturm an die Front. Andere der noch lebenden letzten Zeitzeugen saßen in Schutzkellern, ertrugen die Bombennächte oder sahen Hinrichtungen sowie die geschundenen Gefangenen in einem befreiten Konzentrationslager. Im Film "Kinder des Krieges" von Jan N. Lorenzen erzählen sie von ihren traumatischen Erlebnissen. Mitunter sprechen sie das erste Mal vor der Kamera.

HALLO WOCHENENDE!
Interviews, TV-Tipps und vieles mehr: Zum Start ins Wochenende schicken wir Ihnen jeden Freitag unseren Newsletter aus der Redaktion.

Die Menschen, die über ihre Erfahrungen in den letzten Wochen und Monaten bis zum Mai 1945 berichten, waren damals vor 75 Jahren zwischen sechs und 18 Jahre alt. "Kinder sind immer Opfer", sagt Lorenzen über die ungewöhnliche Perspektive, die sein zeitgeschichtliches Filmdokument einnimmt. Der Autor und Regisseur führt weiter aus: "Kinder müssen nichts verstecken, sie müssen sich nicht rechtfertigen, sie erzählen was ihnen passiert ist. Zugleich sind sie gute Beobachter: Beobachter der Gesellschaft und zugleich ihrer Eltern. Gerade beim Thema Nationalsozialismus macht dies neue und erstaunliche Einblicke möglich."

Es waren eben diese Kinder, die sich nicht nur gedanklich viel schneller mit der eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hatten und später auch ihre Eltern damit konfrontierten. Vielfach waren es die Jüngsten, die vorgeschickt wurden, als die ersten Alliierten in den zerstörten Städten eintrafen. Die Eltern versteckten sich derweil aus Angst und Scham in den Ruinen ausgebombter Häuser.

Den Versuch der älteren "Tätergeneration", das Geschehene zu kaschieren, bestenfalls auszulöschen, erfuhr beispielsweise Lydia Bohling aus Bremerhaven. "Als ich 14 war, hätten sie mich für ein 120-prozentiges Hitlermädel gehalten", erzählt sie. Stramm auf Linie erzogen, wollte sie sogar ihre Tante anzeigen, weil diese einmal meinte, der Krieg sei verloren. Als es endgültig so weit kam, mussten die Spuren verwischt werden. Bohling: "Kurz bevor die Amerikaner kamen, haben meine Mutter und ich die Uniformweste, ein Hitlerrelief und sämtliche Bilder, die irgendwas mit Nationalsozialismus zu tun hatten, auf unserer Parzelle vergraben. Wirklich bei Sturm und Wind. Und haben gesagt: 'Vielleicht lassen uns die Feinde dann leben, wenn die nichts finden, was an Nationalsozialisten erinnert."


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
Das könnte Sie auch interessieren