04.05.2020 Schauspielerin im Interview

Friederike Becht: Die Unberechenbare spielen

von Lara Hunt
Milla (Friederike Becht) bedroht Norman (Pit Bukowski), doch als ihre Polizeikollegen dazu stoßen, wendet sich das Blatt und Norman nimmt sie als Geisel.
Milla (Friederike Becht) bedroht Norman (Pit Bukowski), doch als ihre Polizeikollegen dazu stoßen, wendet sich das Blatt und Norman nimmt sie als Geisel.  Fotoquelle: Marion von der Mehden/ZDF

Friederike Becht, bekannt aus "Das Parfüm“, spielt in der Nachtschicht-Folge "Cash & Carry" die Polizistin Milla. Mit prisma hat sie über ihre Rolle und Rassismus vor und hinter der Leinwand gesprochen.

TV-TIPP

"Nachtschicht"

Montag, 4. Mai

20.15 Uhr

ZDF

Frau Becht, in der Folge "Cash & Carry" der Krimireihe Nachtschicht spielen Sie die Serienhauptrolle, Polizistin Milla, die mit dem Verlust ihres Partners zurecht kommen muss. Wie hat Ihnen die Rolle gefallen?

Friederike Becht: Sehr gut. Die Rolle der Milla ist so reizvoll, weil sie total emotional und bauchgesteuert reagiert. Der Schlüssel zu ihrer Figur ist es, so wenig wie möglich nachzudenken. Milla reagiert komplett impulsiv. Und das hat wirklich Spaß gemacht. Außerdem wird sie andauernd von ihren Kollegen unterschätzt, auch das hat die Rolle spannend gemacht.

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Wenn Sie sich mit Milla vergleichen – sind Sie auch eher impulsiv?

So wie Milla bestimmt nicht. Milla ist zum Beispiel ein Mensch, der sich auch vor keiner körperlichen Auseinandersetzung scheut. Da bin ich schon sehr viel vorsichtiger – und auch nachdenklicher. Ich glaube, ein Interview mit Milla wäre noch um einiges lustiger als mit mir.

Wie hat es Ihnen gefallen, die Rolle einer Polizistin zu spielen?

Die Polizistinnen-Rolle wird einem ja schon häufiger angeboten. Da ist Milla wirklich dankbar, weil sie unabhängig von ihrem Beruf einiges zu bieten hat. Sie ist ja sehr viel mehr als nur ihre Funktion. Sie stellt nicht nur die Frage "Wo waren Sie gestern um 11 Uhr?" oder ist nur dazu da, den Fall zu erläutern. Bei Milla steckt was dahinter – und das macht es spannend.

Sie sagen, Polizisten-Rollen werden häufig angeboten. Krimis dominieren im Fernsehen. Fehlt Ihnen da Vielfalt?

Natürlich gibt es eine Menge Krimis im Fernsehen. Und ich denke, vielen von denen gelingt es auch, Vielfalt zu zeigen. Aber es gibt auch spannendes Fernsehen ohne Kommissare und Polizeirevier, und ich bin mir sicher, dass das Publikum auch bereit für abwechslungsreiches, kreatives Fernsehen ist. Die nächsten Rollen, die ich habe sind vielfältig. Leider kann ich darüber noch nicht viel verraten.

Nicht mal ein bisschen?

Gerade wird der Film "Plötzlich so still" fertiggestellt, den wir im November und Dezember gedreht haben und der vielleicht schon Ende des Jahres im ZDF ausgestrahlt werden soll. Da spiele ich zusammen mit Hanno Koffler ein Paar, das ein Kind verloren hat. Das ist dann wieder etwas ganz anderes.

Die Nachtschicht ist Kult. War es etwas Besonderes, die Serienhauptrolle zu spielen?

Auf jeden Fall, denn ich fand die Nachtschicht auch schon vorher cool. Ich mag den Humor und dass es etwas anders ist. Die Figuren sind interessant, einige Folgen sind wirklich schräg – und es gibt immer wieder etwas Unerwartetes.

Wie haben Sie die Rolle bekommen?

Ich bin ganz normal zum Casting nach Berlin gefahren. Da habe ich dann auch den Regisseur Lars Becker kennengelernt. Ich hatte einen Anspielpartner und habe die Szene gespielt, in der ich den Kollegen berichte, was mit meinem Partner, meinem Harry, der ja beruflich und privat mein Partner war, passiert ist. Das war total interessant, denn Lars ist ganz genau mit Worten und dem Timing. Er ist so interessiert an der Sprache und daran, wie was gesagt wird, dass es echt Spaß gemacht hat, zusammen daran zu feilen.

In den Film geht es auch um Rassismus – wie wichtig ist das?

Das ist meiner Meinung nach leider ein Muss. Noch immer gibt es Rassismus und Vorurteile gegenüber dem Fremden – und dieses Gedankengut muss raus aus den Köpfen. Wir sind da zu sehr von Angst bestimmt. Das ist ja einfach so. Neulich war ich einkaufen und habe meinen Geldbeutel nicht gefunden. Da kam auch erst mal die Angst, jemand könnte ihn gestohlen haben – dabei hatte ich ihn nur blöd weggepackt. Angst blockiert oft unseren Verstand und unser Herz. Unser Mitgefühl. Ich finde es furchtbar, dass wir den Menschen auf Lesbos im Camp Moria nicht schon längst geholfen haben. Es gibt da diesem Spruch von Mark Twain: "Ich hatte mein ganzes Leben viele Probleme und Sorgen. Die meisten von ihnen sind aber niemals eingetreten." Darüber sollte man nachdenken. Und Rassismus immer wieder thematisieren.

Wie ist das in der Schauspielbranche?

Ich weiß von Kollegen mit Migrationshintergrund, dass sie oft für Rollen gecastet werden, die das Schubladendenken bedienen. Das kommt sogar im Theater vor. Jemand, der einen Migrationshintergrund hat, wird seltener für die Rolle eines Oberarztes gecastet, es sei denn, es wird erklärt, warum er als Oberarzt Ausländer ist. Und eigentlich muss das doch gar nicht sein. Die Welt ist bunt und vielfältig, und wir können sie so darstellen, ohne irgendetwas erklären oder berechtigen zu müssen.

Corona hat auch die Filmbranche erschüttert. Was meinen Sie, was sich da verändern wird?

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wir bekommen das alle zu spüren, auch finanziell. Ich glaube, es ist wichtig, in der kommenden Zeit besonders kollegial zu sein und sich gegenseitig zu unterstützen und füreinander Verständnis zu haben. Ich hoffe, dass der Staat sich auch dafür einsetzen wird, dass wir weiterhin Filme machen können und auch mit notwendigen Finanzspritzen hilft. Aber vielleicht hat die Krise auch Chancen. Wir leben in einer Welt, in der es immer schneller, weiter, höher, besser gehen muss. Vielleicht können wir ein bisschen langsamer machen und das, was wir machen und haben, mehr wertschätzen.

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