Marcel Reif blickt in seinem Buch "Nachspielzeit" auf seine Karriere als Sportkommentator zurück. Ein Gespräch über die Seele des Fußballs, handaufgenähte Rückennummern und Hasstiraden im Netz.

Herr Reif: Schiedsrichtern sagt man immer mal wieder nach, Sie hätten diese Tätigkeit nur ergriffen, weil es zum Fußballer nicht gereicht habe. Gilt das für Kommentatoren auch?

Och nä. Aber dass wir alle verhinderte Nationalspieler sind, das denke ich schon. Im Nachhinein sage ich, ich bin länger beim Fußball geblieben als mancher Nationalspieler. Aber ich habe das nicht aus Verzweiflung gemacht, man hat mich eher getragen.

Wenn ich jetzt den Namen Peter Ahrens fallen lasse: Was fällt Ihnen dazu ein?

Helfen Sie mir schnell mal.

Ein Kollege vom Spiegel. Er schrieb unter anderem, Sie wirkten bei schlechten Spielen "richtiggehend persönlich beleidigt, dass ihm nicht das Produkt vorgesetzt wurde, das ihm angemessen sei", attestierte Ihnen Eitelkeit bis zur Selberverliebtheit, aber auch, es habe niemand mit Ihnen mithalten können. Was davon stimmt?

Eitel bin ich ganz sicher, ich habe Eitelkeit nie als rein negativ besetzt gesehen. Ich finde sie einen wunderbaren Antrieb, wenn man öffentlich auftritt. Jeder, der sich öffentlich äußert, Sie inklusive – wenn der nicht eine Form von Eitelkeit pflegt, das kaufe ich ihm nicht ab. Dazu braucht es exhibitionistische Neigungen. Sie möchten gelesen werden, ich wollte gehört und gesehen werden. Selberverliebtheit ist ein großes Wort, das ist mir zu schlagwortartig. Da der Tenor stimmte, nehme ich die Kollateralschäden mit in so einem Artikel und les das gern. Ich war mit mir und der Form, wie ich an meine Arbeit gegangen bin, im Reinen und bin es bis heute.

War es für Sie beim Thema Eitelkeit ein Nachteil, nur selten sichtbar zu sein?

Ich mache es mal andersrum: Wenn ich heute über die Straße gehe, ist die Quote an Menschen, die mich erkennen, absurd hoch dafür, dass ich so selten zu sehen war. Insofern: Das hat mir nicht gefehlt. Die Lust, noch präsenter zu sein, hatte ich nie.

Und wie viel von diesem Wunsch, wahrgenommen zu werden, steckt als Antrieb in Ihrem Buch?

Mein Antrieb, Bücher zu schreiben, ist per se unterentwickelt, denn Schreiben ist nicht mein Metier. Dieses Buch hätte es ohne Holger Gertz nicht gegeben und auch nicht ohne den Verleger, der es selber lektoriert hat und der großes Interesse daran hatte. Also: Ich mache ja dieses Buch nicht, damit es versteckt wird. Ich fühl mich wohl mit dem Buch, das war mir sehr wichtig. Ich brauche es nicht aus ökonomischen Gründen, und es ist genau wie alles andere eine öffentliche Äußerung, die ist nicht uneitel. Wenn jemand das Buch gelesen hat und sagt, er hat es gern gelesen, gefällt mir das besser als wenn er sagt, das ist Schrott.

Ihr Buch wirkt zumindest so, als hätten Sie versucht, Ihre Kommentatoren-Sprache in Schriftsprache zu übersetzen, meist funktioniert das sogar. Das liest sich unglaublich leicht. War es das auch?

Dieses Buch wäre nicht veröffentlicht worden, wenn das nicht so gelungen wäre. Und das konnte nur Holger Gertz. Insofern müssten Sie das Gespräch mit dem führen. Ich weiß nur, dass ich das Vertrauen sofort hatte, weil wir ja schon ein paar Geschichten gemacht haben für die Süddeutsche Zeitung und ich habe jedes Mal geradezu erschreckend mein Echo und meinen Tonfall und meine Pointierungen gehört. Das muss jemand können und das kann der wie kein Zweiter auf der Welt.

Sie schreiben in Ihrem Buch, der Fußball drohe seine Seele zu verlieren. Was ist das in Ihren Augen: die Seele des Fußballs?

Das ist das, was ich erlebe, wenn ich mit meinen Jungs, die inzwischen schon 16 und 17 sind, wenn ich mit denen kicken gehe. Und als die 10 und 9 waren, wenn ich da mit denen kicken war, dann habe ich die Seele des Fußballs gespürt. Ich habe sie auch gespürt, wenn ich bei großen Spielen kommentieren konnte und alles drum rum ausblenden konnte zwischen Anpfiff und Schlusspfiff. Das Spiel großer und kleiner Jungs: infantil, unbedeutend, aber unendlich wichtig. Und alles, was mir diese Unschuld und dieses Infantile nimmt, da werde ich sehr unangenehm.

In manchen Momenten, beispielsweise wenn Sie über Trikotfarben und handaufgenähte Rückennummern philosophieren, wirkt Ihr Buch durchaus auch kulturpessimistisch. Früher war alles besser, liest man dann zwischen den Zeilen. Ist das so?

Nein, die Trikots von damals möchte kein Mensch mehr tragen. Insofern: zurückgucken und sagen "So wie damals muss es sein", ist Quatsch. Aber es hat romantische Anflüge. Und ich gebe zu: Manche Dinge waren in der Dimension etwas überschaubarer, verständlicher, nachvollziehbarer. Und das war vielleicht besser. Aber früher war alles besser? Kommen Sie, hören Sie auf, so alt bin ich noch nicht.

Sie feiern in Ihrem Buch auch die Fan-Gesänge, allen voran aber die aus anderen Ländern wie Argentinien, England oder Italien. Können die deutschen Fans nicht singen? Oder liegt es an den Liedern?

Die Lieder. Möglicherweise habe ich die schon zu oft gehört. Und so richtige Lieder sind es ja auch nicht. Das sind Sprechchöre und die meine ich ja nicht. Ich meine Lieder, die über den Fußball geschrieben wurden. Und das, was deutsche Nationalmannschaften früher geradezu zwanghaft machten, vor der WM eine LP aufnehmen, mit oder ohne Udo Jürgens, das hat sich Gott sei Dank erledigt. Das hat die Welt damals nicht weitergebracht und würde es heute auch nicht tun.

Dem Sportjournalismus wird ja oft und immer wieder auch eine viel zu große Nähe zu seinen Protagonisten vorgeworfen. Was ist daran so reizvoll? Mitspielen kann man ja trotzdem nicht.

Weil man sich jung fühlt und weil man der Sache so nah sein kann wie in keinem anderen Sujet. Weder in der Politik noch im Feuilleton oder der Wirtschaft sind Sie so sehr Teil des Ganzen oder drohen Teil des Ganzen zu sein.

Und haben Sie selber manchmal eine Grenze überschritten?

Punkt 1: Das liegt mir nicht. Punkt 2: Ich kam von der Politik. Ich war da nicht so gefährdet. Und als ich zum Sport kam, war ich bereits Mitte 30. Ich hatte da schon Erfahrungen im Journalismus, und das Bedürfnis, zu duzen oder geduzt zu werden von Jungs, die um die 20 sind, das hat sich so nicht ergeben. Und je älter ich wurde, desto mehr gab es da eine natürliche Distanz.

Oft wird im Fußball von Helden gesprochen, je größer der historische Abstand ist, desto häufiger. Dagegen sieht man im heutigen Fußball aber auch eine unglaubliche Abgeklärtheit in Sachen Erfolg. Wie viel Heldentum ist da noch möglich?

Ich kann mit dem Begriff Helden im Fußball nichts anfangen. Helden habe ich andere. So eine Idolisierung ist völlig ok, das sehe ich ja bei meinen Jungs, das legt sich jetzt auch langsam. Aber junge Menschen haben Idole und das ist auch völlig in Ordnung so. Aber wenn so ein Messi wieder Weltfußballer wird oder zum hundertsten Mal die Champions League gewinnt: Komm, das ist nicht abgeklärt. Ich war immer sehr nah am Platz. Davor und danach hat mich nie endlos interessiert.

Sie haben in Ihrer Karriere rund 1500 Spiele kommentiert. An wie viele davon können Sie sich bewusst erinnern?

An wie viele nicht? Ach, das wäre ja Unsinn, wenn ich sagen würde, ich brauche nur in der Erinnerung zu kramen, das ist Quatsch. Aber jedes Spiel hatte seine Momente. Es hat am Ende eine Draufsicht ermöglicht, diese Vielzahl. Ich habe aber vor lauter Bäumen den Wald schon noch gesehen. Das hat mir vielleicht sogar erst ermöglicht, den Wald zu sehen. Aber nicht jeden einzelnen Baum.

Und gibt es Spiele, um die Sie andere Kollegen beneidet haben?

Während der aktiven Zeit? Nee. Ich war Chefkommentator, die Spiele, die ich nicht machen durfte, müssen Sie mir aber sagen. Alles, was ich sehen wollte, jedes Champions-League-Finale, jedes WM-Finale, habe ich kommentieren können. Da hat es an nichts gefehlt. Und seit ich aufgehört habe, gab es ein einziges Spiel, wo ich dachte: ach, Mensch. Das war das erste Gruppenspiel in der Champions League in dieser Saison, Legia Warschau gegen Borussia Dortmund. Da dachte ich: "Guck mal, da hast du dein erstes Fußballspiel gesehen, wenn du da dieses Spiel noch mal kommentieren dürftest, das hätte doch was." Es war nicht so und das ist auch gut so.

Hat sich denn, seit Sie aufgehört haben, etwas an Ihrer Art verändert, Fußball zu gucken?

Ich gucke mehr von unten, nicht mehr von oben. Ich gucke nicht mehr, wie sich die Reihen verschieben, ich sehe nicht mehr die Räume zwischen den Linien, ich rieche mehr den Platz jetzt als Experte, das ist ein bisschen was anderes. Aber die Grundsicht auf Fußball hat sich nicht verändert und die wird sich auch nicht so schnell verändern.

Und rückblickend: Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Aber nicht einen Moment. Das ist die Wahrheit. Nicht einen kleinen Moment. Ich bin, was das angeht, mit mir völlig im Reinen. Diese Seite des Jobs war erledigt.

Am Ende Ihrer Karriere wirkten Sie laut Beobachtern wie Ahrens manchmal lustlos, Sie haben aber auch, gerade in sozialen Netzwerken, harte Kritik einstecken müssen für Ihre Arbeit. Welchen Anteil hatten solche Faktoren an Ihrer Entscheidung, aufzuhören?

Nein, ich habe nicht einstecken müssen, dafür hätte ich mich dem ja stellen müssen. Da ich mich dem aber verweigert habe, musste ich auch nichts einstecken. Mir war das Wurscht, weil das keine Form der Kritik ist. Manche Auswüchse, die daraus entstehen aus einer solchen Art von Pseudokommunikation, manche konkrete Hasstirade, die auf mich einprasselte, die, das will ich nicht abstreiten, kann mich durchaus zu dem Gedanken gebracht haben, ob das noch der Umgang mit Fußball ist, wie ich ihn mir vorstelle. Aber das war nicht entscheidend. Entscheidend waren andere Dinge. Es war irgendwann mal gut bei Sky. Ich habe genug Menschen immer wieder getroffen, irgendwann möchte man dann auch noch mal andere Dinge tun. Es waren immer dieselben Abläufe. Wenn der Herr Ahrens lustlos sagt: Lustlos war ich eigentlich nie, aber ich habe gemerkt, dass ich anfange, die Spiele zu gewichten, ich habe gemerkt, dass ich mich selber zitiere zuweilen. Und dann dachte ich: "Na? Ist es das, was du wirklich möchtest?" Also: Es hatte sich, wie Intellektuelle heute sagen, es hatte sich auserzählt.

Und wenn Sie nach vorne gucken: Gibt es Projekte, die Sie sich noch wünschen?

Projekte? Nein, nein, nur noch das, was wirklich Spaß macht. Und das mache ich jetzt auch gerade. Ich arbeite für das Schweizer Fernsehen als Experte, ich schreibe Kolumnen, ich mache den Doppelpass, alles als Experte. Das sind Dinge, die mir Spaß machen. Ein Projekt ... ich bin jetzt 67, wenn ich jetzt noch die ganz großen Projekte hätte, dann hätte ich was falsch gemacht. Die großen Dinge habe ich gemacht, ich habe die Dinge gesehen, die ich sehen wollte, mit ein paar Ausnahmen. Ich bin immer noch neugierig, und ein paar Reisen wird es noch geben, die mache ich aber jetzt eher privat, die müssen nicht mehr mit Fußball zusammenhängen.

Florian Blaschke führte das Interview.