Dieser Film zum "Tag der Deutschen Einheit" dürfte Diskussionen auslösen. In "Willkommen bei den Honeckers" (Dienstag, 3. Oktober, 20.15 Uhr, ARD) sieht man Martin Brambach in der Maske des 30 Jahre älteren Ex-Staatsratsvorsitzenden der DDR. 1993 gab Honecker einem jungen Reporter im chilenischen Exil ein letztes Interview. Die Komödie gewinnt vor allem in den letzten 30 Minuten, in denen "Tatort"-Star Brambach als Honecker auftritt, eine erstaunliche Tiefe. Sie provoziert, weil der Zuschauer Mitleid mit dem alten, todkranken Honecker empfinden könnte, dem mit diesem Interview übel mitgespielt wurde.

Martin Brambach, der am Freitag, 27. Oktober (20.15 Uhr, ARD), auch in der Multikulti-Komödie "Kein Herz für Inder" zu sehen ist, äußert sich zur heiklen Frage, ob man von Honecker, der den Schießbefehl an der Mauer verantwortete, ein falsches, verharmlosendes Bild zeichnet.

prisma: Herr Brambach, welche Erinnerung haben Sie aus Kindertagen an die DDR?

Brambach: Meine Eltern waren Theaterleute in Ostberlin. Als Künstler sind sie oft angeeckt ans System. Daran erinnere ich mich. Das System hatte immer Probleme mit seinen Intellektuellen. Das war in der DDR so ähnlich wie im Nationalsozialismus. Da wurde leider an so manche Tradition wieder angeknüpft. Auch wenn man jene Stufe der Perversion, die das Handeln der Nazis ausmachte, nicht mehr erreichen kann.

prisma: Sie sind noch vor der Wende ausgereist ...

Brambach: Ja, ich bin froh, dass ich bereits 1984 in den Westen durfte. Ich hielt vor allem die ständige Indoktrination nicht mehr aus. Jeder Staatsbürgerkunde-Lehrer, jeder FDJ-Sekretär redete ausschließlich in Phrasen. Wenn ich ein paar Altglasflaschen sammelte, unterstützte ich die Weltrevolution und so. Das ganze Gerede war so unfassbar hohl! Ich habe mir jedoch sagen lassen, dass die Altlinken im Westen ähnliche Erfahrungen machten. Überall, wo es dogmatisch zugeht, machen sich die Phrasen und Worthülsen selbstständig.

prisma: Jetzt sieht man Sie mit riesiger Hornbriller in der Rolle des langjährigen Staatsratsvorsitzenden der DDR. Worauf haben Sie bei Ihrer Erich-Honecker-Interpretation besonderen Wert gelegt?

Martin Brambach: Wichtig war mir, dass es keine Karikatur wird. Der reale Honecker war an einer solchen Karikatur ja schon ziemlich nah dran. Die sich überschlagende Stimme, die hohlen Phrasen und am Ende die Tattrigkeit. Nun spiele ich auch den sehr alten Honecker. Die Figur ist über 30 Jahre älter als ich.

prisma: Wie kam man darauf, Sie zu fragen? Ihre Ähnlichkeit ohne Maske hält sich in Grenzen!

Brambach: Ich fragte mich die ganze Zeit, welche älteren Kollegen den Machern des Films schon abgesagt haben müssen (lacht). Nein, im Ernst. Ich empfand das als sehr aufregende Spielaufgabe. Um mich vorzubereiten, habe ich mir vor allem viele späte Reden und Interviews von Honecker angeschaut.

prisma: Was ist Ihnen aufgefallen?

Brambach: Natürlich diese Halsstarrigkeit, die viele alte Leute haben. Vor allem jene, die von der Zeit überholt wurden. Deren Lebenswerk sozusagen demaskiert wurde. Honecker gab nach seinem Sturz Anfang der 90-er noch ein paar Interviews – unter anderem der ARD. Als er gefragt wurde, wie er zu seiner Verantwortung für die Mauertoten stehe, hat er gesagt, dass niemals jemand gezwungen wurde, die DDR zu verlassen. Das war seine Sicht.

prisma: Also spielen Sie einen schlechten Menschen.

Brambach: Honecker war auf jeden Fall Täter. Aber in jener Phase, in der ich ihn spiele, eben auch ein sehr alter, kranker Mann, der nach jedem Strohhalm der Sympathie griff. Sonst wäre das Interview, um das es im Film geht, gar nicht zustandegekommen.

prisma: Wie kann man Honecker noch charakterisieren – oder verstehen?

Brambach: Er war keine große, charismatische Figur. Nicht umsonst gab es in der DDR schon sehr viele Witze über ihn. Andererseits war er jemand, der Macht hatte. Der Mauerbau war sein Gesellenstück. Er hat den Schießbefehl an der Grenze zu verantworten. Seine Frau leitete die Umerziehungslager für Kinder. Das alte Ehepaar, das wir da auf den letzten Metern zeigen, hat sich schon kräftig mit Schuld beladen.

prisma: Muss man Honecker vergeben, bevor man ihn so – wie sie es tun – spielen kann?

Brambach: Man muss ihn annehmen. Ich nehme ihm ab, dass er tatsächlich an jene Dinge glaubte, die er erzählte. Honecker war ein einfacher Mann, gelernter Dachdecker und Antifaschist aus Überzeugung. Er war sicher kein Intellektueller.

prisma: Ist es problematisch, wenn man mit diesem alten Ehepaar Honecker, das ja erst im letzten Drittel des Films auftaucht, Mitleid empfindet? Weil ihm übel mitgespielt wird und sie im Film nicht unsympathisch sind ...

Brambach: Da sind wir wieder bei der Karikatur. Wenn wir die beiden als böse oder lediglich als Witzfiguren zeichnen, bekommt die Begegnung, auf die der Film so lange hinarbeitet, keine Tiefe. Mein tatsächliches Mitleid mit den Honeckers hält sich in Grenzen. Trotzdem zeigen wir einen alten Mann kurz vorm Sterben, dem ein böser Streich gespielt wird. Der Boulevard-Journalismus und die Gier, jemanden zur Strecke zu bringen und ihn mit Fotos abzuschießen, dieser Aspekt kommt ja ebenfalls im Film vor.

prisma: Trotzdem: Rechnen Sie damit, dass Zuschauer protestieren, weil ihnen Ihr Honecker zu nett geraten ist?

Brambach: Das ist natürlich immer drin, wenn man eine solche Figur spielt. Es wird Leute geben, die sagen: "Das ist viel zu harmlos. Der müsste viel böser oder lächerlicher sein." Lächerlicher, finde ich, darf er auf keinen Fall sein. Denn dann nimmt man das Leid, das er angerichtet hat, nicht ernst.

prisma: Selbst intelligente Menschen halten im Alter oft an einem Weltbild fest, das sich längst als falsch herausgestellt hat. Warum?

Brambach: Es ist nicht nur eine Frage des Alters, aber im Alter kommt dieser Wesenszug bei Menschen sehr deutlich zum Vorschein. Darüber hinaus gab es in der DDR tatsächlich viele Altkommunisten, die auch nach der Wende immer noch an ihren Weg geglaubt haben. Auch sehr viel intelligentere Menschen als Honecker. Dass sie dann trotzdem einen Fernseher und Videorekorder aus dem Westen hatten und in jenen Shops einkauften, wo es besondere Lebensmittel für Privilegierte gab, ist dann eine andere Geschichte. Da kann der Mensch sich durchaus ambivalent verhalten.

prisma: Also war Honecker, der ebenfalls die Vorzüge und Privilegien westlicher Konsumgüter und Lebensart genossen hat, doch eine komplexe Persönlichkeit?

Brambach: Ambivalent war er in jedem Fall. Ob er komplex war, weiß ich nicht. Ich glaube, er war eher schlicht. An seinen Spruch "den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf" hat er tatsächlich geglaubt. Auch noch kurz vor dem Tod. Das zeugt von einem eher schlichten Gemüt. Das ist ein fast schon naiver Christenglaube an den Kommunismus (lacht).

prisma: Haben Sie jenen Reporter kennengelernt, der das Honecker-Interview damals führte?

Brambach: Ja, er war mal am Drehort. Wir haben ein bisschen geredet. Er fand das authentisch. Auch wie ich und die ganze Szenerie aussahen. Ich vertraue in diesen Dingen aber grundsätzlich dem Drehbuch und hoffe, dass alles so stimmte. Meine Aufgabe als Schauspieler ist eine andere.

prisma: Brachte das letzte Honecker-Interview irgendeine Erkenntnis?

Brambach: Nein, aber darum ging es weder der Zeitung noch dem Journalisten. Insofern ist die Geschichte auch ein Stück Medienkritik. Für die Geschichtsbücher ist das letzte Honecker-Interview absolut irrelevant. Man hat ihn halt noch mal gesehen, kurz vor dem Tod. Man hat erfahren, dass er alles so sah wie früher. Ansonsten war die Erkenntnis, dass er sehr alt und krank aussah. Von beidem konnte man vorher ausgehen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst