"Das Geheimnis des Totenwaldes"

Matthias Brandt: "Da hatte Sielaff sicher einen Vorteil"

von Eric Leimann

Der ARD-Event-Dreiteiler "Das Geheimnis des Totenwaldes" ist kein Krimi wie jeder andere. Matthias Brandt spielt einen real existierenden Hamburger LKA-Chef, der 28 Jahre nach seiner verschwundenen Schwester suchte und als Pensionär einen der spektakulärsten Kriminalfälle Deutschlands löste.

Manchmal scheint die Realität reichlich kühne Drehbücher zu "imitieren" – so wie im Fall der norddeutschen Göhrde-Morde und der 28 Jahre andauernden Suche des ehemaligen Hamburger LKA-Chefs Wolfgang Sielaff nach seiner verschwundenen Schwester. Im ARD-Dreiteiler "Das Geheimnis des Totenwaldes" (Mittwoch 2.12., Samstag, 5.12., Mittwoch, 9.12., jeweils 20.15 Uhr, im Ersten) spielt Matthias Brandt diesen Wolfgang Sielaff, wobei er im Film Thomas Bethge heißt, denn die Namen aller Protagonisten des echten Kriminalfalls wurden in der Fiktion verändert.

Gleichwohl zeichnet der 270 Minuten lange Film das reale Geschehen ziemlich akribisch nach, wie die an Teil drei anschließende Dokumentation "Eiskalte Spur" (Mittwoch, 9.12., 21.45 Uhr) zeigt. Im Interview spricht Matthias Brandt, 59, über seine Scheu vor dem "Imitieren" realer Personen, den gravierenden Unterschieden zwischen echter Polizeiarbeit und Krimis sowie über Menschen, die man davor schützen sollte, ihr Leben dem Fernsehen anzuvertrauen.

prisma: Ihr Dreiteiler zeichnet einen echten Kriminalfall nach. Was wussten Sie darüber vor der Drehbuch-Lektüre?

Matthias Brandt: Tatsächlich hätte ich vor dem Projekt nicht so viel über den Fall erzählen können. Ich glaube, davon gehört zu haben. Aber vielleicht vermischt sich da bei mir auch etwas mit anderen Dingen, von denen ich las oder hörte. Ich weiß jedoch, dass die Göhrde-Morde und das Verschwinden der Schwester des dortigen LKA-Chefs in Hamburg und Umgebung ein großes Thema waren. Ich selbst verfolge reale Kriminalgeschichten eher weniger.

prisma: Trotzdem liegen "True Crime"-Geschichten im Trend. Die Menschen scheint das Echte am Schrecklichen zu faszinieren. Warum ist das so?

Brandt: Ich glaube, dass das ein künstlich geschürtes Interesse ist. Diesen Beisatz "nach einer wahren Begebenheit" würde ich als journalistisches Kriterium, nicht als künstlerisches betrachten. Es wird suggeriert, dass Fiktion, die auf wahren Ereignissen beruht, glaubhafter oder irgendwie relevanter wäre. Ich bin anderer Meinung und glaube, dass eine fiktive Geschichte immer ihre eigene Wahrheit finden muss. Außerdem muss jede erfundene Geschichte ohnehin auf wahren Begebenheiten beruhen, sonst könnte ja niemand eine Beziehung zur ihr herstellen.

"Wenn man eine reale Person spielt, rutscht man schnell in eine Imitation ab"

prisma: Sie halten das "True" neben dem "Crime" also für überbewertet?

Brandt: Ja, zumindest wenn man darüber nachdenkt, wie gut ein Film geworden ist und wieviel er im Zuschauer auslöst. Wenn Kreative beim Erschaffen von Kunst nicht aus ihrem privaten Erfahrungsschatz schöpfen – also aus den "wahren Begebenheiten" –, kommt ohnehin nichts Interessantes dabei heraus. Trotzdem war ich froh, als ich hörte, dass "Das Geheimnis des Totenwaldes" kein Doku-Drama wird. Ich habe immer ein bisschen Probleme damit, wenn Spielszenen Dokumentaraufnahmen ergänzen. Ich hätte diese Rolle auch nicht gespielt, wenn sie Wolfgang Sielaff geheißen hätte. So lautet der Name des echten ehemaligen LKA-Chefs in Hamburg.

prisma: Warum hätte das einen Unterschied gemacht?

Brandt: Wenn man eine reale, noch lebende Person spielt, rutscht man schnell in eine Imitation ab. Das mag ich nicht so gerne.

prisma: Dann haben Sie Ihr Rollenvorbild auch nicht getroffen?

Brandt: Doch, das habe ich. Es war auch sehr spannend. Allein deshalb, weil ich wissen wollte, wie er und seine SOKO gearbeitet haben. Auch wenn ich schon öfter Polizisten gespielt habe, bin ich ja nach wie vor Schauspieler, also eigentlich fremd im Fach. Bevor ich eine Rolle spiele, rolle ich immer wie ein Staubsauger durch die Gegend und versuche alles aufzunehmen, was ich kriegen kann, um mich in einen Charakter einzuarbeiten. Da ist ein solches Treffen natürlich extrem hilfreich.

prisma: Wolfgang Sielaff hat fast 30 Jahre nach seiner verschwundenen Schwester gesucht. Er wird im Film als jemand dargestellt, der einfach keine Ruhe findet, für den es keine Alternative zum Weitersuchen gab. Haben Sie den Mann so erlebt?

Brandt: Ich habe einen sehr reflektierten, kontrollierten Menschen getroffen, der immer sehr genau wusste, was er tat. Es steht mir nicht zu, von ihm eine Nabelschau zu verlangen. Ich fand das Spannungsfeld interessant, dass er einerseits ein exzellenter, hoch angesehener und erfolgreicher Polizist war, und andererseits genauso hilflos wie jeder andere der Tatsachen gegenüber stand, dass er im privaten Umfeld Opfer eines grausamen Verbrechens wurde.

"Vielleicht, weil Krimis dann zu traurig wären ..."

prisma: Erklärt der professionelle Hintergrund Sielaffs die Tatsache, dass er seinen scheinbar hoffnungslosen Fall über 28 Jahre nicht aufgegeben hat?

Brandt: Er hatte wohl einfach mehr Möglichkeiten als andere, Ermittlungen anzustoßen oder alternativ fortzuführen. Auch wenn es Hürden gab, weil er in der Region eigentlich nicht zuständig war. Unser föderales System verlangt, dass Polizisten in anderen Bundesländern nicht ermitteln dürfen. Es war schon eine gewaltige Hürde für ihn, es trotzdem irgendwie zu versuchen. Ich kann aber auch verstehen, dass man sich als Angehöriger eines verschwundenen Menschen oder Opfer eines ungeklärten Verbrechens, einem solchen Horror-Ereignis ziemlich hilflos ausgeliefert fühlt. Da hatte Sielaff sicher einen Vorteil. Vielleicht konnte er deshalb so lange am Ball bleiben.

prisma: Trotz der Aufklärung des Falles nach 28 Jahren zeigen weite Teile der Filmhandlung vor allem das Scheitern von Ermittlungen. Macht es diesen Krimi besonders?

Brandt: Ja, das fand ich interessant. Dass Ermittlungen mühsam sind, in Sackgassen enden, dass Spuren nicht weiter verfolgt werden oder werden dürfen – all das Zähe, Unbefriedigende, was kriminalistische Ermittlungen wahrscheinlich auch in der Realität ausmacht –, hier kann man das auch mal in der Fiktion miterleben. Unter anderem deshalb, weil der Film 270 Minuten lang ist. Besonders macht den Film auch seine ungewöhnliche Perspektive ...

prisma: Welche meinen Sie?

Brandt: Normalerweise besteht die – sehr erfolgreiche – Versuchsanordnung von Krimis ja darin, dass man aus Perspektive der Ermittler oder auch mal der Täter erzählt. Und der Zuschauer wird Zeuge, wie der Ermittler dem Täter auf die Schliche kommt. In unserem Fall liegt der Fokus sehr klar auf den Opfern. Ich fand das nicht nur interessant, sondern auch berührend. Weil diese Gruppe wahrscheinlich nicht nur in Krimis, sondern auch in der Realität oft zu kurz kommt. Zumindest glaube ich das, wenn man sich Verbrechen anschaut.

prisma: Warum interessiert man sich kaum für die Opfer?

Brandt: Vielleicht, weil Krimis dann zu traurig wären. Oder weil man glaubt, dass aus dieser Perspektive heraus die Spannung fehlt. Die Tragik besteht darin, dass die Opfer von Verbrechen einem Apparat gegenüberstehen, nämlich der Polizei, der mit ihnen nicht viel anzufangen weiß. Deshalb entsteht bei ihnen das diffuse Gefühl der Verlorenheit. Weil man nicht weiß: Wo stehe ich in dieser Geschichte? Doch genau das ist der Zustand oder das Gefühl, in dem die Opfer leben. Wir haben jedenfalls versucht, genau diesen Zustand, dieses Porträt der Opfer, im Dreiteiler einzufangen.

"Das Komplizierte und Langwierige halte ich für das Realistische"

prisma: Haben Sie dieses Lebensgefühl auch bei Wolfgang Sielaff, Ihrem Rollenvorbild, gefunden?

Brandt: Nein, das würde ich nicht sagen. Auch, weil ich es mir nicht anmaßen möchte, darüber zu urteilen. Vielleicht wollte ich es gar nicht so genau wissen, um für meine Darstellung freier zu sein. Es liegt immer eine gewisse Gefahr darin, sich mit einem Rollenvorbild zu eng zu verbinden. Man kann so leicht in eine Loyalität verfallen, was der Darstellung nicht immer nützt. Dass eine 28 Jahre dauernde Suche nach einem vermissten Angehörigen tiefe Spuren hinterlässt, ist jedoch keine Frage. Man kann sich aber selbst ein Bild von Wolfgang Sielaff machen, weil er in verschiedenen Dokumentationen zu Wort kommt.

prisma: Der Fall seiner Schwester wurde erst Ende 2017 aufgeklärt. Insofern waren Drehbuch und Film recht schnell in der fiktionalen Aufarbeitung ...

Brandt: Das Verrückte ist, dass das Drehbuch bereits in Arbeit war, als der Fall noch gar nicht aufgeklärt war. Das Fiktionale musste sich im laufenden Prozess der Realität anpassen. Als ich mit dem Projekt in Berührung kam, war die Schwester jedoch schon gefunden worden.

prisma: Ist die Tatsache, dass der Fall lange Zeit nicht aufzuklären war, Teil des Grusels, der den Zuschauer verstört?

Brandt: Ich weiß nicht, ob das Teil eines Grusels ist, aber ich halte unseren Film auf jeden Fall für realistischer als das, was wir sonst oft in Krimis sehen. So geschmeidig wie in den meisten Drehbüchern werden in der Realität eher wenige Fälle gelöst. Und wenn, dann sind sie eher trivial oder zumindest nicht spannend. Das Komplizierte und Langwierige halte ich – nach allem, was ich über meinen Beruf über die Arbeit der Polizei weiß – für das Realistische.

"Ich finde es verantwortungslos, solche Menschen ins Fernsehen zu drängen"

prisma: Sie haben schon öfter Menschen gespielt, die es wirklich gab oder die sogar noch leben. Haben Sie den Eindruck, dass diese Menschen eine Genugtuung empfinden, wenn ihre Geschichte verfilmt wird?

Brandt: Im Fall von Wolfgang Sielaff hatte ich nicht den Eindruck. Ich will aber nicht ausschließen, dass es manchen Menschen gefällt, wenn ihre Geschichte verfilmt wird. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Existenz mancher erst beginnt, wenn sie im Fernsehen auftauchen – und das kann auch eine Sucht auslösen -, in dem Sinne, dass man sich an diesen Reiz, dieses Interesse gewöhnt. Wir reden dann aber in der Regel von einer anderen Art Programm.

prisma: Sie meinen, manchen Menschen sollten das Fernsehen meiden, um sich zu schützen?

Brandt: Wenn wir über "True Crime" oder "Scripted Reality" reden, muss man natürlich sagen, dass diese Formate in den letzten Jahren sehr zugenommen haben. Entsprechend schwerer ist es geworden, zwischen der Realität und dem, was man auf dem Bildschirm sieht, zu unterscheiden. Das gilt insbesondere für Menschen, die ihr Leben für solche "Reality"-Darstellungen zur Verfügung stellen. Ich halte das für keine gesunde Sache.

prisma: Aber ist es nicht die freie Entscheidung eines Menschen, sich zu zeigen oder eben nicht?

Brandt: Einerseits ja, andererseits werden die Leute von Fernsehmachern in Versuchung gebracht, ihr Leben zu zeigen. Ich finde das nicht in Ordnung, wenn es in eine bestimmte Richtung geht. Es gibt eine Art Fernsehen oder auch Phänomene im Internet, da suggeriert man Menschen, dass ihr Leben so bemerkenswert sei, dass man es den anderen detailliert zeigen müsste. Dabei macht man das nur, weil man ein Geschäft dahinter wittert, jemanden bloßzustellen und nicht, weil man das Leben dieser Menschen tatsächlich interessant findet.

prisma: Und das ist verantwortungslos?

Brandt: Ja, Ich finde es verantwortungslos, solche Menschen ins Fernsehen zu drängen. Weil sie dort nämlich nicht das bekommen, was sie sich davon versprechen. Und die Fernsehmacher wissen das.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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