Die preisgekrönten Filmemacher Daniel Nocke (Drehbuch) und Stefan Krohmer (Regie) haben mit "Meine fremde Freundin" ein verschlagenes Drama um Vorurteile und Glaubwürdigkeit inszeniert, das bis zum Schluss spannend bleibt.

Judith (Ursula Strauss), alleinstehend und um die 40, ist neu in Hannover. Ein Job im Gesundheitsamt hat die sympathische Österreicherin nach Norddeutschland verschlagen. Schnell freundet sie sich mit der patenten Andrea (Valerie Niehaus) an. Die hat zwar einen Mann (Godehard Giese) und zwei Töchter daheim, aber eine gute Freundin fehlt ihr gerade im Leben.

Schöner wäre das Arbeiten auf dem Amt, wenn Büro-Macho Volker Lehmann (Hannes Jaenicke) nicht jede Begegnung mit Kolleginnen dazu nutzen würde, anzügliche Sprüche und sexuelle Provokationen abzusondern. Als Judith glaubwürdig darlegen kann, Lehmann habe sie im Aktenraum vergewaltigt, bekommt er eine lange Haftstrafe aufgebrummt. Doch Andrea fallen immer mehr Ungereimtheiten an ihrer Freundin auf. Das perfide Drama "Meine fremde Freundin" ist die neue Koproduktion des preisgekrönten Kreativduos Daniel Nocke (Drehbuch, hier mit Katrin Bühlig) und Stefan Krohmer.

Zuletzt platzierten Krohmer und Nocke ihre famose zweiteilige Alltagskomödie "Neu in unserer Familie" mit Benno FürmannHenning Baum und Maja Schöne im Ersten. Auch mit diesem sehr viel ernsteren Film schaffen sie es wieder, deutsche Lebenswirklichkeiten und Klischees zu hinterfragen. Natürlich glaubt man dem sympathischen Opfer mehr als dem unsympathischen Täter, sowohl privat als auch vor Gericht. Dass Vorurteile und Wünsche unsere Urteile beeinflussen, und auf welche Weise das passiert, rückt der Film immer mehr in den Vordergrund seiner Erzählung.

Spiel um Lüge und Wahrheit

Dass man mit dem kernigen Jaenicke, der ewig netten Valerie Niehaus sowie der österreichischen Star-Schauspielerin Ursula Strauss, die hier mal wieder einen sehr facettenreichen Auftritt hinlegt, sämtliche Rollen passend besetzte, ist ein Grund, warum dieses Spiel um Lüge und Wahrheit über 90 Minuten spannend bleibt. Auch der Alltag im Gesundheitsamt fühlt sich ziemlich real an. Hier wiehert durchaus auch mal der Amtsschimmel, ohne dass sich die Filmemacher über ihr gut getroffenes Normalo-Setting lustig machen würden.

Wie kompliziert es festzustellen ist, ob Vergewaltigungsvorwürfe tatsächlich zutreffen und warum so viele Opfer keine Gerechtigkeit erfahren, darüber diskutiert auch die nachfolgende Runde bei "Maischberger" um 21.45 Uhr. Experten sagen, dass es bei keinem anderen Delikt so kompliziert ist, die Tat nachzuweisen, wie beim Vergewaltigungsvorwurf.

Prozesse wie die von Jörg Kachelmann, Andreas Türck oder Gina Lisa Lohfink, die intensiv von den Medien verfolgt wurden, zeigten, wie schnell sich Öffentlichkeit und auch juristisches Fachpersonal dabei von Gefühlen und menschlichen Vorurteilen vereinnahmen lassen. "Meine fremde Freundin" ist eine sehenswerte, weil ausreichend komplexe Vorlage für weitere Diskussionen zum schwierigen Thema.


Quelle: teleschau – der Mediendienst