Sherlock Holmes lebt zurückgezogen auf seinem Landsitz, als er dank eines Teenagers nochmal mit seinem letzten Fall konfrontiert wird. Etwas behäbig inszeniert, aber mit wunderbaren Darstellern.

Einer der schönsten Momente der Berlinale 2015 ereignete sich bei der Pressekonferenz zu Bill Condons "Mr. Holmes". Als der heute 16-jährige Milo Parker gefragt wurde, wie es für ihn war, mit Sir Ian McKellen zu drehen, antwortete der hinreißende Jungschauspieler, während er kokett und ehrfurchtsvoll zugleich zu seinem Spielpartner schaute: "Er ist ein sehr netter Mann und ein wundervoller Schauspieler. Ich meine, er ist Gandalf!" Entzücktes Gelächter honorierte die sympathische Art des Jungen und die großartige Schauspielleistung, die er gemeinsam mit dem 80-jährigen Altmeister ablieferte.

Parker spielt Roger, einen Halbwaisen und Sohn von Sherlock Holmes' Haushälterin Mrs. Munro (Laura Linney). Der 93-jährige Ex-Detektiv hat sich vor 30 Jahren auf seinen von Kameramann Tobias Schliessler in malerischen Sehnsuchtsbildern eingefangenen Landsitz in Sussex zurückgezogen, wo er Bienen züchtet.

Rogers verstorbener Vater hat seinem Sohn zum Einschlafen immer eine spontane Geschichte erzählt. Der Junge durfte stets drei Dinge nennen, die darin vorkommen sollten. Der dritte Begriff war immer "ein Roger". So ähnlich verhält es sich mit der Plotstruktur von Condons "Mr. Holmes", die der gleichnamigen literarischen Vorlage von Mitch Cullin folgt. Drei Erzählebenen hat der Film, die am Ende zu einer stimmigen Geschichte zusammenführen. Darin lernt der logikbesessene Meisterdetektiv eine späte Lektion über Demut, Menschlichkeit, Gefühle und die Kraft der Fiktion.

Der erste und schwächste Handlungsstrang hängt mit Holmes' fortschreitender Demenz zusammen. Er reist nach Japan, um sich dort mit einem Mann zu treffen, der ihm in Hiroshima japanischen Pfeffer besorgen kann, dem Wunderkräfte bei der Bekämpfung von Demenz nachgesagt werden.

Im zweiten Handlungsstrang steht Holmes' letzter Fall im Fokus – dieser war der Grund, warum der Detektiv seinen Beruf aufgab. Erst vor Kurzem hat Holmes Dr. Watsons Roman darüber gelesen, doch er weiß genau, dass bei der Niederschrift die Auflösung des Falls verfälscht worden ist. Und Holmes wäre nicht Holmes, wenn er vor seinem Ableben nicht noch eine Richtigstellung der Fakten zu Papier bringen wollte.

Der dritte Handlungsstrang spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und ist die stärkste Erzählebene. An Sir Ian McKellen als nach außen hin selbstzufriedenen, im tiefsten Innern aber verunsicherten Meisterlogiker mit wunderbar britisch-trockenem Humor kann man sich einfach nicht sattsehen. Genauso ergeht es dem Zuschauer mit Milo Parker, der sich von McKellen einfach nicht an die Wand spielen lässt.

Das brennende Interesse des pfiffigen Jungen am korrigierten Manuskript von Holmes' letztem Fall hilft dem Gedächtnis des alten Mannes mehr auf die Sprünge als der japanische Pfeffer. Doch erst als der arrogante Detektiv um das Leben des Jungen bangen muss, geht ihm ein Licht auf, welchem schrecklichen Irrtum er in seinem Leben und in seinem letzten Fall erlag.

Letztlich siegt in diesem Drama die Gnade der Fiktion über kalte Rationalität. Somit ist der Film, der einen beinahe glauben macht, Sherlock Holmes hätte wirklich existiert, auch eine wundervolle Hommage an das Kino.


Quelle: teleschau – der Mediendienst