In ihrem Talk ziehen Harald Schmidt und Gregor Gysi diesmal bei n-tv schon nach einem halben Jahr eine Bilanz. Welche Themen bewegten den Sozialisten und den Sarkasten?

Ist es sinnvoll, in nur 40 Minuten durch alles zu hetzen, was zwischen Januar und Juni 2019 die Menschen bewegte? Was nach handelsüblichen Talk-Erfahrungen eigentlich stressig sein müsste, gerät den politisch-satirischen Elder Statesman Gregor Gysi und Harald Schmidt in "Gysi & Schmidt – Der n-tv Rückblick" (Dienstag, 2. Juli, 23.30 Uhr, n-tv) zur plaudernden Fingerübung auf gehobenem Unterhaltungs-Niveau. Die "Enteignungsideen" eines Kevin Kühnert, der nun sogar als SPD-Vorsitzender gehandelt wird, ein sich immer mehr verschärfender Kampf gegen den Klimawandel, die Rekordhöhenflüge der Grünen oder auch "weiche" Themen wie die Trennung Thomas Gottschalks sowie die Trauer um Niki Lauda oder Karl Lagerfeld sind Thema der selbstredend sehenswerten Sendung, in der auf hohem Niveau Klartext gesprochen wird.

Das vor Publikum in Berlin-Mitte aufgezeichnete Gespräch der ungleichen Rhetorik-Giganten bezieht seinen Reiz vor allem aus seiner sprachlich-analytischen Klasse sowie aus dem charmanten aneinander Vorbeireden zweier sich höflich siezender Alpha-Medientiere. Hier will jeder seine eigenen Analysen loswerden, der andere wird höflich geduldet. Ein jedes Thema wird nach wenigen Minuten von einem Gong beendet, trotzdem kommt bei den Medienschlachtrossen Gysi (71) und Schmidt (61) keinerlei Hektik auf. Und doch sieht man in beiden ein Feuer brennen, die Dinge des (öffentlichen) Lebens zu benennen und einzuordnen. Ausgebrannt – ein Wort, das man durchaus beiden in der Vergangenheit vorwarf, wirkt in diesem Format weder der Ewig-Politiker noch der Ober-Entertainer vergangener Jahrzehnte.

So befragt Schmidt Gysi durchaus interessiert nach der Möglichkeit neuer, linker Mehrheiten – und nach dem grundlegenden Unterschied zwischen Grünen und der Partei Die Linke. "Die Grünen", erklärt Gysi, "versuchen anti-ökologisches Verhalten teuer zu machen. Sie sagen: Dann wird es seltener. Und ich sage: Dadurch wird es ein Privileg. So können wir beide uns das leisten. Aber das darf für die Linken niemals die Antwort sein."

Die erstmals gegebene Chance der Grünen auf einen Kanzler aus den eigenen Reihen sieht Harald Schmidt allerdings aufgrund schwächelnder "Rot"-Parteien eher skeptisch: "Wenn die SPD solide einstellig wird und die Linke an der Fünfprozent-Hürde kratzt, kann sich Robert Habeck die Haare wuscheln, wie er will. Dann wird das nichts mit Kanzler." Ohnehin fragt sich Schmidt, wie Die Grünen Regierungsverantwortung in vorderster Front überhaupt leben würden: "Wenn die Grünen bei 70 Prozent liegen, was machen sie dann? Gibt es dann die Kanzler-Doppelspitze oder rotieren Robert Habeck und Annalena Baerbock im Wochenrhythmus?"

"Nur die Kleinwagen fallen weg"

Ein weiteres Festhalten an der GroKo, da ist sich Gregor Gysi sicher, wäre jedenfalls noch 2019 das Ende einer der alten Volksparteien. "Wenn die SPD sich retten will, muss sie noch in diesem Jahr die Große Koalition verlassen." Schmidt sieht als kommende Alternative zum gegenwärtig schwer angeschlagenen Bündnis eine Grünschwarze Regierung. "Das heißt, es geht alles weiter wie bisher – nur die Kleinwagen fallen weg. Bei den batteriebetriebenen Autos kostet das billigste 29.000 Euro." Also nähmen nach Schmidt nur noch Besserverdienende am Individualverkehr teil.

Neben der im ersten Halbjahr 2019 dauerschwelenden deutschen Regierungskrise nehmen sich Gysi und Schmidt in ihren Vieraugen-Talk auch das Ende der österreichischen Regierung nach den Strache-Videos vor, sie reden über Mietendeckelung, den mittlerweile sehr leidenschaftlich geführten Kampf gegen Klimawandel sowie über die großen "Köpfe" der Monate Januar bis Juni.

Sowohl Union Berlin Fan-Gysi wie auch Schmidt "outen" sich als Fans des Champions-League-Siegertrainers Jürgen Klopp, betrauern die Extraklasse der verstorbenen Prominenten Karl Lagerfeld und Niki Lauda, sogar die private Trennung des Langzeit-Ehemannes Thomas Gottschalks wird von den beiden bewertet. Gysi, selbst zweimal geschieden, betont das Verständnis für private Entfremdungen von Paaren, der sehr intensiv in der Öffentlichkeit stehen. Nicht ohne verstohlenen Blick auf Harald Schmidt, der ja – laut Gysi – von großen Trennungen verschont blieb. Der antwortete mit dem vielleicht besten Gag des Abends: "Ich habe auch schon Trennungen erlebt, aber ich habe es nicht gemerkt."

Die TV-Premiere von "Gysi & Schmidt – Der n-tv Rückblick" findet am Dienstag, 2. Juli, 23.30 Uhr, statt. Am Mittwoch, 3. Juli, 17.10 Uhr, sowie am Sonntag, 7. Juli, 12.10 Uhr und 19.10 Uhr, wird die Sendung wiederholt. Zudem steht sie bei TVNOW zum Abruf bereit.


Quelle: teleschau – der Mediendienst