Für viele Experten war die Schlacht um die Stadt Mossul im Irak die schwerste Schlacht seit dem Zweiten Weltkrieg. Nun liegt die Stadt in Schutt und Asche – und in den Kellern liegen noch immer Hunderte von Leichen. Der IS ist angeblich aus seiner einstigen Hochburg vertrieben. Aber ist das wirklich so?

Mit großen, sehr aufgeweckten Augen blickt die junge Massara auf ihre geliebte Heimatstadt. Den früheren Glanz erkennt sie allerdings nicht mehr. Mossul liegt in Schutt und Asche. Drei Jahre lang hatte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die zweitgrößte Stadt des Irak in ihren Fängen. Und der IS missbrauchte Mossul für seine symbolische Ausrufung des Kalifats. Erst nach neun Monaten erbitterten Kampfes und der nach Meinung von Historiken schwerwiegendsten Schlacht seit dem Zweiten Weltkrieg konnte Mossul am 10. Juli 2017 von der Herrschaft des Terror-Regimes befreit werden. Angeblich! Für ihre aufwühlende Dokumentation "Mossul, nach der Schlacht" hielt sich die französische Filmemacherin Anne Poiret über die Dauer eines Jahres immer wieder in der zerbombten Stadt auf.

Sie zeigt die Bemühungen der Bewohner, ihre Heimat wiederaufzubauen. Teilweise stehen ihnen nur erbärmliche Hilfsmittel zur Verfügung. Angst macht vielen, dass noch immer Hunderte von Leichen unter den Trümmern zerstörter Häuser liegen. "Ein Sprichwort besagt, dass Krankheiten zuerst an den Füßen entstehen", sagt einer der Bewohner. Ob er mit seinen ausgelatschten Schuhen womöglich gerade nur wenige Zentimeter über einem Toten steht, weiß er nicht.

Das Mädchen Massara wiederum ist es, die beschreibt, wie schrecklich der IS in der Stadt gewütet hatte. Sie erzählt von grausigen Vorfällen, von Laternenmasten, an denen Menschen aufknüpft wurden. Sie hat es mit eigenen Augen gesehen. "Und da war einer, der hatte den Bauch aufgeschlitzt, die Gedärme hingen heraus", erinnert sie sich. Ob sie dieses Trauma jemals aus der Erinnerung löschen kann, selbst wenn ihre Heimatstadt eines Tages doch wieder erblühen sollte?

"Jeder hatte einen Sohn oder einen Neffen beim IS"

Ohnehin ist offen, ob die Bewohner Mossuls jemals wieder zu einem Miteinander zurückfinden können. Zu viele sympathisierten mit den Terroristen. Eine Mutter, die nicht erkannt werden wollte, etwa sagt: "Jeder hatte einen Sohn oder einen Neffen beim IS. Drei Viertel der Stadt hatten sich ihm angeschlossen." Gleichzeitig aber wurden zu viele Opfer eben der Terroristen.

Zumindest aber sei der IS besiegt, heißt es. Wirklich? Darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Es ist ausgerechnet die UN-Koordinatorin für humanitäre Fragen im Irak, die das Gegenteil behauptet. Die US-Amerikanerin Lise Grande zeichnet ein düsteres Bild: "Die Regierung und die UN fürchten eine Rückkehr des gewaltsamen Extremismus." Ihre Begründung: "Die IS-Kämpfer konnten nicht aus Mossul entkommen. Deshalb haben sie sich rasiert, haben sich schmutzige Sandalen angezogen und sind raus gelaufen. Und dort lauern sie jetzt." Vor den Toren Mossuls, das doch nur wieder zu einer Ruhe finden will.

Nach Poirets aufwühlendem Porträt über eine geschundene Stadt bleibt die Zukunft Mossuls und auch der jungen Massara offen. Gibt es für sie Hoffnung? – Nur eine sehr traurige Antwort darauf gibt die direkt anschließende Dokumentation "Der Minenräumer von Mossul" ab 23.10 Uhr. Der Filmemacher Hogir Hirori porträtiert einen Mann, der seinen ganz persönlichen Kampf für eine bessere Zukunft führte. "Crazy" Fakhir Berwari, Vater von acht Kindern, war ursprünglich im Rahmen eines Militäreinsatzes nach Mossul gekommen. Als er sieht, wie Tausende unschuldiger Menschen von detonierenden Minen verletzt oder getötet werden, beschloss er, Minenräumer zu werden. Tausende von Sprengsätzen hatte er entschärft. Er bezahlte seinen Dienst nicht nur mit dem Verlust eines Beines.


Quelle: teleschau – der Mediendienst