Seit 40 Jahren gemeinsam unterwegs, davon drei alleine im Auto: Gerhard Polt und die Well-Brüder blicken zurück auf eine Karriere der besonderen Art.

1980 – Helmut Schmidt setzt sich gegen CSU-Herausforderer Franz Josef Strauß durch und bleibt Bundeskanzler. Der Zauberwürfel kommt auf den Markt. Horst Hrubesch köpft Deutschland zur Fußball-Europameisterschaft. Larry Holmes schlägt Muhammad Ali durch technischen KO. Und ein Bier kostet im Durchschnitt eine Mark und 60. Seit eben jener Zeit stehen sie gemeinsam auf der Bühne: der Kabarettist Gerhard Polt, damals 38 und heute 78, und die "Biermösl Blosn", aus denen nach einer personellen Veränderung 2012 die "Well Brüder" wurden. Die perfekte Verbindung aus Kabarett und Musik, aus Satire und Anarchie. Gemeinsam gingen sie auf Tour, veröffentlichten Alben und entwickelten Programme für die renommierten Münchner Kammerspiele. Am 25. September erscheint das Jubiläumsalbum "Gerhard Polt und die Well-Brüder 40 Jahre" mit Stücken des letzten Live-Programms sowie einigen echten Klassikern. Mit dabei als Gast sind Die Toten Hosen, mit denen Polt und die Well Brüder seit 1990 künstlerisch und freundschaftlich verbunden sind. Beim Interview im Münchner Augustiner Stammhaus in der Fußgängerzone reisen Gerhard Polt und Christoph "Stofferl" Well (60) durch die Zeit ...

prisma: Herr Polt, Herr Well – welche Überschrift würden Sie über diese jahrzehntelange Beziehung setzen?

Gerhard Polt: "Polt und die Well-Brüder 40 Jahre" wurde die CD genannt. Was soll man sonst auch sagen? So lang sind wir eben beieinander.

prisma: Etwas Originelleres wäre vielleicht schön ...

Well: "40 Jahre, davon drei allein im Auto."

Polt: Ja – 2,8 Millionen Kilometer gemeinsame Fahrt wurden ausgerechnet. Wir haben die Welt schon ziemlich mit CO2 geschädigt.

prisma: Wohin führte Sie Ihre weiteste gemeinsame Reise?

Polt: Zusammen waren wir mal in Island. Reykjavik.

Well: In Skandinavien waren wir auch.

prisma: Ist der Vergleich mit einer Ehe völlig falsch?

Well: Eigentlich nicht. Eine gute Ehe funktioniert, wenn man den anderen so lässt, wie er ist. Das haben wir getan. Polt: Naja, wenn man es idealistisch sehen will, ist eine Ehe dazu da, dass man sich gegenseitig optimiert. Dass man einen Partner hat, der einem hilft, seine Chancen besser zu nutzen, sich selbst besser zu verwirklichen. Und jeder versucht, dem anderen beizustehen – uneigennützig.

prisma: Wo kommt denn eigentlich die Zahl 40 genau her?

Polt: Streng genommen haben wir uns im Winter 1979 getroffen.

prisma: Was war das für ein erster Moment?

Well: Wir als Biermösl Blosn lernten Gerhard kennen, weil unser Kreisheimatpfleger, der Drexler Toni, eine Schallplatte von ihm hatte. "Das müsst Ihr Euch mal anhören", sagte er. "So was habt Ihr noch nicht gehört." Und genau so war es. Es war unerhört. Da geisterte einer in der bayerischen Kabarettszene umeinander, der ganz anders war. Bei einem Fernsehauftritt trafen wir uns dann. Gerhard war zu Gast, wie auch der Hanns Dieter Hüsch, Helmut Ruge, Dieter Hildebrandt – und wir waren die Vorgruppe. Das Warm-up. Da hab ich ihn das erste Mal live gesehen. Mit seinem Totenkopf ...

Polt: Ein aufziehbarer Totenkopf war das. Rumgesaust ist der wie eine wilde Maus und nicht vom Tisch gefallen, wenn er an die Kante kam. Hohe Technologie ... schon damals.

Well: Danach wurden wir mal zusammen engagiert für einen Abend. Anschließend beschlossen wir, uns zusammenzuführen. Damit uns nicht fad wird, dem Gerhard nicht fad wird und den Zuschauern auch nicht fad wird.

prisma: Der Regisseur Hanns Christian Müller, mit dem Sie, Herr Polt, oft gearbeitet haben, hat mal dazu gesagt: "Dem Gerhard war es immer zu anstrengend, allein aufzutreten. Dafür war er salopp gesagt zu faul. Und es war ihm zu fad." Richtig?

Well: Faul ist der Gerhard nicht.

Polt: Schwer zu sagen. Wir machen das eben auch wegen unserer Gesellschaft. Wir hocken im Auto zusammen, reden über die Welt und Gott und alles, was uns einfällt. Dann wird gegessen und getrunken. Wir vertragen uns einfach gut. Wenn ich alleine unterwegs bin, irgendwohin fahre, dann ist das eben auch wirklich fad. Zusammen war und ist es einfach lustiger. Und sicher auch weniger anstrengend.

prisma: Der Zweiklang von Kabarett und Ihrer Musik war Anfang der 80er-Jahre schon etwas Neues.

Well: Das war so, und ich mag es bis heute, neben Gerhard auf der Bühne zu sitzen. Kein Abend ist gleich. Schon weil das Publikum nie gleich ist. Und wenn er dann seine Geschichten erzählt, muss ich jedes Mal lachen. Immer wieder, obwohl ich sie ja kenne.

prisma: Improvisieren Sie?

Polt: Wenn wir zu viert auf Tour sind, dann kommt das natürlich vor. Anders verhält es sich aber zum Beispiel bei unseren Auftritten in den Münchner Kammerspielen, wo wir ja eine ganze Reihe von Revuen zusammen gemacht haben. Da sind viele Menschen beteiligt – Licht, Regie. Da improvisieren wir nicht mehr. Da muss der Ablauf stimmen.

Well: Wobei wir unsere Nummern, sieht man natürlich von den Liedern ab, nicht stur auswendig lernen. Ein bisschen was muss immer möglich bleiben zwischen uns. So bleibt die Spannung hoch.

Polt: Ich hatte immer einen Mordsrespekt vor Schauspielern. So präzise wie die sein müssen. Wir können schon ein bisschen großzügiger sein. Und wir sind eben Erzähler von Geschichten. Jeden Abend sind andere Leute da. Achten Sie selbst einmal darauf: Wenn Sie die gleiche Geschichte verschiedenen Leuten erzählen, erzählen Sie sie eben auch anders.

Well: Stimmt. Wenn man jemand zum Beispiel schlecht hört, dann erzählt man ihm eine Geschichte anders als jemandem der gut hört.

prisma: Gut erzählen können ist ja auch eine Kunst.

Polt: Sicher. Und wir hoffen, dass uns jemand dabei zuhört. Sie hoffen, dass ihre Texte jemand liest. Und auch ein Politiker erzählt ja, um eben gehört zu werden. Jeder tut das auf seine Weise. Ich erinnere mich an den ehemaligen Ministerpräsidenten Stoiber. Der hat eine oder zwei Stunden den Leuten bei seinen Auftritten quasi nur Zahlen vorgelesen. "Drei Prozent, fünf Prozent." Immer diese Prozent. Ich habe das mal beobachtet: Am Anfang waren die Menschen ganz aufgeregt. Der Stoiber kommt! Mit Schützenmarsch! Und nachdem er zu reden begonnen hatte, sind die immer mehr abgeschlafft. Die Hendl wurden kühl, das Bier wurde lack. Und immer wieder die "Prozent". War halt doch bisschen fad bei ihm.

prisma: Wie gut sind Sie beide eigentlich im Älterwerden?

Well: Ich bleibe gelassen. Wobei: Ich merke schon, wie die Arthrose in die Finger kommt. Aber man lässt eben auch bestimmte Sachen im Alter weg und kümmert sich dafür um andere. Da entsteht diese angenehme Gelassenheit. Ich ärgere mich nicht mehr so wahnsinnig giftig, sondern sehe vieles eher betrachterisch. Ich denke lässiger. 60 Jahre habe ich ja auch schon geschafft.

Polt: Und ich noch 18 mehr. Was soll ich sagen? Vor 15 Jahren wurden meine Haare weiß. Noch weißer können sie nicht mehr werden. Höchstens ausfallen könnten sie noch.

prisma: Blacky Fuchsberger hat einem seiner Bücher mal den Titel gegeben: "Altwerden ist nichts für Feiglinge".

Polt: Ich habe kein Problem damit. Gestern habe ich erfahren, dass ein guter Freund vor mir – ein Engländer, mit dem ich Kinofilme gemacht habe – mit 53 Jahren gestorben ist. Nierenkrebs. Der hat eine zehnjährige Tochter. Und ich hab ihn erlebt. Vital, lustig, gescheit. Archäologe bei der BBC war er. Was ich sagen will: Ich bin mit dem Tod in verschiedenster Weise konfrontiert worden in meinem Leben. Meine eigenen Sachen schaue ich mir normalerweise im Fernsehen nicht mehr an. Aber wenn ich es mal tue, dann sehe ich eigentlich fast nur Menschen, die ich sehr geschätzt habe, mit denen ich eine Mordsgaudi hatte, und die alle nicht mehr leben. Der Hildebrandt, der Helmut Fischer ... viele andere. Ich weiß, es gibt Unabänderliches. Es wird auch mich erwischen. Und dann kannst du nur hoffen, dass es schnell geht.

Well: Ich bin keiner, der vorauslebt. Ich lebe im Augenblick. Und im Augenblick spielt der Tod für mich keine Rolle. Und wenn, dann mach ich einen Witz drüber. Dann ist er nicht mehr so schlimm. Was in 20 Jahren sein könnte, frage ich mich nicht. Ich habe zwei Herzklappen bekommen, für mich ist jeder Tag seither sowieso ein Wunder. Wenn ich jetzt nachts im Bett liege und höre die Klappen – klack klack – dann ist mir schon klar: Irgendwo höre ich sie nicht mehr. Aber heute, in dem Moment, da freue ich mich übers Klackern. Und dann schlaf ich ein.

prisma: Wie gehen andere Menschen mit Ihrem Älterwerden um?

Polt: Das ist sicher ein Thema. Jetzt zum Beispiel fahre ich mit dem Auto nach Italien. Würde ich fliegen und wollte mir dann dort ein Auto leihen, müsste ich damit rechnen, dass sie mich nach meinem Alter fragen und mir womöglich gar kein Auto mehr geben. Es ist schon zu spüren, dass Teile der Gesellschaft dir die Haltung entgegenbringen: "Du bist alt!" Da ist es wurscht, wie du dich fühlst. Aber damit muss ich auch leben.

prisma: Und worin unterscheidet sich Ihr gemeinsames Tourneeleben im Vergleich zu früher?

Well: Da denke ich als Erstes an die Veranstalter. Vor 30, 40 Jahren arbeiteten wir ja vor allem mit Initiativen zusammen: Bürgerinitiativen, Kulturvereine. Jetzt haben die professionellen Veranstalter übernommen.

Polt: Wovon übrigens eben auch immer das Publikum abhängt. Im Bierzelt hast du ein anderes Publikum als in den Kammerspielen. Es gab und gibt auch unter den Veranstaltern Persönlichkeiten und Persönlichkeitinnen (lacht), die besonders waren und sind. Wobei wir auch schon manchen in den Jahrzehnten trafen, der sich ein bisschen schwertat mit der Entlohnung. Offenbarungseid oder so – gab es alles.

prisma: Aber Sie schauen doch auch seit 40 Jahren aufs normale Publikum drauf ...

Well: Drauf nicht. Ich stell mich nicht drüber.

Polt: Inwieweit sich das verändert hat? Schwer zu sagen. Ich erinnere mich an Gespräche mit Theaterwissenschaftlern, die das untersucht haben. Die messen Herzfrequenzen, quetschen jeden Besucher aus. Mich interessiert das einfach gar nicht. Für uns ist nur wichtig: Ist da eine gute Stimmung? Kommt da was rüber?

prisma: Die Frage lag gewissermaßen nahe, nachdem Sie in Ihren Programmen ja nicht nur "die da oben" aufs Korn nehmen, sondern eben auch immer die normalen Menschen. Da könnte man sich fragen, ob im Publikum die Quote der Arschlöcher in den Jahrzehnten höher geworden ist? Oder niedriger?

Well: In unserem Publikum sitzt nie ein Arschloch (lacht).

Polt: Naja. Das Publikum kommt ja zu uns mit einer gewissen Erwartung. Einer gewissen Grundhaltung. Aber mir wurde schon zugetragen, dass auch bei uns Menschen sind, die sich wie wild aufführen an der Kasse. Oder in der Schlange. Oder beim Einparken vorher. Es wird schon so sein: Unser Publikum besteht nicht aus per se besseren Menschen – genauso wie wir das ja auch nicht sind.

prisma: Wir sitzen hier in einem Wirtshaus ...

Polt: In einem guten ...

prisma: Herr Polt, Sie haben immer wieder betont, dass Sie sich viele Ihrer Anregungen für Ihre Programme aus den Wirtshaus-Gesprächen geholt haben. Dort sind sie ja alle: der Depp, der anständige Kerl, das Großmaul ...

Polt: Das stimmt.

prisma: Und jetzt ... Corona. Leere Wirtshäuser.

Polt: Die Tatsache, dass sich die Kommunikation verändert in dieser Zeit, in der wir leben, ist sicher nicht lustig. Es ist schade, es ist traurig. Aber die Leute haben eben Angst. Ja, das ist eine Folge von Corona. Eine andere habe ich auch beobachtet: Die Denunzianten kommen aus ihren Löchern. Die rufen die Polizei, weil einer mit zwei Leuten zu viel grillt.

Well: Es ist schon richtig, Menschen lernen sich nicht mehr kennen in dieser Zeit. Es findet kein Austausch mehr statt. Ich mag auch nicht vor einem viertelvollen Saal spielen. Und vor hupenden Autos schon gleich gar nicht. Das geht einfach nicht. In der Corona Zeit habe ich immer aus dem Fenster gespielt für meine Nachbarn in Haidhausen. Drei Monate lang. Das hat Spaß gemacht.

prisma: Keine Denunzianten in Sicht gewesen?

Well: Nein. Meine Kinder spielten auch mit. Musik aus dem ersten, zweiten und dritten Stock. Hausmusik im wahrsten Sinne des Wortes. Und am Schluss nach den drei Monaten, in denen ich jeden Tag gespielt hab, wurde mir ein Standla gesungen.

prisma: Und Sie, Herr Polt? Haben Sie rausgepredigt aus Ihrem Fenster?

Polt: Sicher nicht. Ich habe von meinem Schwager aus Venezuela vom Orinoco eine echte Indianer-Hängematte bekommen. Das soll angeblich eine Familienhängematte sein. Nun bin ich ein bisschen größer als die Indianer, aber ich allein liege wunderbar darin. Dieses schwebende Gefühl – einwandfrei. Schweben ist gut.

Tourdaten Gerhard Polt & Well-Brüder

  • Sonntag, 11.10.2020, 17.00, Wien Globe Wien Marx Halle
  • Montag , 12.10.2020, 19.30, Gleisdorf forumKloster
  • Dienstag, 13.10.2020, 19.00, Krems Stadtsaal
  • Freitag, 16.10.2020, 19.30, Gersthofen Stadthalle
  • Mittwoch, 21.10.2020, 20.00, Aschaffenburg Stadthalle am Schloss
  • Donnerstag, 22.10.2020, 20.00, Nidderau Kultur- und Sporthalle
  • Freitag, 23.10.2020, 20.00, Bad Ems Kurhaus
  • Samstag, 24.10.2020, 19.00, Mainz Kurfürstliches Schloss
  • Freitag, 06.11.2020, 20.00, Fürstenfeldbruck Veranstaltungsforum Fürstenfeld
  • Sonntag, 08.11.2020, 19.00, Garmisch-Partenkirchen Kulturbeutel
  • Donnerstag, 12.11.2020, 20.00, Kulmbach Dr. Stammberger Halle
  • Freitag, 13.11.2020, 20.00, Weimar Deutsches Nationaltheater
  • Samstag, 14.11.2020, 19.00, Heroldsberg Gründlachhalle
  • Dienstag, 24.11.2020, 20.00, Meiningen Theater
  • Mittwoch, 25.11.2020, 20.00, Langquaid Schulturnhalle
  • Freitag, 27.11.2020, 19.30, Geiselhöring Labertalhalle
  • Montag , 07.12.2020, 20.00, Singen Stadthalle
  • Dienstag, 08.12.2020, 20.00, Hochdorf Kulturzentrum Braui
  • Mittwoch, 09.12.2020, 20.00, Jona Kreuz
  • Mittwoch, 20.01.2021, 19.00, Erlangen Heinrich-Lades-Halle
  • Sonntag, 31.01.2021, 19.00, Cham Stadthalle

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH