Verena Altenberger folgt im "Polizeiruf 110" auf Matthias Brandt und ist eine ganz andere Polizeikraft als ihr Vorgänger. Doch auch mit der Neuen kommt aus München alles andere als Krimi-Unterhaltung von der Stange.

Es ist sicher nicht einfach, Hanns von Meuffels beziehungsweise dem Darsteller Matthias Brandt nachzufolgen. Dessen "Polizeiruf 110" aus München war zwischen 2011 und 2018 eine sichere Bank für ungewöhnliche, ja oft künstlerisch ambitionierte Krimierzählungen. Autoren und Regisseure, die in der Szene mit denkwürdigen Kinowerken und Festivalpreisen auf sich aufmerksam gemacht hatten, durften dem seltsam schattenhaften Kommissar des Öfteren grandiose Erzählungen auf den Leib schneidern. Die forderten den Zuschauer, waren aber tatsächlich besondere Krimierfahrungen, die nicht selten lange nachhallten. Verena Altenberger, 31-jährige Österreicherin, tritt nun in der Rolle der uniformierten Elisabeth "Bessie" Eyckhoff Bandts Erbe an.

In ihrem ersten Fall, "Der Ort, von dem die Wolken kommen", bekommt sie es mit einem desorientierten, verwahrlosten Jugendlichen (Dennis Doms) zu tun, der offenbar einer längeren Gefangenschaft entkommen ist. Gemeinsam mit ihren ebenfalls jungen Kollegen Maurer (Andreas Bittl) und Cem (Cem Lukas Yeginer), der zudem ihr Halbbruder ist, findet die Polizeioberkommissarin heraus, dass wohl noch andere Kinder in Gefahr schweben.

Was zunächst als zähe Annäherung an einen Patienten daherkommt, verwandelt sich auf teils surreal fordernde Art und Weise zu einem doppelbödigen, hypnotischen Thriller, der sich wie ein ästhetischer Vorgriff des Bayerischen Rundfunks auf die im kommenden Frühjahr startende deutsch-österreichische Netflix-Serie über den jungen Sigmund Freund von Marvin Kren ("4 Blocks") ausnimmt. Zuviel sollte man über die Handlung dieses Debüts der Bessie Eyckhoff nicht verraten, sonst geht das "Trippige" dieser wieder mal besonderen 90 "Polizeiruf"-Minuten aus Bayern flöten. Nur so viel: Die Drehbuch-Autoren Thomas Korte und Michael Proehl (Verfasser des irren Tukur-Tatorts: "Im Schmerz geboren") sowie Regisseur Florian Schwarz (zweifacher Grimmepreisträger, u.a. für "Das weiße Kaninchen") gehören zu den ambitioniertesten Filmkreativen, wenn es darum geht, Larger-Than-TV-Life-Krimis zu erzeugen.

Was anfangs als ambitionierte Spurensuche einer jungen, engagierten Ermittlerin beginnt, verlässt etwa ab der Mitte des Films die Pfade klassischer Drehbuch-Logik, weil Ermittler und Therapeuten mithilfe von Hypnose-Experimenten Bewegung in den festgefahren scheinenden Fall bringen wollen. Wer auf klassische TV-Polizeiarbeit steht, wird an dieser Stelle wohl mit dem Kopf schütteln – auch wenn der Krimi ab diesem Punkt nun mächtig Fahrt aufnimmt.

Altenberger beweist ihre Vielseitigkeit

Trotzdem spielt "Der Ort, von dem die Wolken kommen" nicht in der obersten Kunstklasse des ambitionierten Kunstkrimis, dazu ist die ein oder andere Wendung zu brachial konstruiert. Eine gute Wahl dürfte hingegen die österreichische Senkrechtstarterin Verena Altenberger als Ermittlerin sein. Nach zwei alten, sperrigen Männern (Edgar Selge und Matthias Brandt) wollte BR-Redakteurin Cornelia Ackers mal einen gänzlich anderen Ermittler-Typus auf das Publikum loslassen. Altenberger, die mit ihrer kommunikativen und trotzdem vielschichtigen Art in diesem Krimi Lust auf mehr macht, wurde vor allem durch den österreichischen Film "Die beste aller Welten" bekannt – übrigens zu sehen bei Netflix. In diesem gab sie 2017 furios eine heroinsüchtige Mutter, die ihrem siebenjährigen Sohn trotzdem Liebe und ein stabiles Zuhause schenken möchte.

Altenberger, die eine Brüchigkeit zwischen stark und schwach so gut spielen kann, wie kaum eine andere deutschsprachige Schauspielerin ihrer Generation, ist zudem in der Titelrolle der RTL-Sitcom "Magda macht das schon" als polnische Altenpflegerin zu sehen – eine gänzlich andere Rolle und der Beweis für die Vielseitigkeit Altenbergers.

Dass die Österreicherin so verblüffend wandelbar ist, dürfte ihr auch bei weiteren Einsätzen als Bessie Eyckhoff zugutekommen. Die "Polizeiruf 110"-Redaktion des BR plant auch in Zukunft, besonderen Filmemachern auf der großen Bühne des ARD-Sonntagabendkrimis eine Chance zu geben, das große Millionenpublikum herauszufordern und zu verzaubern. Eine zu starre "Personality", das war schon bei Vorgänger Brandt das Konzept, würde bei zukünftigen "Polizeiruf"-Abenteuer nur stören. In München braucht es – viel stärker als beim "Tatort" mit Leitmayr und Batic – Ermittler, die mit ihren besonderen Filmen verschmelzen, anstatt sie zu dominieren.

"Das ist das Unkonventionelle an Elisabeth" – Verena Altenberger im Interview über ihre neue Rolle.


Quelle: teleschau – der Mediendienst