Warum erschoss der 18-jährige Schüler Benjamin Feller in Lausanne 2009 mit der Pistole seines Vaters die Eltern? Nach der Tat stellte er sich sofort der Polizei. Zuvor hatte er den in ihm aufgestiegenen Hass und die Planung der Tat ausführlich in einem Tagebuch dargelegt. Tagebuch hatten sie alle in seiner Schulklasse geführt, so hatte es die Französischlehrerin, die ihnen Dichter und deren Werke nahebrachte, empfohlen. Und so wird die empfindsame Lehrerin (Fanny Ardant) nach dem Mord beschuldigt, die Bluttat mit ausgelöst zu haben. Hätte sie nicht wissen müssen, wie es um Benjamin wirklich stand? – "Tagebuch des Todes" von Ursula Meier ist der erste von vier Filmen, in denen es um Aufsehen erregende, wirklich geschehene Kriminalfälle geht. Sie alle lösten zu ihrer Zeit "Schockwellen" aus, wie auch die vierteilige Schweizer Filmreihe heißt, die ARTE am 20. und 27. Juli sendet.

Die Lehrerin Madame Fontanel hatte ihren Schülern empfohlen, Tagebuch zu schreiben. Sie wollte, dass die Schüler so ihre Innenwelt kennenlernten, abgegrenzt von äußeren Einflüssen und Zwängen. Und natürlich hatte sie dafür Beispiele großer Dichter parat, mit denen sie mitunter wohlwollend die Ergüsse ihrer Schüler verglich.

Zu Beginn des Films trägt – in einer Rückblende – der in sich gekehrte Benjamin (Kacey Mottet Klein) die letzten Zeilen vor der Tat in sein Tagebuch ein: "Freitag, 27. Februar. Das ist der letzte Tag, den ich mir gesetzt habe. In wenigen Minuten werde ich das Unumkehrbare getan haben." Dann fährt er mit seinem Moped zur Post, um die Aufzeichnungen in einem Brief an seine Lehrerin aufzugeben und sich gleich darauf in einer Polizeistation, noch mit der Waffe fuchtelnd, zu stellen.

Recht eigentlich besehen, fragt der in hart aneinander geschnittenen Szenen gedrehte Film nicht danach, warum Benjamin Feller seine Eltern umgebracht hat. Er gibt nur die Tatsachen wieder – die inneren und die äußeren. Einfach die Bluttat, die Wirren im Kopf als klar geschilderte Ohnmacht, sich des Bösen zu erwehren. Der Hass auf den Vater wird weniger begründet als bezeugt – er konnte ihm einfach nicht mehr zusehen beim Essen. Die Mutter hingegen habe er davor schützen wollen, als Witwe weiterzuleben.

Von der Vernunft zum Wahn

Manches erinnert an die Amokläufe von Schülern, die es in jüngster Zeit auch in Deutschland gegeben hat. Auch die Handhabung der väterlichen Waffe erinnert daran. Für Benjamin wurde offensichtlich der eigene Vater zum Feind. Etwas überdeutlich wird denn auch im Film ein Ödipus-Komplex benannt. Einzige Bezugsperson Benjamins ist seine Lehrerin, bei der er Verständnis für seine pubertären Qualen fand. Mit dem Blick auf eine idealisierte Welt überschritt Benjamin die Grenze von der Vernunft zum Wahn.

Seine Lehrerin, die Benjamin später im Gefängnis besucht, wird von einem Untersuchungsrichter und von einer Anwältin streng ins Verhör genommen. War sie nicht geradezu eine Auslöserin der Tat, hatte ihr Schüler nicht als Beweis seines Vertrauens seine Absichten schon vor der Tat kundgetan? – Doch auch nachdem Benjamin aus dem Gefängnis nach Jahren entlassen wird, gibt es ein abgründiges Schweigen zwischen Schüler und Lehrerin. Der Film ist ein verschwiegenes Drama in melancholischen graublauen Farben, in denen der rot leuchtende Mantel der Lehrerin die unerfüllte Sehnsucht des Schülers nach Liebe signalisiert. Wohlfeile Antworten findet der Film keineswegs – das ist seine Schwäche und seine Stärke zugleich.

Um 21.45 Uhr folgt der zweite Teil der "Schockwellen"-Serie, "Reise ohne Rückkehr", in dem es um den Massenselbstmord der Sirius-Sekte von 1994 in den Schweizer Alpen geht. Der Regisseur Frédéric Mermoud inszenierte mehrere Episoden der Canal+-Serie "The Returned". Die Serie wurde mit dem International Emmy Award ausgezeichnet.


Quelle: teleschau – der Mediendienst