"Do you really want to live forever?" fragten Alphaville 1984. Die Hauptfigur des Science-Fiction-Thrillers "Self/Less – Der Fremde in mir" (2015) würde diese rhetorische Frage mit einem glasklaren "Ja" beantworten: Damian Hale (Ben Kingsley) scheffelte als kompromissloser Boss eines Industrie-Imperiums Milliarden von Dollar. Bis er die schreckliche Diagnose erhält: Krebs, unheilbar. Kein Geld der Welt kann ihn vor dem nahenden Tod retten. Das heißt – doch, kann es natürlich: In schönster Sci-Fi-Tradition bietet ihm ein geheimes Unternehmen an, seinen Oberschichts-Geist in einen gesunden Unterschichts-Körper umzusiedeln. Was folgt, ist solide dystopische Spannung samt jeder Menge vergebenen Potenzials – und jetzt erstmals im ZDF zu sehen.

Als einer von wenigen kann Hale sich einer "Shedding" genannten Prozedur unterziehen, die, sagen wir, noch nicht zur Perfektion ausgereift ist. Doch sie rettet sein Leben: Nach einer Art übertriebenem Doppel-MRT erwacht er, klaren Geistes, im gesunden Körper eines anderen jungen Mannes, gespielt von Ryan Reynolds. Von Albright (Matthew Goode), dem mysteriösen Leiter der Geheimorganisation, wird er alsbald in die Vorzüge, aber auch die Unbequemlichkeiten seines neuen Daseins eingeweiht. Er zieht weit weg, genießt seinen jungen Körper in sexueller Hinsicht, lernt neue Freunde kennen. Natürlich währt die Freude nicht lang: Eigenartige Visionen und Erinnerungen suchen Hale heim, verstörende Bilder, die zum Vorbesitzer seines Zweitkörpers zu gehören scheinen.

Entgegen der Vorschriften des Unternehmens begibt er sich auf eine Spurensuche, die ihn recht bald zu dessen Ehefrau führt. Sein Körperspender entpuppt sich als Irakkriegs-Veteran, auf den es dummerweise einige zwielichtige Gestalten abgesehen haben. Nun will es Hale wissen: Wer sind diese Leute, warum verfolgen sie ihn? In welche Machenschaften ist die Körpertausch-Firma involviert? Und: War es das wirklich wert?

Beste Voraussetzungen für einen hochspannenden Thriller – schließlich sah man die Fremde-Identitäts-Problematik von "Der Mann, der zweimal lebte" (1966) über "Face/Off – Im Körper des Feindes" (1997) bis zu den "Bourne"-Filmen der Nullerjahre bereits des Öfteren auf der Leinwand verwirklicht. "Self/Less" schlängelt sich denn auch fettnäpfchenfrei als solider Thriller durch die Thematik – wenn auch hinsichtlich Läuterungsmoral und Hochglanzaction etwas hochstapelnd.

So funktioniert das Werk von Regisseur Tarsem Singh, der mit "The Cell" (2000) und "The Fall" (2006) überzeugte, vor allem über seine konstant steigende Spannung. Und wagt aus Angst, zur Billig-Sci-Fi zu geraten, nicht mehr als Mittelmaß. Das thematische Potenzial verpufft einfach: Von den wirklich relevanten Fragen des im Kern hoch philosophischen Sci-Fi-Sujets ist "Self/Less" so weit entfernt wie wir von der ziemlich futuristischen Körper-Geist-Technologie, über die im Film nicht viele Worte verloren werden.


Quelle: teleschau – der Mediendienst