Shanghai ist eine faszinierende Metropole. Doch in dem gleichnamigen Film passiert nichts, was man nicht schon in anderen Agentenfilmen gesehen hat. Potenzial verschenkt.

Wie ein schützender Schleier legte sich der Opiumnebel über das organisierte Verbrechen, dessen Hauptstadt in den 20er- und 30er-Jahren nicht New York, nicht Chicago, sondern Shanghai war. Gangsterbosse, Typen mit klangvollen Namen wie Pockennarben-Huang und Großohr-Du, fochten mit ihren Banden blutige Schlachten aus, ungestört von der Polizei, die oft genug selbst an Glücksspiel, Drogenhandel und Prostitution mitverdiente. Theoretisch war Regisseur Mikael Håfström ("The Rite – Das Ritual") also genau am richtigen Ort, um einen Thriller zu drehen. Doch statt das historische Potenzial des chinesischen Sündenpfuhls auszuschöpfen, konstruierte Drehbuchautor Hossein Amini für "Shanghai" (2010) eine amerikanische Agentengeschichte, die auch in jeder anderen Stadt hätte spielen können. Die ARD zeigt den Film nun in der Free-TV-Premiere.

Als Paul Soames (John Cusack) 1941 in Shanghai ankommt, ist die Stadt bereits seit vier Jahren von Japanern besetzt. Länger noch von Amerikanern, Franzosen und Briten, die ihre Daseinsberechtigung an diesem wichtigen Umschlagplatz militärisch erpressten. So erklären sich die europäischen Einflüsse im schön eingefangenen Szenenbild, für das die Hauptfigur jedoch keinen Blick hat: Der amerikanische Spion ist in der Stadt, um den Mörder seines Kollegen und besten Freundes zu finden.

Zu diesem Zwecke lässt sich Soames von seiner gut vernetzten deutschen Liebschaft (blass: Franka Potente) in die mehr oder weniger ehrenwerten Kreise der Gesellschaft einführen. Schnell gewinnt er das Vertrauen des chinesischen Gansterbosses Anthony Lan-Ting (Chow Yun-Fat, "Tiger and Dragon") und die Aufmerksamkeit seiner Frau Anna (Gong Li, "Die Geisha"). Die Schöne birgt ein Geheimnis, das den verliebten Amerikaner bald intensiver beschäftigt als seine eigenen Mordermittlungen: Sie unterstützt aktiv den chinesischen Widerstand gegen die japanischen Besatzer. Ihr Mann ahnt nichts davon, wohl aber der japanische Offizier Tanaka (Ken Watanabe, "Inception"), der überall seine Finger im Spiel zu haben scheint.

Gerade zu Beginn des Films fällt es nicht immer leicht, den Überblick zu wahren, wer hier nun auf wen schießt. Man folgt der Geschichte vorrangig, weil man sie zu verstehen versucht, und weniger, weil sie spannend wäre: Dafür bemüht "Shanghai" zu oft und zu offensichtlich Elemente aus klassischen Trenchcoat-Filmen. Die nostalgisch-schöne Optik hält jedenfalls länger bei der Stange als die gern aus dem Off erzählte Agentenstory, für die die Schnitte von Peter Boyle und Kevin Tent oft zu rasant erscheinen.

Dass dem hochkarätigen internationalen Cast nicht genügend Raum bleibt, die Beziehungen zwischen den Figuren angemessen herauszuarbeiten, entpuppt sich als noch problematischer. Denn wie überall auf der Welt sind auch in Shanghai Liebe und Eifersucht die stärksten Motive für extremes Handeln. Und wie überall auf der Welt wirken diese Motive vorgeschoben, wenn sie nicht glaubhaft belegt werden können.

Shanghai – Mi. 04.03. – ARD: 00.05 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH