Der Wilde Westen war immer schon ein gelobtes Land voller Versprechungen und Verheißungen. Wer dorthin wollte, träumte von Freiheit, von einem frischen Start oder vom ultimativen Glück. So wie der zerbrechliche Adlige Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee). Was Jay, wie so viele andere vor und nach ihm, ignoriert, ist der Preis, den der Westen für all diese Träume abverlangt.

Bei Jay sind es erst einmal nur 1000 Dollar, die er dem zwielichtigen Silas (Michel Fassbender) als Schutzgeld bezahlt: Der wortkarge Landstreicher soll ihn zu seiner Geliebten Rose (Caren Pistorius) führen, der er mit flammendem Herzen aus Schottland gefolgt ist. In nur 81 Minuten nimmt sich Regisseur John Maclean in "Slow West" alle Zeit der Welt, den Mythos Wilder Westen mit Stilbewusstsein und lakonischem Humor zu dekonstruieren und mit seiner eigenen Vision den Hut vor einem ganzen Genre zu ziehen. 3sat zeigt die finstere Reise jetzt erstmals im Free-TV.

Der Liebe wegen ist Jay Cavendish 1870 in Colorado gelandet. Der naive Jüngling liegt nachts unter dem Sternenhimmel und träumt von seiner Geliebten Rose. Tagsüber reitet er wie ein erstauntes Kind durch eine Landschaft, von der er erst durch den wortkargen Einzelgänger Silas erfährt, wie tödlich sie in ihrer Schönheit ist. Der grandiose Michael Fassbender verortet den Kopfgeldjäger im Zwielicht aus mörderischer Entschlossenheit und pessimistischem Weltschmerz.

Leichen pflastern fortan ihren Weg – weil der Westen eben kein romantischer Sehnsuchtsort ist. Er ist ein unwirtliches, ein raues, ein gefährliches Land, durch das John Maclean ein sehr ungleiches Paar schickt. Wie Vater und Sohn wirken sie, Vergangenheit und Zukunft treffen aufeinander und die blutige Wirklichkeit kämpft mit der Hoffnung. In Rückblenden wird schnell klar, dass Jays große Liebe eine einseitige Angelegenheit ist. Rose ist mehr Reflexionsfläche seiner Hingabe, als für ein gemeinsames Leben bereit.

Wenige Schauplätze, wenige Figuren – ein wortkarger Held mit undurchsichtigen Absichten, ein naives Greenhorn, eine schöne Frau, ein klassischer Bösewicht, den der diabolische Ben Mendelsohn als Wolf im Wolfspelz gibt, und eine aufs Wesentliche reduzierte Handlung: "Slow West" ist nur auf den ersten Blick ein klassischer Western. Vielmehr renoviert Filmemacher Maclean ein Genre, das nie aus der Mode kommt, und interpretiert es mit erfrischender Unbekümmertheit neu.

Der Schotte erzählt mit lakonischem Ton viel über das Wesen der Zivilisation und über Zeiten, in denen ein Menschenleben nicht viel wert war. Reduziert auf ein Kammerspiel, ist "Slow West" ein sehr moderner und zeitloser Film, der Genre-Vorgaben mit schrulliger Komik bricht. Von der Kamera in einen engen Rahmen gezwängt, erleben die Figuren aber auch die Unmittelbarkeit des Todes sehr deutlich: Es gibt kein Entrinnen. Nicht für Ex-Soldaten, nicht für Kopfgeldjäger, nicht für verzweifelte Pioniere.


Quelle: teleschau – der Mediendienst