Schön, dass einem das deutsche Fernsehen am ersten Abend des neuen Jahres die Wahl lässt. Handfeste Krisen und Konflikte oder lieber weltentrückte Unterhaltung? Eine seriös erzählte Geschichte oder doch lieber ... den "Tatort" gucken?

Ganz recht: Während das ZDF seine "Traumschiff"-Fahrer mit Resten von Ernsthaftigkeit nach Japan entführt, sattelt das Erste zeitgleich zum großen Pointen-Rodeo. Das Neujahrsspecial der ewigen Krimireihe kommt wie zuletzt 2015 ("Der Irre Iwan") aus Weimar, jenem TV-Revier, in dem die Kommissare Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) bislang noch jede Krimi-Konvention ironisch unterlaufen haben.

Der Weimarer "Tatort" ist gewissermaßen der Wanderzirkus unter den Sonntagsrevieren. Von der Geisterbahn landet man über den FKK-Klub leicht mal auf einem Spukschloss. Jetzt ist es die Kulisse einer Western-Stadt, die den Rahmen vorgibt für eine Kriminalhandlung, welche mit "fantasievoll" noch zurückhaltend umschrieben ist. Es bleibt kein Auge trocken.

Aus der Sicht der "Hobbyisten", die im Film von Regisseur Dustin Loose zwischen Saloon und Postkutsche die Colts rotieren lassen, ist die Westernstadt "El Doroda" aber eine hoch ernste Angelegenheit. Zwar erinnert sie im Aufbau an ein Playmobil-Ensemble, doch diesen Menschen ist sie nichts weniger als Heimat. Umso härter trifft die Pächter von El Doroda das kolportierte Vorhaben des Besitzers, den ganzen Laden zu verkaufen. In seiner Indianerkluft wird Wolfgang Weber alsbald ermordet aus der Ilm gefischt. Haben die Wildwest-Enthusiasten ihren Häuptling in existenzieller Notwehr gelyncht?

Optisch bietet so ein kurioses Setting naturgemäß manche Steilvorlage, von denen nicht wenige verwandelt werden. Während seine private wie berufliche Partnerin Kira Dorn in El Doroda undercover als Cowgirl "Lotte" anheuert, fährt Kommissar Lessing regelmäßig mit Dienstwagen und Handy vor. Manchmal rauscht auch eine Rocker-Gang durch die staubige Boomtowngasse, es sind die Handlanger einer skrupellosen Tiefbauunternehmerin (Marie Lou-Sellem), die an diesem wildromantischen Ort kommerzielle Interessen verfolgt. Und im Sheriff's Office, da kümmert sich der Geschäftsführer der Wildwestattraktion hinter Flachbildschirmen um die Buchhaltung. Es ist der Titelheld Heinz Knapps (Peter Kurth) – "Der höllische Heinz".

Gespielt wird die Schlüsselfigur dieses im Kern betulichen Mörderrätsels vom Mann der Stunde. Mit seinen 61 Jahren hat es Peter Kurth im zurückliegenden Jahr zum gefühlten Shootingstar der deutschen Film- und Fernsehbranche geschafft. Hatte man nicht schon in den Serien-Hits "Babylon Berlin" und "Die Protokollantin" das Gefühl, der lange dem Theaterpublikum vorbehaltene Charakterschädel sei die mecklenburgische Antwort auf John Wayne? Dann passt's ja.

Was man gleichfalls in Erinnerung behalten wird: Kommissar Lessing, der frisch in Teer getaucht versucht, eine ernsthafte Vernehmung zu führen. Ein großer, absurder "Tatort"-Moment. Ansonsten haben die Drehbuchoutlaws Murmel Clausen und Andreas Pflüger diesmal fast ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen. Das feine Unterspielen kommt etwas kurz im Angesicht manch derberer Zote. Und wer bei jedem erkannten Film- oder Dichterzitat einen Whiskey hebt, dürfte der Alkoholvergiftung gefährlich nahe kommen.

Ob der gemeine Krimifan da noch mitreitet in den Sonnenuntergang? Auf den Quoten-Shootout mit dem ZDF-"Traumschiff" darf man jedenfalls gespannt sein. Wäre ein Ding, wenn diesmal die Dienstwaffenträger im Staub landen würden.


Quelle: teleschau – der Mediendienst