Der Tatort aus "Münster" folgte einer Lakritzsspur hinab zu einem Jugendtrauma von Professor Boerne. Für den  Schauspieler, der den jungen Boerne verkörperte, war es erst die zweite Rolle.

Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers) endlich mal wieder in Hochform! Der "Tatort: Lakritz" bot nicht nur behändes Dialogpingpong, sondern auch eine nostalgiewarme Legende, wie der Rechtsmediziner zu der blasierten Koryphäe werden konnte, die er heute ist. In einer fatalen Nebenrolle: Kaliumcyanid, besser bekannt als Zyankali. Die ganze tödliche Wahrheit über das Gift und alles weitere Wissenswerte zum Münster-"Tatort" gibt es hier.

Worum ging es im "Tatort"?

Um einen Gift-Mord, wunderbar altbacken wie bei "Arsen und Spitzenhäubchen". Der Marktmeister des Münsteraner Wochenmarkts wurde mit einer tödlichen Zyankali-Dosis niedergestreckt. Untergemengt hatte man es dem rasend unbeliebten Patron in Lakritz-Bonbons. Das grenzte den Kreis der Verdächtigen für die Ermittler Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers) erfreulicherweise drastisch ein.

Worum ging es wirklich?

Der Meuchelmord am Marktmeister war vorrangig Anlass für einen zärtlichen Seelenstriptease des Professors. Boerne tauchte in diesem Film in den Keller der Erinnerung ab. Dort unten fanden sich sorgsam in Kartons verpackt Spuren von echtem Gefühlsleben. Der Snob, so zeigten es sepiagetränkte Rückblenden in Boernes Schulzeit, war einst verliebt in die schöne Lakritzfabrikantentochter Monika, die lieber ihre Brüste zeigen wollte, als Karl-Friedrichs Nachhilfestunden zu goutieren. Eine Tragödie trennte die beiden, die einander nun, Jahrzehnte später und unter neuen Vorzeichen, wieder begegneten.

Der Drehbuchautor Thorsten Wettcke erläutert seinen Einfall so: "Am Anfang stand für mich die Frage: Wie wurde Boerne zu Boerne? Gab es ein Ereignis in seinem Leben, das ihn zu diesem liebenswert-narzisstischen Ekelpaket werden ließ?" Beim Nachdenken darüber sei ihm Obelix in den Sinn gekommen, der als Kind in den Zaubertrank fiel und dadurch übermenschliche Kräfte entwickelte. "Aus produktionstechnischen Gründen fällt Boernes Zaubertrank-Moment etwas kleiner aus, als er in meiner Vorstellung war." Auch wenn Boerne also nicht in Zaubertrank fiel, sondern nur von einem halbstarken Lümmel in flüssiges Lakritz getaucht wurde, erkläre sich "hoffentlich ein für allemal, warum aus dem kleinen und etwas rundlichen Karl-Friedrich nichts anderes werden konnte, als der genialste und unfehlbarste Gerichtsmediziner Deutschlands, ach was, des ganzen Universums ..."

Wer spielte den jungen Karl-Friedrich Boerne?

Eine herrlich rotwangige Besetzung hat die Casting-Abteilung für die Rolle des 14-jährigen Carl-Friedrich Boerne da aufgetan. Vincent Hahnen, Neuntklässler aus dem Otto-Hahn-Gymnasium Dinslaken, meisterte die skurrile Rolle wie ein alter Schauspiel-Hase, dabei ist es erst seine zweite überhaupt. "Ich habe mich schon immer für Filme und für das, was dahintersteckt, interessiert", berichtete er vor zwei Jahren der Funke Mediengruppe, anlässlich seines Mitwirkens in der RTL-Comedyserie "Nicht tot zu kriegen".

Wie tödlich ist Zyankali wirklich?

Ist es überhaupt realistisch, einen erwachsenen Mann durch eine Prise Zyankali ins Jenseits zu befördern? Noch dazu in so kleiner Dosierung, wie sie in ein Lakritz-Bonbon passt? Nun: Tatsächlich gilt Kaliumcyanid, wie das aus der Blausäure gewonnene Salz auch genannt wird, zu den tödlichsten Giften überhaupt. Bei Erwachsenen gilt eine Dosis ab 140 Milligramm als letal – diese in ein handelsübliches Lakritz-Dragée einzuarbeiten, sollte zumindest rechnerisch möglich sein. Auch in einem anderen Punkt dozierte Professor Boerne im "Tatort" die Wahrheit: Nur 20 bis 50 Prozent der Menschheit kann den für Blausäure typischen Bittermandelgeruch überhaupt wahrnehmen.

Unrühmliche Geschichte schrieb Zyankali am Ende des Dritten Reichs. Aus Angst vor dem Einmarsch der alliierten Truppen kam es 1945 an verschiedenen Orten zu Massenselbstmorden hochrangiger Nazi-Kader, aber auch unter der Bevölkerung. Auch Hitler selbst soll eine Zyankalikapsel zerbissen haben, eher er sich erschoss. Entgegen lange kursierenden Gerüchten entfaltet sich mit dieser Methode übrigens kein sanfter Tod: Das Gift verätzt den Magen, der schmerzhafte Sterbeprozess dauert laut Toxikologen durchschnittlich eine Viertelstunde.

Wie geht es beim Münster-"Tatort" weiter?

Noch ein weiteres Mal wird man die Publikumslieblinge des ARD-Sonntagskrimis in diesem Jahr erleben. Am 22. Dezember stimmen die Münsteraner aufs Fest ein – allerdings mit einem vergleichsweise brutalen Fall. Kurz vor Weihnachten behauptet ein Anrufer, Ermittlerin Krusenstern (Friederike Kempter) entführt zu haben. Keine enstpannten Feiertage für Boerne und Thiel. Regie bei der putzig betitelten Folge "Väterchen Frost" führte Routinier Torsten C. Fischer.


Quelle: teleschau – der Mediendienst