ZDF-Serie feiert Meilenstein

Was ist das Erfolgsgeheimnis der "Rosenheim-Cops"?

von Frank Rauscher

Der nächste Meilenstein für "Die Rosenheim-Cops": In der neuen Staffel erreicht die Serie die 500-Folgen-Marke. Wie wird eine Serie zum Dauerbrenner und zur Marke?

Zahlen regieren die Welt. Auch im beschaulichen Chiemgau: 500-mal "Die Rosenheim-Cops" – das sind, wie sich anlässlich des demnächst anstehenden Jubiläums leicht errechnen lässt, mindestens 500 Leichen und 500 Mörder in rund 21.500 Minuten. Aber wichtiger ist: Jeder kennt "Die Rosenheim-Cops"! Am Dienstag, ab 28. September (19.25 Uhr) geht der Serien-Dauerbrenner in die sage und schreibe 21. Staffel, und von Abnutzungserscheinungen keine Spur: Trotz eines katastrophalen Rückschlags wie dem Ableben des Hauptdarstellers und Fanlieblings Joseph Hannesschläger (2. Juni 1962 – 20. Januar 2020), trotz zahlreicher Umbesetzungen im Hauptcast, trotz manch einer dezenten Verjüngungskur und trotz der wachsenden Konkurrenz von immer neuen TV- und Streamingserien, sind die "Cops" noch da. Und wie: In Pandemie-Zeiten wurde sogar mancher Quotenrekord aufgestellt.

Die im Januar 2002 erstmals ausgestrahlte Kultserie mag von manchen belächelt werden, doch das halten die Macher locker aus. Denn ihr Krimi ist schon seit Jahren das, was andere TV-Formate gerne wären: eine echte Marke. Und wie bei jeder Marke besteht auch für die Verantwortlichen der gemütlichen Oberbayern-Geschichten die wesentliche Herausforderung darin, sie fürsorglich zu behandeln: sie zu pflegen und hin und wieder anzupassen, ohne ihren Kern anzukratzen. Was leichter klingt, als es ist.

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Bislang gelang der Spagat. Zuletzt gab es zwar immer wieder Umbaumaßnahmen und neues Personal, doch der ZDF-Dauerbrenner mit der kongenialen Titelblasmusik von Haindling, die jedes Kind und jede Oma mitpfeifen kann, fährt weiterhin gute Quoten ein – oft sind über vier, manchmal auch über fünf Millionen Zuschauer dabei, und selbst in der Wiederholungsschleife am Nachmittag im ZDF oder auf Sky-Krimi sind die alten Folgen gern gesehen. "Diese Serie ist erfolgreicher als die Polizei erlaubt", schrieb die "Bild".

Die unter echten Fans seit Jahren heiß diskutierte Frage ist: Wie viel Austausch, wie viele neue Gesichter verträgt so ein Format, das sicherlich auch von seiner nostalgischen Aura lebt, noch? Dass sich manche Fans in den Online-Foren zuraunen, dass ihnen die älteren Wiederholungen besser gefallen als die neuen Folgen, sollte den Machern zu denken geben. Immer schön achtgeben, möchte man den Machern in Mainz raten.

Doch im Grunde scheint die Sache auch weiterhin geritzt. Viel zu beliebt sind gerade die geradezu ikonenhaften Figuren der ersten Stunde, die erstklassigen Besetzungen in der zweiten Reihe, als dass am Status der "unkaputtbaren" Serie etwas zu ändern wäre: Miriam Stockl (Marisa Burger), Michael Mohr (Max Müller), Marie Hofer (Karin Thaler) oder der Polizeichef Gert Achtziger (Alexander Duda) und sowieso Christian K. Schaeffer als "Times Square"-Kneipier Jo Caspar gehören immer noch zum Besten und Liebenswerten, was in Deutschlands Fernseh-Revieren sein Unwesen treibt.

Dass die Krimiplots eher unerheblicher Natur sind, darüber muss man nach 20 Jahren TV-Erfolg nicht mehr diskutieren. Sie gehen nach wie vor in etwa so wie in "Bauer sucht Bauer", der ersten Folge der neuen Staffel. – O-Ton ZDF-Ankündigung: "Während Jungbauer Christian Porz auf dem Feld arbeitete, wurde er erschossen. Die Kommissare Winter und Stadler ermitteln: Wie sich herausstellt, war Porz interessiert, den Bauernhof des Ehepaars Ischl zu kaufen. Vielleicht steckt der Nachbarbauer Franz Nungesser (Norbert Ortner) dahinter, der den Hof gern selber übernommen hätte ... Wäre da nicht seine Familie, die mit den Ischls herumstreitet. Oder war es die Mitbewerberin Annika Michels (Simone Fulir), die einen hohen Kredit aufgenommen hat? Wie sich herausstellt, hatte Porz mit Frau Ischl (Petra Berndt) eine Affäre. Ist ihr Mann (Matthias Christian Rehrl) dahintergekommen und hat den Landwirt umgebracht?" Wahnsinnig spannend .... Nicht! Aber jeder Fan der Serie weiß, dass das nicht weiter stört.

Gefühl und Vertrautheit statt Spannung

Zum Selbstverständnis von Vorabendserien wie "Die Rosenheim-Cops" oder auch des ARD-Pendants "Hubert und Staller" (seit 2011 im Programm) gehört es nun einmal, dass man genau das nicht sein will: ein TV-Krimi wie andere. Das Erfolgsrezept dieser Regiokrimis hat weniger mit Spannung zu tun als vielmehr mit einem Gefühl von Vertrautheit und einer gewissen Nahbarkeit der Hauptcharaktere – vom heimeligen Flair und der in ganz Deutschland geschätzten Kulisse des oberbayerischen Voralpenlandes einmal abgesehen. Es menschelt, und das Publikum kennt und mag seine Pappenheimer und Sympathieträger. Figuren à la Miriam "Es gabat a Leich" Stockl sind für viele fast so etwas wie alte Bekannte – man sieht sich ja regelmäßig: immer dienstags, 19.25 Uhr. Es ist die feste Verabredung zum Mord mit Aussicht.

Auch wenn Kritiker beim Paradoxon Wohlfühl-Krimi gerne pauschal den Daumen senken: So eine Marke aufzubauen und am Leben zu erhalten, ist fraglos eine Kunst für sich. Und es ist eine mühsame, hochsensible Angelegenheit, den Kredit, den man sich beim Publikum erworben hat, nicht irgendwann wieder zu verspielen. Vor allen Dingen braucht es viel Liebe: zu den Figuren, aber auch zur Region, in der die Geschichten angesiedelt sind, und den Menschen, die dort leben.

"Die Rosenheim-Cops" haben gerade in dieser Hinsicht Vorbildcharakter und die Verankerung im Umfeld genauso ernst genommen, wie einst etwa auch "Der Bulle von Tölz" (1995-2009) mit Otti Fischer. Zahlreiche lokale Auszeichnungen gab es schon, und die Stadttour "Auf den Spuren der Rosenheim-Cops" erfreut sich großer Beliebtheit ("Hubert und Staller" haben es im Fünfseen-Land sogar schon zu einer eigenen Rad-Rundtour gebracht).

Die Produktion der Bavaria Fiction läuft zwar unter "Krimi", aber der Schauspieler Max Müller, der seit 2002 als beflissener Beamter Michi Mohr bei den "Cops" mitmischt, meint schon ganz treffend: "Der Krimi ist im Grunde wurscht. Ein Mord muss seriös erzählt werden, aber es geht bei uns doch viel mehr um das Zwischenmenschliche – immer mit einem Augenzwinkern." Als weitere Erfolgsfaktoren macht Müller "die schöne Landschaft, die bayerische Lebensart, wunderbare Schauspieler und Regisseure, die dieses Stück Vorabendunterhaltung sehr ernstnehmen", aus. Und: "Wir müssen auch über den Begriff 'Heimat' reden: Wir geben allen, die das wollen, etwas Verlässliches, ein Stück Zuhause, ein wenig Identität."

Krimi-light mit einem Augenzwinkern

Joseph Hannesschläger, für die meisten Fans für alle Zeiten der "Rosenheim-Cop" schlechthin, sah in einem seiner letzten Interviews ein "ähnliches Muster wie bei der volkstümlichen Schlagermusik, die ja sehr erfolgreich ist": Viele Leute, so der bayerische Schauspieler, "wollen sich in ihrer Freizeit gerne mit Dingen beschäftigen, die sie kennen, die keine bösen Überraschungen in sich bergen, bei denen alles seinen gewohnten Gang geht: einfach etwas Verlässliches mit einem gewissen Wohlfühlfaktor." Und Stockl-Star Marisa Burger analysiert, dass es "am Ende wohl die Menschlichkeit" sei, "die unsere Serie ausstrahlt, die die Herzen erreicht. Und natürlich die schöne Landschaft."

Alles wahr. Und natürlich ist auch diesmal, auch in der Jubiläumsepisode, die im Laufe der neuen Staffel auf dem Plan steht, die Krimihandlung "wurscht". Einmal mehr gibt es Krimi-light, serviert mit einem Augenzwinkern. Und einigen neuen Zutaten, respektive Protagonisten. Schon wieder, werden vielleicht einige Fans stöhnen – und dann sicher doch wieder zuschauen. Dieter Fischer als Kommissar Anton Stadler und Igor Jeftić, der als Kommissar Sven Hansen auch schon wieder seit 2009 dabei ist, haben die tragenden Ermittlerrollen inne. Aussteigen werden demnächst hingegen Vanessa Eckart und Sina Wilke, die eine Kommissarin, die andere Pathologin. Sie wird im Laufe der Staffel durch Sevda Polat ersetzt.

Was also ist das Geheimnis dieser durch und durch bodenständigen Vorabendserie? – Und wie konnte diese Marke ohne den großen Joseph Hannesschläger überleben? – Es ist vermutlich der liebevolle Umgang mit dem Erbe – und die Tatsache, dass man eine Nebenrolle hier noch würdigt. "Es gibt schon bei Shakespeare und in jeder großen Oper diese 'Bufforollen", lacht Stockl-Darstellerin Marisa Burger: "kleinere Rollen, die für die Komik zuständig sind. Die Clownagen gehören zu jeder guten Dramaturgie, so etwas mögen die Leute einfach. Dass sich die Nebenrollen so durchziehen bei uns, dass sie so groß werden konnten und sie so beliebt sind, ist natürlich für uns als Schauspieler eine tolle Bestätigung."

Recht hat sie – ein Hoch auf die gepflegte Nebenrolle, die bei den "Rosenheim-Cops" immer noch weitaus liebevoller zelebriert wird als in den meisten anderen Serien. Und spätestens wenn Marie Hofer (Karin Thaler) Hauptkommissar Stadler oder einem anderen Gast wieder im feschen Dirndl auf der Panoramaterrasse des idyllischen Hofer-Anwesens Kassler mit Sauerkraut und selbstgemachtem Kartoffelpüree nebst Weißbier kredenzt, weiß man sowieso: Bei den "Cops" im Chiemgau ist die Welt noch in Ordnung – 500 Leichten können daran rein gar nichts ändern.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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