Ingo Lenßen im Interview

"Aus dem Leben abgeschrieben"

13.09.2021, 07.52 Uhr
von Lara Hunt

Ingo Lenßen ist der wohl bekannteste Anwalt im deutschen Fernsehen. Wir haben mit ihm über die Anfänge und die neuen Folgen von "Lenßen übernimmt" gesprochen.

Wie wird man TV-Anwalt?

Ingo Lenßen: (lacht) Das weiß ich auch nicht so genau, auch heute noch nicht. Anfang der 2000er habe ich ein Fax mit einer Anfrage bekommen. Die Sekretärin hat es mir gebracht, da stand „Kirch Media“ drauf und ich habe es weggeworfen und mich noch darüber aufgeregt, mit welchen dreisten Maschen Betrüger es versuchen. Weil die Kirch-Gruppe ja insolvent war. Später habe ich es meinem Bruder erzählt, der hat mich aufgeklärt, dass es Kirch Media gibt. Meine Frau hat mich dann überredet, da mal anzurufen.

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Und dann?

Dann hieß es: "Wir machen so etwas wie Barbara Salesch." Ich muss gestehen, ich wusste gar nicht, was das ist. Ich habe mir das nie angeguckt, da ich um die Uhrzeit noch arbeitete. Aber meine Frau meinte: "Versuch es doch mal, guck es dir an. Du magst doch Film und Fernsehen." Ich bin hingefahren, es waren nur junge Leute da und es war viel einfacher als die Arbeit, die ich als Strafverteidiger mache. Ich war fasziniert, "Alexander Hold" war toll – und nach und nach hat sich der Rest entwickelt.

Aber als Strafverteidiger sind Sie immer noch tätig?

Klar, das möchte ich auch nicht missen, ich liebe meinen Beruf.

Gibt es einen Fall, der Sie nicht wieder losgelassen hat?

Ja, und der ist auch noch nicht so lange her. Am Landgericht Rottweil habe ich einen Mann vertreten, der ein Jahr lang unschuldig im Gefängnis war. Das war sehr intensiv. Neulich habe ich ihn bei einem Interview im Fernsehen gesehen, da hat er sich nochmal bei mir bedankt, dass ich ihn da rausgeholt habe. Das hat mich gefreut, aber ich habe auch gedacht: Er ist immer noch nicht darüber weg.

Sie machen Scripted Reality. Können Sie mal erklären, was das genau ist?

Ich mag den Begriff Scripted Reality nicht. Ich spreche lieber von Fiction light. Die Fälle, die wir zeigen, sind aus dem Leben abgeschrieben. Wir haben 25 Minuten Zeit und viel weniger Budget als ein Spielfilm. Deshalb Fiction Light.

Und wie schreibt man Fälle aus dem Leben ab?

Das machen die Autoren, aber auch ich gebe Input und erzähle, was gerade aktuell ist. Erbrecht, gefälschte Testamente, Hartz IV, Umgangsrecht, Sorgerecht, Unfallflucht… dieses Jahr kommen wir da alleine auf 100 Geschichten.

Bekommt man, wenn man sich täglich mit solchen Fällen beschäftigt, ein schlechtes Menschenbild?

Eigentlich nicht. Man sieht ja auch viel Gutes. Und ich glaube, ich bin ein Philanthrop, ein Menschenfreund. Das geht sogar so weit, dass meine Frau den Kopf schüttelt, wenn ich aus dem Knast komme und sage: "Mein Mandant, der ist echt in Ordnung."

Was ist das Beste am deutschen Rechtssystem?

Die Objektivität, zu der Staatsanwälte und Gerichte verpflichtet sind. Und der Luxus, dass Anwälte parteiisch sein können. Das auf der Seite des Strafrechts. Auf der anderen Seite ist es unser Bürgerliches Gesetzbuch, das 1900 veröffentlicht wurde und über 100 Jahre die gesellschaftliche Entwicklung miterlebt hat. Ein Buch mit abstrakten Regeln, die aber heute noch jeden Sachverhalt zu erfassen scheinen, und das deshalb auch heute noch funktioniert.

Und das Schlechteste?

Die Voreingenommenheit, auf die man leider doch manchmal trifft. Und der Zeitdruck, dass schnell Ergebnisse produziert werden sollen. Aber das sind Ausnahmen.

Wie lange haben Sie Ihren Bart schon?

Seit ich 21 bin. Damals war ich großer Balzac-Fan. Der trug einen ähnlichen Bart.

Noch nie darüber nachgedacht, ihn abzurasieren?

Doch, ganz oft. Aber meine Frau würde das nicht zulassen.

Was geben Sie für Bartpflegeprodukte aus?

Gar nicht viel, ich benutze da Haarspray und Haarwachs aus dem Drogeriemarkt. Das sind keine zehn Euro im Monat.

TV-TIPP

  • "Lenßen übernimmt"
  • montags bis freitags, 17 Uhr
  • Sat.1

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