Bei Sky Documentaries

So spannend ist die Doku über die Entstehung von "Alien"

von Eric Leimann

Zum Start des neuen Kanals "Sky Documentaries" zeigt der Bezahlsender eine 90-minütige Analyse über Ridley Scotts Meisterwerk "Alien" (1979). Selten wurde ein Film so klug auseinandergenommen – und eine der ekligsten Szenen der Filmgeschichte fast eine halbe Stunde lang erklärt.

Ohne den Drehbuchautor Dan O'Bannon hätte es "Alien" nicht gegeben. Und das ist keine Binsenweisheit, denn jeder Film braucht ja bekanntlich ein Drehbuch. O'Bannon allerdings kämpfte während der 70-er wie ein Besessener für den damals – und eigentlich bis heute – wahrscheinlich unheimlichsten und verstörendsten Filme aller Zeiten, wie eben nur ein Besessener kämpfen kann. Geboren wurde O'Bannon 1946 im Mittleren Westen. Man lebte extrem abgelegen, ohne Telefon und TV. Der Vater betrieb einen Kuriositätenladen, die O'Bannons waren einfache Leute. Der kleine Dan ließ sich jedoch massenhaft Bücher nach Hause schicken, eine Art Fernleihe – und später sollte er als Autor von allem klauen, was die Kulturgeschichte hergab: von der griechischen Mythologie über H.P. Lovecraft bis zu amerikanischen B-Movies der 50-er und 60-er. Vor allem aber verschlang Dan 0'Bannon Comics und war früh fasziniert von Stoffen, in dem ein fremdes Wesen den menschlichen Körper von innen übernimmt, ihn aushöhlt, verwandelt. Das Thema des Science Fiction-Filmmeisterwerks "Alien", das am 25. Mai 1979 in die amerikanischen Kinos kam und dessen Entstehen der beeindruckend detailreiche Dokumentarfilm "Memory: Über die Entstehung von Alien" (Sky Documentaries, 10. September, 20.15 Uhr, oder auf Abruf) in 90 Minuten erzählt.

Kurios bis tragisch ist die Tatsache, dass "Alien"-Erfinder O'Bannon selbst seit Mitte 20 an dem chronisch entzündlichen Darmleiden Morbus Crohn erkrankte, an dem er 2009 auch starb. Der Schweizer Dokumentarfilm-Regisseur Alexandre O. Philippe ist bekannt dafür, die Analyse von Meisterwerken der Filmgeschichte so klug und, ja, fast ebenso besessen voranzutreiben, wie einst Dan O'Bannon sein "Alien"-Projekt (an das kaum jemand glaubte).

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In "78/52 – Die letzten Geheimnisse von Psycho" widmete der Schweizer einen Dokumentarfilm der Duschszene von Hitchcocks "Psycho". Nun wird in der "Alien"-Doku die berühmte "Chestburster"-Szene – sicher einer der ekelhaftesten Momente der Filmgeschichte – in gefühlten 30 Minuten durchanalysiert, inklusive Vorlesen des Drehbuchs, das für diese Szene lediglich eine schmale Seite benötigte. Wer die Szene anschauen will und vielleicht zu jung ist, um den ersten (und besten) von sechs "Alien"-Filmen gesehen zu haben, kann diesen Schockmoment der Lichtspieltheater-Historie unter "Chestburster" und "Alien" problemlos bei You in der "Alien"-Doku die berühmte "Chestburster"-Szene – sicher einer der ekelhaftesten Momente der Filmgeschichte – in gefühlten 30 Minuten durchanalysiert, inklusive Vorlesen des Drehbuchs, das für diese Szene lediglich eine schmale Seite benötigte. Tube "nacharbeiten".

Lange Zeit wollte kein Studio "Alien" finanzieren. Im Gegensatz zu damals gängigen Science-Fiction-Welten wie "Star Wars" oder "Star Trek" war das Ambiente von "Alien" viel zu schmutzig und die Moral des Films in jeder Beziehung hoffnungslos. "An keiner Stelle in 'Alien' hat man das Gefühl, dass etwas, was uns Menschen ausmacht, diese Kreatur bezwingen kann", sagt einer der Interviewten – Kritiker und Veteranen, die vor 42 Jahren an der Entstehung des Films beteiligt waren – in die Kamera des Dokumentarfilmers. Schauspieler Tom Skerritt, mittlerweile 88 Jahre alt, spielte damals den Kapitän des etwas heruntergekommenen Raumfrachters "Nostromo", dessen Crew aus dem Tiefschlaf geweckt wurde, weil man ein Signal aufgefangen hatte, das zur Bergung der gefährlichen "Alien"-Fracht führte.

Skerritt berichtet, dass er als erster Schauspieler für den Film angefragt wurde. Damals habe das Budget des Science Fiction-Films bei albernen zwei Millionen Dollar gelegen. "Zwei Millionen Dollar klingen nach einem Ed Wood Film", lacht Skerritt. Er lehnte erst mal ab. Auch Regisseur Walter Hill stieg aus, drehte lieber "Die letzten Amerikaner" (1981). An seiner Stelle kam ein noch ziemlich unbekannter Brite namens Ridley Scott zum Zug. Das Budget wurde später auf zehn bis elf Millionen Dollar aufgestockt. Übrigens: der erste "Star Wars"-Film war auch nicht teurer.

Ein Film für Filmfreaks 

"Memory: Über die Entstehung von Alien" erzählt den SciFi- und Horror-Klassiker vor allem als kreatives Kollektivprodukt der Masterminds Dan O'Bannon, Ridley Scott und des Schweizer Künstlers HR Giger, der nicht nur das Monster selbst erschuf, sondern auch das vielleicht berühmteste Set Design der Filmgeschichte (Raumschiffe, Schächte, Höhlen, Wandgemälde etc.). Schauspielerin Veronica Cartwright, neben Skerritt die einzige Darstellerin, die sich im Dokumentarfilm äußert (allerdings ist der Rest der "Nostromo-Crew" bis auf Hauptdarstellerin Sigourney Weaver bereits verstorben) erinnert sich, als sie erstmals die Bauten Gigers betraten: "Als wir ans Set kamen und sahen, was sie gemacht hatten, war das einfach irre. Alles stand da in Echtgröße, keine Computeranimationen. Du warst in riesigen Höhlen, alles war sehr sexuell ausgerichtet."

Dass die Witwen Dan O'Bannons und HR Gigers den Dokumentarfilm mitproduziert haben, erklärt ein bisschen den legitimen Fokus des 90-Minüters auf die verstorbenen Ehemänner hinter dem Ausnahmewerk. Dass Ridley Scott und Sigourney Weaver nicht selbst im Interview auftauchen, ist schade, aber aufgrund des eher kulturanalytischen Ansatzes des Films verschmerzbar. "Memory" ist ein Film für Filmfreaks und jene Menschen, die sich für wirklich alle kulturhistorischen Einflüsse des Meta-Horrors "Alien" interessieren. Von der altägyptischen Kultur, die HR Gigers Lieblingskultur war, wie die Witwe erzählt, über Hieronymus Bosch bis hin zu Francis Bacons Gemälde "Kreuzigung", der Vorlage für die Alien-Figur. Ein Wahnsinn, wie viel menschliche Kulturgeschichte in nur einem Horrorfilm über ein außerirdisches Wesen stecken kann.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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