Netflix-Film

"Prey": Junggesellenabschied wird zum Horror-Trip

von Julian Weinberger

Vor der Hochzeit macht Roman (David Kross) mit vier Freunden eine Wandertour. Bald müssen die Männer feststellen: Sie werden gejagt. Lohnt sich beim neuen Netflix-Film der Klick auf Play?

Wenn man an Junggesellenabschiede in Filmen denkt, landet man schnell bei wilden Abrisspartys in Las Vegas oder anderen Partyhochburgen – samt Filmriss am nächsten Morgen. Derlei Sauforgien in schummrigen Feierdestinationen hat Roman (David Kross) nicht im Sinn. Stattdessen will er seine letzten Tage vor der Eheschließung mit seinem Bruder Albert (Hanno Koffler) und einigen Freunden bei einer Wandertour in einem abgeschiedenen Waldstück genießen. Daraus wird jedoch nichts, weil im neuen Netflix-Survivalhorror "Prey" (ab 10. September) eine unbekannte Gefahr Jagd auf die Männergruppe macht.

"Fünf verdammt coole Typen bei Junggesellenabschied tödlich verunglückt": Was zu Beginn noch nach einem blöden Scherz seitens Albert klingt, wird bald zur knallharten Realität für das Junggesellenquintett. Dabei waren die Männer eigentlich schon fast am Auto angekommen, bereit für die Heimreise. Doch dann fallen Schüsse, Vincent (Yung Ngo) wird am Arm getroffen – und der SUV scheidet wegen eines platt geschossenen Reifens als Fluchtmöglichkeit aus. Stattdessen stürzen sich die Männer in die vermeintliche Deckung des Waldes.

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Vom Found-Footage-Horror "Blair Witch Project" über "Cabin In The Woods" bis hin zu "The Forest" boten dichte Wälder und deren unheimliche Aura schon mehrmals die Kulisse für überzeugendes Gruselkino. Das Potenzial der vermeintlichen Ruheoasen in der Natur zu veritablen Schockmomenten versucht auch Regisseur Thomas Sieben in "Prey" zu nutzen – allerdings vergeblich. Eine bedrohliche Atmosphäre kommt bei dem 90-Minüter kaum einmal auf, was vor allem daran liegt, dass der komplette Film am helllichten Tag spielt.

Gute Ideen versanden

Innovative Ideen, um trotzdem für Spannungsspitzen zu sorgen, fehlen dem deutschen Survival-Horror allerdings komplett. Vielversprechende Einfälle, etwa scheinbar zufällig im Wald platziertes Kinderspielzeug, versanden. Dafür darf man vor dem Bildschirmen den Freunden um Roman und Albert bei ihrer ziellosen Flucht durch den Wald zusehen – erst recht, nachdem der ortskundige Stefan (Klaus Steinbacher, "Oktoberfest 1900") von einer nicht benannten Unbekannten mit wehendem blauen Mantel kaltblütig per Kopfschuss hingerichtet wird.

Jene einsame und den ganzen Film über stumme Rächerin (Maria Ehrich) ist es auch, die mit ihrem imposanten Gewehr im Anschlag dem nunmehr flüchtenden Quartett auf der Spur ist. Bei den reißbrettartig inszenierten Charakteren der Freunde ist von Trauer um ihren toten Kumpel jedoch nichts zu spüren.

Vincent, der Jammerlappen der Gruppe, hat ohnehin genug mit seiner Wunde und der misslichen Situation zu kämpfen. Albert kristallisiert sich als arroganter Anführer heraus, während der Good Guy Roman versucht, die Gruppe zu vereinen. Beim letzten im Bunde, Peter ("Freud"-Star Robert Finster), fragt man sich derweil, weshalb er überhaupt mit den anderen befreundet ist. Dauerhaft im Wiener Schmäh vor sich hin schimpfend, provoziert er ohne Unterlass seine Mitstreiter, erst verbal, später auch mit seinen Fäusten.

So dümpelt der deutsche Netflix-Streifen seinem unvermeidlichen Ende entgegen. Einzig, die Frage, wer am Ende überlebt, hält das Interesse noch aufrecht. In der Zwischenzeit wird noch das recht stereotype Motiv der Mörderin aufgedeckt, und Roman findet ein schlimmes Geheimnis über seinen Bruder heraus, das die beiden entzweit. Insgesamt enttäuscht "Prey" trotz prominenter Schauspielerriege und fügt dem deutschen Horrorgenre nach dem zuletzt schon ernüchternden Netflix-Film "Blood Red Sky" ein weiteres unnötiges Kapitel hinzu.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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