37°-Reportage im ZDF

"Wisch und weg": das Phänomen Ghosting

von Franziska Wenzlick

Liebe ist vergänglich, vor allem die Liebe auf dem Internet. In Zeiten von Dating-Apps verschwinden potenzielle Partner oft genauso schnell wieder, wie sie aufgetaucht sind.

ZDF
37°: Wisch und weg
Dokumentation • 06.04.2021 • 22:15 Uhr

Wer sich heutzutage auf Partnersuche begeben möchte, muss dafür nicht einmal die eigenen vier Wände verlassen. Gerade in Zeiten von immer wiederkehrenden Lockdowns und Social Distancing hat sich Online-Dating für viele als willkommene Möglichkeit erwiesen, trotz Pandemie neue Menschen kennenzulernen. Auf der wohl erfolgreichsten Dating-App, Tinder, funktioniert dies, indem man per Wisch nach rechts oder links entscheidet, ob ein anderer Nutzer als potenzieller Partner infrage kommt – oder eben nicht.

So weit, so unkompliziert, könnte man also meinen. Dabei sind Plattformen wie Tinder maßgeblich an der Entstehung des Begriffes "Ghosting" ("Vergeisterung") beteiligt. Soll heißen: Eine Person, die man datet, verschwindet plötzlich von der Bildfläche. Von einem Tag auf den anderen erhält man weder auf Nachrichten noch Anrufe eine Antwort – die Person hat sich scheinbar in einen schlichtweg nicht mehr greifbaren Geist verwandelt. In einer neuen Ausgabe der Reportage-Reihe "37°" gehen die Filmemacher Tina Soliman und Torsten Lapp diesem Phänomen auf den Grund und lassen dabei Menschen zu Wort kommen, die alle ihre ganz eigenen Erfahrungen mit dem wortlosen Abschied gemacht haben.

"Im realen Leben bin ich noch nie geghostet worden! Das ist mir nur mit meiner Tinder-Beziehung passiert," sagt etwa die 53-jährige Katja. Die Werbetexterin war ein Jahr lang mit ihrem Partner zusammen, bevor dieser wie aus dem Nichts den Kontakt zu ihr abbrach. Katjas Geschichte ist bei weitem kein Einzelfall: Mehr als 80 Prozent der jüngeren Nutzer haben bereits schmerzhafte Erfahrungen gemacht mit dem Ghosting, heißt es im Film. Denn: Nicht nur das Dating, sondern auch das Verlassen sei einfacher geworden.

Ist die Liebe also durch die Popularität von Dating-Apps flüchtiger geworden? Ein Zusammenhang scheint auf jeden Fall zu bestehen, wenn Frauen wie Lucie von ihren Erfahrungen mit Plattformen wie Tinder berichten. "Man kann in einer Viertelstunde 50 Kandidaten nach links wischen", erklärt Lucie. "Das ist wie eine Droge. Du willst immer mehr!" Aus Angst, der bessere, perfekte Partner könnte sich jederzeit hinter dem nächsten Swipe verbergen, wage man es nicht mehr, eine verbindliche Beziehung einzugehen.

Dabei leiden Menschen, die ohne Erklärung verlassen werden, oft noch monatelang unter der Ungewissheit. Nussin zum Beispiel wurde depressiv, nachdem ihr Freund sie auf allen Plattformen blockiert hat. "Man meidet Menschen. Und man hat Angst vor Annäherung. Nähe bedeutet für mich mittlerweile Bedrohung," erzählt sie. Bis heute versucht sie zu verstehen, wie es zu dem Ausbleiben einer letzten Nachricht kommen konnte: "Sich nicht zu erklären und mich einfach zu löschen ist feige. Es ist besser zu sagen, wenn man nicht interessiert ist. Damit hätte ich leben können. Aber mich einfach zu löschen ist ein existentieller Angriff."

37°: Wisch und weg – Di. 06.04. – ZDF: 22.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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