Biopic über Elton John

"Rocketman": Sex, Drugs und Popmusik

von Sven Hauberg

Das Biopic über Elton John beginnt mit einer Drogenbeichte. "Rocketman" setzt das bewegte Leben des Musikers als knallbuntes Musical in Szene und lässt dabei auch peinliche Szenen nicht aus. Im Anschluss runden bei ProSieben eine Doku und ein Konzert den großen Elton-John-Abend am Ostermontag ab.

ProSieben
Rocketman
Biographie • 05.04.2021 • 20:15 Uhr

Es ist Montagnacht im Troubadour, dem legendären Club in West Hollywood, und Elton John hebt ab. Dutzende sind gekommen, um die neue Sensation aus England zu bestaunen, und da sitzt er nun am Klavier, in Latzhose und mit dicker Brille, und spielt "Crocodile Rock". Zögerlich zunächst, dann immer intensiver. Bis er schließlich zu schweben beginnt und wie ein Heißluftballon in der Luft hängt, nur mit den Händen noch am Klavier. "Rocketman", Dexter Fletchers Film über Elton John, den ProSieben am Ostermontag als Free-TV-Premiere zeigt, hat viele solche Szenen, in denen sich Realität und Traum vermischen und die aufgeladen sind mit Symbolik. Denn freilich hob damals, im August 1970, nicht nur Elton John ab, sondern auch seine Karriere.

"Rocketman" beginnt einige Jahre später. Elton John (Taron Egerton), den aufgedunsenen Körper in ein Superheldenkostüm gequetscht und auf der Nase eine Herzchenbrille, stolpert in eine Sitzung der anonymen – ja, was eigentlich? Alkoholiker ist er, außerdem süchtig nach Sex, Medikamenten, Kokain und so viel anderem. Diese Therapiesitzung bildet den Rahmen für "Rocketman", immer wieder kehrt der Film hierher zurück.

Und diese offene Drogenbeichte gleich zu Beginn macht auch deutlich, was "Rocketman" sein will: ein schonungslos offenes Porträt eines Künstlers, das keine noch so peinliche Episode auslässt. Der Film schafft das Kunststück, sowohl märchenhaft bunt als auch knallhart realistisch zu sein. Szenen, die den Popstar Elton John feiern, wechseln sich ab mit Momenten, in denen der heute 74-Jährige besoffen über der Kloschüssel hängt und sich die Seele aus dem Leib kotzt.

Dafür muss man wissen, dass Elton John selbst den Film produziert hat, unter anderem zusammen mit seinem Ehemann David Furnish. Da blickt also einer selbst zurück auf sein Leben, ohne falsche Scham. Ganz anders also, als das "Bohemian Rhapsody" getan hat, jener Film über Freddie Mercury und seine Band Queen, bei dem "Rocketman"-Macher Dexter Fletcher ebenfalls teilweise Regie führte. Gegen "Rocketman" ist "Bohemian Rhapsody" brav wie ein Kirchenchor. Wenn Elton John erstmals mit seinem Geliebten und späteren Manager John Reid (Richard Madden) im Bett landet, wendet sich die Kamera nicht beschämt ab. So viel schwulen Sex, darauf wies der "Hollywood Reporter" hin, gab es in einem Blockbuster noch nie.

Zunächst ist "Rocketman" allerdings ein recht braves Biopic, das erzählt, wie der fünfjährige Reginald Kenneth Dwight erste Klavierstunden nimmt und sich langsam zum ernstzunehmenden Musiker mausert. Als junger Mann trifft er dann Bernie Taupin (Jamie Bell), dessen Songtexte er vertont. Reginald gibt sich den Namen Elton John. "Du musst den, als der du geboren wurdest, umbringen. Damit du zu der Person werden kannst, die du sein willst" – diese Lektion erhält Elton John bei einem seiner frühen Auftritte einmal von einem amerikanischen Musiker, und er nimmt sie sich zu Herzen.

In "Rocketman" wechselt Taron Egerton die Kostüme und Brillen häufiger als andere die Unterwäsche. Außerdem erzählt der Film viel davon, wie sich Elton John von seinen Eltern (Bryce Dallas Howard, Steven Mackintosh) emanzipiert, vor allem von seinem Vater, der ihn nicht liebt. Und davon, wie er seine Sexualität entdeckt und schließlich akzeptiert.

Hauptdarsteller Taron Egerton singt selbst

Wie das Ganze ausgeht, ist hinlänglich bekannt. Für alle, die die letzten drei Jahrzehnte ohne Boulevardmedien leben mussten, erklärt es der Film zum Schluss in mehreren Texttafeln: Elton John ist heute nicht nur trocken, sondern auch geliebter Ehemann. Mission erfüllt sozusagen. Dass "Rocketman" dennoch spannend ist, liegt an der Erzählstruktur des Films, die immer wieder zwischen den Zweitebenen springt und die Handlung so gekonnt aufbricht.

Was "Rocketman" angesichts der vielen Musicaleinlagen fast gänzlich fehlt, sind die großen Konzertszenen, die "Bohemian Rhapsody" so mitreißend gemacht haben. Im Elton-John-Film wird fast jeder Song nur angeschnitten, aber Taron Egerton singt dabei stets selbst. Dass er dabei längst nicht jeden Ton trifft – geschenkt. Denn Egertons schauspielerische Leistung ist wahrlich oscarreif – auch wenn es letztlich "nur" ein Golden Globe wurde. Er liebt, leidet und kokst zwei Stunden wie ein Wahnsinniger. Am Ende bleibt dennoch ein ernüchterndes Gefühl zurück. "Rocketman" will so viel sein – Sittenporträt der 70-er, Coming-Out-Drama und Biografie sowieso. Das alles unter einen (Glitzer-)hut zu bringen, gelingt dem Film nur ansatzweise. "Rocketman" ist vor allem eines: ein sehr schriller Schrei nach Liebe.

Fans von Elton John kommen am Ostermontag auch im Anschluss voll auf ihre Kosten: Denn nach dem Spielfilm ordnet die Dokumentation "Elton John: A Singular Man" ab 22.50 Uhr die persönliche und musikalische Entwicklung des britischen Exportschlagers ein – samt ausführlichem und schonungslosem Interview mit dem Star des Abends. Zum Ausklang greift der Meister dann ab 0 Uhr selbst in die Tasten. "Elton John: The Million Dollar Piano live in Las Vegas" zeigt ein Konzert des Popstars im Colosseum des Caesars Palace in der Stadt der Sünde.

Rocketman – Mo. 05.04. – ProSieben: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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