Dokumentarfilm im Ersten

"Kinder des Kalifats": Mit 13 in den Krieg

von Andreas Schoettl

Der syrische Filmemacher Talal Derki begleitete über Jahre den Alltag eines islamistischen Milizionärs und seiner Kinder im Norden des umkämpften Bürgerkriegslandes. Die mehrfach ausgezeichnete Doku jagt dem Zuschauer Schauer über den Rücken.

ARD
Dokumentarfilm im Ersten: Kinder des Kalifats
Dokumentation • 24.06.2020 • 22:45 Uhr

Wie so viele andere sitzt auch dieser Mann nicht einfach nur am Steuer seines Wagens. Er wippt mit zum Song aus dem Radio. Er kennt den Text auswendig. Doch der bärtige Mann trällert nicht etwa einen weiteren belanglosen Chartshit. Es geht in dem Song um die Stärke Gottes. Im Text heißt es: "Gottes Anhänger werden euch zerquetschen. Ganz gleich, wie lang es dauert." Der im Berliner Exil lebende Talal Derki ("Homs – Ein zerstörter Traum") sitzt mit im Auto. Dem in Damaskus geborenen Filmemacher ist Unfassbares gelungen. Über die Dauer von mehr als zwei Jahren konnte er Abu Osama, den Mann am Steuer, und dessen Familie durch ihren Alltag begleiten. Derki musste sich dafür als Kriegsfotograf und Sympathisant von Dschihadisten ausgeben. Seine seltene wie erschreckende filmische Zusammenfassung lief unter dem Titel "Of Fathers and Sons" bereits bei ARTE, sie ist nun im Rahmen von "Dokumentarfilm im Ersten" zu sehen.

Wie gefährlich Derkis Aufenthalt an der syrisch-türkischen Grenze in der Provinz Idlib wohl gewesen sein mag, deutet die Vita Abu Osamas an. Der 45-jährige bärtige Mann ist ein Mitbegründer der al-Nusra, dem syrischen Ableger von al-Qaida. Er hat wohl tatsächlich schon andere "zerquetscht". So bestätigen es zwei seiner insgesamt acht Kinder. Die Söhne Ayman und Osama, benannt nach Osama bin Laden und dessen Stellvertreter, Ayman Al Zawahiri, halten einen Vogel in ihren kleinen Händen. Das Tier ist tot. Osama, kaum zwölf Jahre alt, sagt zu seinem Vater: "Ich habe den Vogel geschlachtet. Wir haben seinen Kopf runtergedrückt und abgetrennt, wie du es mit dem Mann gemacht hast."

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Derkis Film nimmt eine sehr ungewöhnliche Perspektive ein. Direkte Grausamkeiten zeigt er nicht. Die Brutalität des Krieges lässt sich jedoch erahnen, wenn Abu Osama aus seinem Versteck heraus schießt und schnell nach einem anderem Gewehr ruft, um den Mann auf dem Motorrad endgültig zu erledigen. Oder Dutzende Gefangene der syrischen Regierungsarmee in geduckter Haltung in einen Hinterhof geführt werden. Die Kamera fasst Tränen in jungen verängstigten Gesichtern ein. Erschaudern lässt der Kommentar dazu: "Ich weiß nicht, was mit diesen jungen Männern geschehen ist. Ich fürchte, die meisten von ihnen werden diesen Tag nicht überlebt haben."

Neben Abu Osama, der im weiteren Verlauf durch eine Mine seinen linken Fuß verliert, werden dessen Söhne Ayman und Osama zu Protagonisten. In der Fokussierung der Beziehung des Vaters zu den Söhnen entwickelt der Film seine eigene eindringliche Stärke. Der Dschihadisten-Führer, der tötet, geht mit seinen Kindern mitunter sehr herzlich um. "Liebst du mich?", fragt er einen seiner Kleinsten. Die Älteren wie den eher störrische Osama entsendet er hingegen ins Terror-Ausbildungscamp. Auch sie sollen sehr bald kämpfen. Für das Kalifat.

Die Kamera Derkis ist auch bei zunächst unbeholfen wirkenden Gymnastikübungen junger Buben in Tarnanzügen dabei. Als sie sich im Trainingscamp laut Kommando in Position bringen sollen, verwechselt einer der Jungen zunächst die Seite. Doch Drill und mitunter körperliche Übergriffe der "Ausbilder" verfehlen ihre Wirkung nicht. Einige Zeit später liegt der größer gewordene Osama neben vielen anderen auf dem Rücken im Staub Syriens. Einer der "erwachsenen" Soldaten schreitet die Formation zu seinen Füßen ab. Mit durchgeladenem Maschinengewehr und scharfer Munition schießt er zwischen ihre Köpfe oder die Beine in den Sand. Beim Einschlag der Kugeln in den Boden rührt sich keiner der im Staub liegenden jungen Menschen auch nur einen Millimeter. Auch Osama nicht. Mit seinen erst 13 Jahren scheint er bereit für den Kampf für das Kalifat. Er zieht in den Krieg. So wie es schon sein Vater gemacht hat.

Die "Kinder des Kalifats", das unter seinem Originaltitel "Of Fathers and Sons" zahlreich ausgezeichnet und unter anderem für einen Oscar nominiert wurde, ist über die Dauer von mehr als 90 Minuten sehr schwere Kost, die einen permanenten Schauer über den Rücken laufen lässt. Und man kommt ins Grübeln – etwa darüber, wie eine Region auch nur ansatzweise zu einem Frieden kommen soll, wenn bereits folgende Generationen für den Krieg herangezüchtet werden.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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