Ein gesprächiger Katalane ist er, dieser Ferran Adrià. Beim Interviewtermin im "Bayerischen Hof" in München und dem anschließenden Mittagessen – natürlich stilecht im Sternerestaurant "Tantris" – machte er auch keinen Hehl daraus: Der 56-jährige Starkoch brennt für seine Arbeit. Leidenschaftlich redet er über seine Profession. Sein Erfolgsrezept ist einfach: Nach vorne gehen, ausprobieren, bloß nicht stillstehen.

Mit dem Edelrestaurant "elBulli" nördlich von Barcelona avancierte Adrià zum Gastronom von Weltruhm, seine Kreationen versprühten Kreativität, Innovation und den Mut zum Risiko. Drei Michelin-Sterne konnte er einst für sein Lokal ergattern. Mittlerweile ist das "elBulli" geschlossen. Nicht aufgrund von mangelnder Kundschaft oder schwächelndem Umsatz. Adrià wollte sich neu erfinden. 2011 war Schluss: "elBulli" wurde in eine Stiftung umgewandelt, die es sich zum Ziel setzte, Talente und Innovationen zu fördern.

Eine zwölfteilige Doku über Adrià und sein Schaffen existiert bereits, nun wird sie um drei frische Folgen erweitert. Amazon Prime Video hat sich die Rechte an allen 15 Episoden gesichert und stellt sie an Montag, 2. Juli, weltweit zeitgleich zur Verfügung. Das hehre Ziel von "elBulli – Die Geschichte eines Traums": nicht weniger als eine Chronik des einst besten Restaurants der Welt – und ein spannender Blick in die Zukunft.

"Das 'elBulli' hat nie wirklich zugemacht. Das Restaurant hat seine Pforten geschlossen. Aber das 'elBulli' war und ist sehr viel mehr als ein Restaurant", so das spanische Genie. "elBulli" – das ist eine Idee. Und um ebenjene Idee soll es in der spannenden Doku-Reihe gehen. 3000 Stunden Filmmaterial wurden dafür zusammengetragen, Interviews mit Hunderten von Personen geführt – eine kolossale Menge an Zutaten für ein gleichsam ambitioniertes Projekt.

Adrià war und ist kein unumstrittener Koch

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Ferran Adrià das Kochen und die Gastronomie revolutionierte: Design, Ästhetik, ja sogar Storytelling finden sich in seinem kulinarischen Schaffen wieder. Kochen ist für ihn ein Gesamtkunstwerk – und eben jener künstlerischer Gestus wurde ihm schon zuhauf attestiert. Auch Frankreichs kürzlich verstorbener Starkoch Paul Bocuse adelte ihn einst: "Ferran Adrià macht die aufregendsten Dinge in unserem Beruf." Es erscheint nur folgerichtig, dass das Werk des experimentierfreudigen wie temperamentvollen Südländers nun in einer episch anmutenden Doku-Reihe zusammengefasst wird. Selbstverständlich gab es immer auch kritische Stimmen, die ihn insbesondere für den technischen, nahezu wissenschaftlichen Aspekt seiner Arbeit belächelten, ihn sogar prätentiös nannten. Sicher: Adrià war und ist kein unumstrittener Koch – ein Schicksal vieler großer Künstler.

Er selbst sah und sieht sich als Avantgardist, als jemanden, der Mauern durchbricht, neue Wege aufzeigt und diese für die Nachhut ebnet. Seine Gerichte rissen oft die Strukturen der Zutaten ein, nur um sie anschließend neu zu definieren – ein Sinnbild für seine Kochkunst. Viele seiner Kreationen sind in die sogenannte Molekularküche einzuordnen, bei der biochemische Prozesse im Fokus stehen. Liest man die Namen seiner Gerichte, glaubt man fast, sich im literarischen Kosmos des Fantasyautoren Walter Moers zu befinden: Die Arbeit mit flüssigem Stickstoff war in der Küche des Ferran Adrià nichts Ungewöhnliches, sphärischer Melonenkaviar keine Seltenheit auf dem Speiseplan.

Mit seiner "elBulli"-Stiftung will er nun neuen Talenten eine Plattform bieten, Wissen zusammentragen, Verknüpfungen herstellen. Wie genau das funktioniert? Das erfährt man in der Serie selbst: "Nun habe ich endlich ein Instrument, mit dem ich den Menschen erklären kann, was ich tue," so Adrià über das Format. "elBulli – Die Geschichte eines Traums" setzt dem Sternekoch ein Denkmal. Doch der im Interview stets wild gestikulierende Katalane gibt sich selbst sehr bescheiden: "Jeder kann, was ich kann. Ich bin nicht besonders begabt."

Eigentlich wollte der Fan des FC Barcelona der nächste Johan Cruyff werden. Zum Fußballsuperstar hat es nicht gereicht – Gott sei Dank, möchte man meinen. Stattdessen wurde Ferran Adrià zum internationalen Star der Haute Cuisine. Und zum einzigen Kochkünstler, der jemals zur documenta eingeladen wurde. Das ist doch etwas. Beziehungsweise viel mehr als nur etwas. Es ist eine Idee – und Ideen sind laut "V wie Vendetta" schließlich kugelsicher.


Quelle: teleschau – der Mediendienst