Wenn sie lächelt, strahlt sie über das ganze Gesicht: Andrea Sawatzki. Im Interview spricht die stets optimistische Schauspielerin über ihre vielseitigen künstlerischen Tätigkeiten.

Als Charlotte Sänger ermittelte Andrea Sawatzki im "Tatort" (2001 bis 2009). Doch die 55-Jährige ließ sich nicht aufs Krimigenre festlegen. Wiederkehrend verkörperte sie die Titelheldin der "Bella..."-Komödien (seit 2010), dann übernahm sie eine Rolle in der Historien-Eventserie "Borgia" (2011 bis 2013) und erst kürzlich war sie in Oskar Roehlers Kino-Satire "HERRliche Zeiten" (2018) zu sehen. Daneben schreibt sie die "Bundschuh"-Romane und spielt in deren ZDF-Verfilmungen die Hauptrolle. Auch als Sprecherin von Hörbüchern und Hörspielen tritt sie in Erscheinung. In der SAT.1-Komödie "Es bleibt in der Familie" (Dienstag, 18. Dezember) übernimmt Andrea Sawatzki nun die Rolle der rebellischen Lola, die mit Ende 40 versehentlich zur Leihmutter ihres eigenen Enkels wird! Im Interview spricht sie über Sexismus in der Branche und warum sie mit ihrem Ehemann Christian Berkel (61) auch beruflich harmoniert.

prisma: Die von Ihnen gespielte Lola Freud will weder erwachsen werden noch Verantwortung übernehmen. Ist sie so etwas wie der weibliche "Peter Pan"?

Andrea Sawatzki: Ja, das ist ein schöner Vergleich! Das war auch das, was ich an der Figur so mochte und warum ich sie unbedingt spielen wollte. Dass sie sich weigert, erwachsen zu werden. Hinzukommt, dass sie in ihrem Beruf nie wirklich Erfolg hatte und einfach nicht daran glauben kann, dass das jetzt schon alles war.

prisma: Lola raucht, säuft, vögelt und flucht – in so einer Rolle kann man sicherlich mal die Sau rauslassen. Macht so eine Figur beim Spielen mehr Spaß als andere?

Sawatzki: Mehr Spaß würde ich jetzt nicht sagen, weil ich eigentlich alle meine Figuren gleich gerne mag. Man ist ja nie unkonzentriert beim Spielen, egal in welcher Rolle. Insofern ist das dann auch kein privates Fluchen! (lacht) Es ist also nicht wirklich befreiend für mich als Schauspielerin, wenn ich eine solche Figur verkörpere.

prisma: Im Film geht's in gewisser Art und Weise um Leihmutterschaft per Zufall. Tatsächlich ist Leihmutterschaft in Deutschland verboten. Finden Sie das rückständig?

Sawatzki: Oh Gott, ich habe mich jetzt nie wirklich mit dem Thema beschäftigt, muss ich zugeben.

prisma: Sie selbst sind Mutter zweier Söhne und gleichzeitig eine der bekanntesten und aktivsten deutschen Schauspielerinnen. Wie geht das zusammen? Gibt es Lebensphasen, in denen sich Privates und Berufliches besser vereinbaren lassen?

Sawatzki: Ich habe ja das Glück, dass ich mit einem Schauspielkollegen verheiratet bin. Insofern versuchen wir natürlich unsere Termine so zu legen, dass sich immer jemand um das Zuhause kümmern kann. Die Kinder sind mittlerweile 16 und 19 Jahre alt und kommen auch mal ganz gut allein zu Recht. Als die kleiner waren, war das etwas komplizierter, aber inzwischen können wir auch beide gleichzeitig arbeiten, ohne dass zu Hause gleich der Tumult ausbricht!

prisma: "Es bleibt in der Familie" beleuchtet die Rolle der Frau – Kinder zeugen, Kinder kriegen, Kinder großziehen. Ehefrau und Mutter sein. Denken Sie, die Gesellschaft ist nach wie vor zu konservativ und patriarchal?

Sawatzki: Ja und nein. Denn da hat sich einiges getan in letzter Zeit. In dieser Film-Familie ist aber tatsächlich alles sehr konservativ. Denn Lolas Tochter und deren Ehemann leben in einer etwas rückständigen Nachbarschaft. Ich glaube, dass sich die meisten Frauen ehrlich wünschen, ein Kind zu bekommen, gesellschaftliche Zwänge hin oder her. Dramatisch ist es natürlich, wenn das nicht funktioniert. Und darum geht es hauptsächlich in diesem Film. Um den Wunsch der Tochter, selbst eine Familie zu gründen und alles besser zu machen, als es ihre Mutter jemals geschafft hat.

prisma: Der Film behandelt auch das Tabuthema "Sex im Alter" ...

Sawatzki: Ich würde das jetzt nicht unbedingt als Alter bezeichnen, wenn man auf die 50 zugeht. Unter Sex im Alter verstehe ich vielleicht 80! (lacht)

prisma: Der Film funktioniert als Plädoyer für einen reflektierteren Umgang mit den Themen Weiblichkeit und Sexualität. Fällt dies in Komödienform leichter?

Sawatzki: Ja! Solche Themen gehen dem Publikum in einer schwarzen Komödie viel leichter zu Herzen als in einem ernsten Film. Denn dieses Genre bietet die Möglichkeit, etwas von außen zu beobachten und mitzulachen, weil man sich in den Figuren wiedererkennt. Daraus resultiert oftmals auch eine Erkenntnis. Ich liebe dieses Genre, denn es gibt quasi keine Hemmschwelle.

prisma: Lola ist eine Rebellin. Wie bewahrt man sich den inneren Rebellen oder das innere Kind?

Sawatzki: Indem man versucht, Kind zu bleiben! Das hört sich leichter an, als es ist. Der Beruf des Schauspielers bietet aber eine gute Ausgangsposition dafür. Als Schauspielerin muss ich das Kind in mir ständig wachhalten und pflegen. Das trifft auch auf Künstler im Allgemeinen zu. Und dadurch wird es uns recht leicht gemacht, in unserem Inneren nicht wirklich erwachsen werden zu müssen. Wenn man anderen Berufen nachgeht, sehr streng erzogen wurde oder sich in einem Umfeld bewegt, in dem es eher belächelt wird, wenn das Kind in einem hervorlugt, sieht das schon ganz anders aus. Dann kann es sehr schwierig sein, das Kind in sich nicht zu verschütten.

prisma: Sie haben im Laufe Ihrer Karriere bereits fortlaufende Rollen wie im "Tatort" oder in "Polizeiruf 110" übernommen, spielen aber auch in sich abgeschlossenen Filmen mit. Was gefällt Ihnen besser?

Sawatzki: Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich das eine lieber mag als das andere. Es kommt immer darauf an, was einem angeboten wird. Die ZDF-Reihe "Die Bundschuhs" beispielsweise ist eine Verfilmung meiner eigenen Romane. Da ist es natürlich klar, dass ich sofort dabei bin, wenn wir daraus eine Reihe machen! Ich finde Serien, Reihen oder Miniserien immer wieder spannend, weil man da ganz andere Möglichkeiten hat, eine Figur zu entwickeln. Abgeschlossene Filme sind auf der anderen Seite auch sehr befriedigend, weil man weiß, dass das Projekt dann tatsächlich zu Ende ist.

prisma: Viele Kolleginnen beschweren sich darüber, dass die Zahl der Rollenangebote kleiner wird, nachdem man das 40. Lebensjahr vollendet hat. Sind Sie schon mal mit diesem Problem konfrontiert worden?

Sawatzki: Nun ja, bei mir war es nie so, dass ich mit Rollenangeboten überschüttet worden wäre. Aber ich bin damit ganz glücklich, weil ich bislang immer selbst auswählen konnte, was ich gerne spielen möchte. Aber es stimmt natürlich, dass Frauen ü40 weniger Angebote bekommen. Es gibt viel zu wenig Filme, die Rollen für Frauen in dem Alter anbieten. Das ändert sich aber aktuell. Denn es wird langsam erkannt, dass das Fernsehpublikum eben auch älter wird und sich darüber freut, gleichaltrige Frauen im TV zu sehen!

prisma: Kann man grundlegend sagen, dass die Film- und TV-Branche sexistisch ist? Männer über 40, 50 oder 60 haben eher selten Probleme damit, Rollen zu finden ...

Sawatzki: Ja, das ist bestimmt so. Ich sehe auch die Angst, die umgeht. Die Angst der Schauspielerinnen, älter zu werden. Wobei das gerade das Reizvolle wäre. Auch mal Frauen zu spielen, die älter geworden sind, und denen die Lebenserfahrung tatsächlich ins Gesicht geschrieben steht. Frauen, denen man Alter und Erfahrung ansieht. Das fehlt momentan in der Branche. Aber ich bin optimistisch, dass der Wunsch nach Hochglanz abnimmt und die Ansichten in Zukunft etwas moderner werden. Man muss die Menschen auch altern lassen.

prisma: Sie sind in vielen unterschiedlichen Bereichen aktiv und erfolgreich. Als Schauspielerin, Romanautorin, Sprecherin bei Hörspielen und Hörbüchern haben Sie immer viel zu tun. Was treibt Sie an?

Sawatzki: Der Spaß an diesen Dingen! Ich wollte zum Beispiel immer schon einen Roman schreiben, aber dafür muss man die richtige Zeit abwarten. 2013 hat das dann endlich geklappt. Es war nun mal nicht möglich, als Autorin zu arbeiten, als die Kinder noch kleiner waren. Da war es schwierig, neben den Dreharbeiten und dem Haushalt auch noch ein Buch zu schreiben. Als die Kinder langsam älter wurden, dachte ich mir, dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem ich diesen Traum verwirklichen kann. Das war eine schöne Erfahrung, und es macht mir einfach total Spaß. Ich sehe das auch nicht als einen völlig fremden Beruf an, wenn man ihn neben die Schauspielerei stellt. Ich betrachte das Schreiben von Romanen eher als Ergänzung. Man liest viel als Schauspieler, man schreibt viel als Autor. Man arbeitet viel an den Menschen, die man spielen möchte. Und man setzt sich mit Menschen auseinander, wenn man Figuren zu Papier bringt.

prisma: Sie haben oft gemeinsam mit ihrem Ehemann Christian Berkel Projekte realisiert. Geht so was immer gut, wenn man Berufliches mit Privatem vermischt?

Sawatzki: Ja, klar! Wir sind in dem Moment einfach nur Kollegen und nicht Ehemann und Ehefrau. Kürzlich haben wir mit "Scheidung für Anfänger" (im Januar im Ersten zu sehen, d. Red.) sogar einen Film gedreht, in dem ein Paar nach 24 Ehejahren beschließt, sich scheiden zu lassen. Doch so etwas zu spielen, ist für uns überhaupt nicht unangenehm. Weil wir uns eben privat so gut verstehen und es keine Probleme in unserer Beziehung gibt. Am Set sind wir dann einfach nur Kollegen, die einen Film zusammen drehen. Das geht locker!

prisma: Ihr Ehemann hat in den letzten Jahren immer wieder in kleineren Rollen in internationalen Produktionen wie zum Beispiel in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" mitgewirkt. Nun spielt er eine der Hauptrollen in der Amazon-Serie "Beat". Ist man da auch ein Stück weit neidisch oder überwiegt stets der Stolz auf den Partner?

Sawatzki: Wieso sollte ich da neidisch sein? Man freut sich doch für den anderen! Unsere Arbeit ist relativ ausgeglichen. Grundsätzlich haben wir gleich viel zu tun. Wenn der Partner Arbeit hat, dann ist das doch super. Wir hätten keine funktionierende Beziehung, wenn wir nicht mit dem Erfolg des anderen zurechtkämen. Dann würden wir einfach nicht zusammenpassen. Entweder man liebt sich oder man liebt sich nicht!


Quelle: teleschau – der Mediendienst