ZDF-Talkshow

Anton Hofreiter redet sich bei Lanz zum Thema Tönnies in Rage

Wird der Corona-Ausbruch in einer Fleischfabrik das deutsche Ischgl? Ein Virologe zeigte sich bei Markus Lanz vorsichtig optimistisch, ein Grünen-Politiker fand sehr klare Worte über die deutsche Fleischindustrie.

Fast 2.000 Infizierte bei Tönnies, Lockdown für die Landkreise Gütersloh und Warendorf, ein Ausbruchsgeschehen größer als im Kreis Heinsberg: Die Corona-Ereignisse rund um den Fleischfabrikanten Tönnies in Nordrhein-Westfalen überschlagen sich. "Könnte es das deutsche Ischgl werden", fragte Moderator Markus Lanz den Virologen Dr. Martin Stürmer am Dienstagabend in seiner Sendung im ZDF. "Ein bestimmtes Potenzial ist da", antwortete der Frankfurter Wissenschaftler, gab sich aber noch optimistisch: "Man hat spät reagiert, 2.000 Infizierte ist eine Hausnummer, die man erst mal in den Griff kriegen muss. Im Rest der Republik sind wir aber auf einem relativ guten Niveau, und vielleicht gelingt es, die ganze Sache in den Griff zu bekommen."

Die Arbeits-und Lebensbedingungen der Arbeiter in der Tönnies-Fabrik scheinen ein idealer Nährboden für das Virus zu sein. Den Grünen-Fraktionschef im Bundestag, Anton Hofreiter, wundert das nicht. "Wir haben es vom Beginn der Kette bis zum Schluss mit einem kaputten Wirtschaftszweig zu tun. Eine der Ursache ist, dass das einzige Kriterium häufig der Preis ist." Er finde es "unglaublich", dass solche Zustände in der Fleischindustrie, die total unsozial seien, auch noch sozial gerechtfertigt werden.

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Selbst der Griff an der Kühltheke zu vermeintlich nachhaltiger produziertem Fleisch löse das Problem nicht, glaubt Hofreiter. "Wenn sie Biofleisch kaufen, macht das keinen Unterschied." Die auf den Verpackungen beworbenen "Hofgüter" im Fachwerkidyll gebe es in Wahrheit gar nicht – oder es handle sich wie beim "Gut Ponholz" um das "LKW-Zentrallager". Hofreiter: "Wenn das einzige Kriterium der Preis ist, kaufen die Leute das Billigste. Es müssen sich die Gesetze ändern, und wenn sich die Gesetze ändern, muss man ehrlicherweise sagen, wird es am Ende etwas teurer."

Das wollte Lanz genauer wissen: Es sei doch ein "Argument", dass jeder das Recht habe, Fleisch zu essen. Was er solchen Leuten entgegne, wollte er von Hofreiter wissen. Dessen Antwort fiel deutlich aus. Der promovierte Biologe redete sich in Rage: "Jeder hat das Recht, Fleisch zu essen, aber wir haben nicht das Recht, eine Produktion aufzubauen, die darauf beruht, dass in Südamerika Kleinbauern ermordet werden, dass Schweine unter katastrophalen Bedingungen gehalten werden, dass Bauern wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand stehen und dass Menschen ausgebeutet werden bis aufs Blut." Von den gewaltsamen Zuständen in Südamerika habe er sich auf Reisen selbst ein Bild gemacht.

Das Virus führe dazu, dass ein grelles Licht darauf gelenkt werde, wo wir in unserer Gesellschaft unhaltbare Zustände haben, führte Hofreiter weiter aus. Um zumindest die Bedingungen in der Fleischindustrie zu verbessern, forderte er ein Verbot der Werkverträge und die Einführung einer Generalunternehmerhaftung für den Arbeitsschutz. "Im Kern müsste man das ganze System ändern, das darauf ausgerichtet ist, die Preise nach unten zu drücken."


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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